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| Im Wald |
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| Es ging leicht bergab und er hatte
das Gefühl, schnell voranzukommen. Als er auf seine Uhr
schauen wollte, bemerkte er, daß sie genau wie sein
Schlüssel und seine Papiere verschwunden war.
Er schaute sich um und sah die Stadt abweisend auf dem Hügel
liegen. Zwar waren in den äußeren Häusern
Fenster, aber er sah keine Türen oder Tore. Rings um
die Stadt war nur wüstenhaftes Land; der in einiger Entfernung
liegende Wald war die einzige grüne Fläche, die
er entdecken konnte.
Etwa drei Stunden lang war er unter der heißen Sonne
marschiert, als er feststellen mußte, daß er die
Entfernung zum Wald erheblich unterschätzt hatte. Er
würde wohl weitere fünf Stunden brauchen, bis er
ihn erreichen würde, vielleicht sogar mehr. Zu seiner
Erleichterung fand er an seinem Gürtel eine große
Flasche mit Wasser, die beiden alten Männer mußten
sie ihm gegeben haben, bevor sie ihn aus dem Fenster ließen.
Er fragte sich, was mit ihm los war, daß er sich noch
nicht einmal erinnern konnte, wann das passiert war. Irgendwie
hatte er das Gefühl, daß er langsamer dachte als
sonst, langsamer und gleichzeitig weniger klar, so als ob
er gerade nach einem viel zu kurzen Schlaf aufwachte. |
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| Die Zeit, die er bis zum Erreichen
des Waldes benötigen würde, bot eine gute Gelegenheit,
sich ein paar Gedanken um seine Vergangenheit zu machen. Seine
Heimat war eine grüne Hügellandschaft im Herzen
Europas, dessen war er sicher. Er durchforschte sein Gedächtnis
weiter und fand heraus, daß ihm zu naturwissenschaftlichen
und technischen Problemen weit mehr einfiel als zu literarischen
Themen. Mit dem Namen Rutherford beispielsweise verband er
einen berühmt gewordenen Versuch zur Modellbildung bei
Atomen, ihm kamen sogar technische Einzelheiten, Jahreszahlen
und Schlußfolgerungen aus diesem Versuch in den Sinn.
Zu Goethe fiel ihm dagegen nur Faust, Mephisto und Gretchen
ein. Ach ja, einen Sinnspruch hatte er auch noch im Kopf:
Hier steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie
zuvor - das war nun wirklich ein Trost. Auch Musik war eine
ziemliche Fehlanzeige: er liebte Hardrock, auch Verdi oder
Händel waren ihm freilich nicht zuwider; all das bewegte
sich aber offenbar auf einer rein rezeptiven Ebene.
Im Bereich Kunst erinnerte er sich wieder an mehr: Klee,
Picasso, Monet, Moore - vor allem Impressionisten und Expressionisten.
Einen richtigen Reim konnte er sich nicht auf diese Bruchstücke
machen; war er ein Experte für Kunstfälschungen
oder ein naturwissenschaftlich Halbgebildeter mit Freude
an Kunst und Musik? Er fand keine Antwort. Vor allem aber:
wie war er in diese Gegend geraten, warum war er hier und
wo war er hier? |
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| Unterdessen war er dem Wald recht nahegekommen,
noch einige Minuten weiter den sanften Hügel hinunter,
und er hatte den Waldrand erreicht. Gott sei Dank, sagte er
sich, denn Hunger und Durst begannen ihn zu quälen; außerdem
hatte sich die Sonne dem Horizont schon bedenklich genähert
und er hatte keine Lust, in der Wüste zu übernachten.
Der Himmel verfärbte sich flammend orangerot, einige Wölkchen
standen hoch am Himmel. Es war ein wirklich schönes Bild.
Er liebte Sonnenuntergänge und konnte sich nicht erinnern,
jemals solch intensive Farben und eine solch eigenartig gefärbte
Sonne gesehen zu haben. Langsam begann die Vegetation: Dickblattgewächse
wie Hauswurz und Sempervivum, dann einige Wüstengräser
und kleine gelbblühende Pflanzen, die ihm unbekannt waren.
Dann ging es steil bergab und erstaunlich plötzlich stand
er im Wald. Er atmete die Düfte des Waldes tief ein und
lauschte dem Zwitschern von Vögeln und dem Summen der
Insekten.
Er wollte sich gerade setzen, um sich ein wenig auszuruhen,
als er links von sich eine Bewegung im Wald wahrnahm. Er erschrak
ein wenig und erwartete, ein größeres Tier
zu sehen, einen Fuchs vielleicht.
Dann hörte er zu seiner Überraschung eine Frauenstimme.
“Paul, da bist du ja wieder. Wie hast du es geschafft,
zu entkommen?”
Eine blonde, hübsche Frau, vielleicht 40 Jahre alt,
stand neben einem Busch, lächelte ihn an und breitete
die Arme aus.
Verwirrt sah er sie an. Sie kannte ihn, aber er kannte sie
nicht, jedenfalls nicht richtig. Trotzdem wurde ihm warm ums
Herz.
Sie bemerkte sein Erstaunen.
“Paul, erkennst du mich nicht? Ich bin’s, Mona.”
Dann, nach einigem Zögern und mit einem Zittern in der
Stimme: “Was ist, erinnerst du dich nicht mehr an mich?
Paul, was haben die mit dir gemacht?”
“Hilf mir auf die Sprünge”, sagte er unsicher.
“Du kommst mir zwar bekannt vor, aber ich erinnere mich
nicht, ich erinnere mich an so vieles nicht. Wo bin ich hier
überhaupt?”
Sie sah ihn besorgt an. “Was ist passiert? Weißt
du nicht mehr, wer ich bin? Du weißt nicht mal, wo du
bist? Komm mit, ich bringe dich ins Dorf zu Kühnhold.”
Energisch faßte Mona ihn an der Hand und zog ihn in
den Wald, wo sie einem Pfad folgten, der wohl auch bei vollem
Tageslicht kaum zu erkennen war.
“Erzähl mir doch was über dich oder mich,
vielleicht fällt mir dann wieder einiges ein”,
bat er sie.
Sie schüttelte den Kopf. “Die Desis scheinen dich
unter Drogen gesetzt zu haben. Ich denke, daß Kühnhold
besser weiß, was da zu tun ist, meine medizinischen
Kenntnisse reichen da gewiß nicht aus. Wenn ich dir
irgendwas falsches erzähle, schade ich dir womöglich
mehr als ich dir nutze.” Sie wirkte bei ihrer Begründung
irgendwie traurig oder melancholisch.
So gingen sie also schweigend durch den Wald, der schnell
sehr dicht wurde. Große Buchen bildeten das Gerüst,
unter ihnen breitete sich eine reichhaltige Schicht aus hohen
und niedrigen Sträuchern aus, der Boden war von Gras
und Kräutern bedeckt. Es war dämmrig, aber der Duft
von Erde und Blumen erfüllte die Luft. Hin und wieder
flog ein Vogel auf, manchmal meinte er auch, links und rechts
im Gebüsch einige Bewegungen zu hören, aber er konnte
keine Tiere erkennen. Nach einer viertel Stunde wurde der
Wald etwas lichter, dann konnte man die ersten Hütten
zwischen den Bäumen erkennen.
Sie waren im Dorf angekommen. |
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| Mona führte ihn an einigen Blockhäusern
vorbei zu einem kleinen Platz. Über einer Tür standen
die Buchstaben HQ, dort klopfte Mona an und trat ein. Sie standen
direkt mitten im größten Raum der Hütte. An
einem großen Tisch saßen zwei Männer und eine
Frau. Alle drei sprangen auf, als er eintrat und liefen auf
ihn zu. “Paul, da bist du ja wieder.” - “Wo
warst du?” - “Wie bist du hergekommen?”
- “Wie geht es dir?” Alle redeten aufgeregt durcheinander.
Mona schob sie zurück. “Laßt ihn doch erst
mal Platz nehmen und gebt ihm etwas zu essen und zu trinken.
Ich habe ihn am Waldrand aufgelesen, als er aus der Wüste
kam.”
Man schob ihm einen Stuhl hin, auf den er sich setzte. Er
sah sich um, während die anderen Teller, Tassen, Essen
und Getränke holten.
Derjenige, der mit Kühnhold angeredet wurde, war ein
großer Mann mit Brille und leich vorstehenden Augen;
er redete bestimmt, fast arrogant mit den anderen und waroffenbar
der Chef. Hermfried war etwas kleiner und ziemlich beleibt;
er schien jünger zu sein als seine grauen Haare vermuten
ließen und seine flinken, stets lächelnden Augen
ließen ihn freundlich und sympathisch wirken. Andra
war eine hübsche, wenn auch sehr robust wirkende Frau
mit einem sommersprossigen Gesicht; sie war fast so groß
wie Hermfried. Paul fielen sofort ihre gewandten, raubkatzenartigen
Bewegungen auf.
Bei allen hatte er das gleiche Gefühl: er kannte sie,
wußte aber nicht, warum und woher.
Der Raum war einfach eingerichtet, ähnlich wie in dem
Haus in der Stadt, wo er die beiden Männer getroffen
hatte. Der große Tisch, an dem er saß, mindestens
zehn grob gefertigte Holzstühle, einige Regale aus Holz
und ein einfacher Schrank, das war alles. Eine Tür führte
offenbar in die Küche, in der die vier anderen verschwunden
waren, eine weitere Tür war geschlossen.
Dann saß er hinter einem Teller mit einem schmackhaft
riechenden Eintopf mit Geflügelfleisch, wie die anderen
hatte er eine Tasse mit Tee vor sich stehen.
Während des Essens erzählte er das, woran er sich
erinnern konnte. Die anderen wechselten zuweilen besorgte
Blicke.
“Und jetzt bin ich hier, weiß aber nicht, wo
hier ist. Daß ich Paul heiße, weiß ich auch
nicht. Da ihr mich aber alle so anredet, wird das wohl mein
Name sein.”
Kühnhold ergriff das Wort.
“Du weißt nicht, wie du hier auf ... - in diese
Gegend gekommen bist?”
“Doch sicher.” Er bemerkte, wie sich Kühnholds
Stirn in Falten legte. “Aus dieser Stadt, von der ich
nicht weiß, wie sie heißt.”
“Da können wir helfen: Negs heißt die Stadt.”
Hermfried gab diese Information, aber Kühnhold
schnitt ihm das Wort ab.
“Wirf ihn nicht mit Informationen zu, er muß
sich selbst finden.”
Dann wandte er sich an Paul.
“Eines können wir dir aber sagen, ohne dir zu
schaden: Man hat dich in Negs offenbar mit einem pflanzlichen
Halluzinogen behandelt, und das ist aus irgendwelchen Gründen
schiefgegangen. Es war wohl eine Überdosis,
die dir die letzten Jahre geraubt hat. Unser Problem ist jetzt,
wie wir diese Jahre gemeinsam wieder aus dem Dunkel holen,
ohne Schäden zu verursachen. Weißt du, wir haben
auch schon einige unangenehme Erfahrungen mit der hiesigen
Vegetation gemacht; ich vermute, Mona war nicht sehr überrascht,
als sie dich in diesem Zustand fand.”
Mona nickte und sagte dann: “Paul ist müde und
verwirrt, wir sollten ihn erst einmal gründlich ausschlafen
lassen.”
Die anderen nickten und auch Paul hielt für eine gute
Idee, sich schlafen zu legen. Sein Kopf brummte und er war
hundemüde.
“Weißt du eigentlich, wo du schläfst”,
fragte Mona.
Paul schüttelte den Kopf.
“Du kommst mit zu mir”, fuhr Mona fort. “Wir
waren zusammen, bevor du diesen Unmenschen in die Hände
gefallen bist.”
Paul sah Mona nachdenklich an und bemerkte, daß ihm
dabei nicht nur ums Herz warm wurde. Die Frau hatte ihm sofort
gefallen. Er fand den Gedanken, bei ihr zu übernachten,
die erfreulichste Angelegenheit des Tages und hoffte, daß
seine Phantasie nicht mit ihm durchging. |
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|
| Monas Hütte war nicht weit entfernt.
Alle Hütten im Dorf hatten einen ähnlichen Aufbau:
roh behauene Baumstämme mit einem Dach aus Holzschindeln,
romantisch wie in einem alten Wildwestfilm. Mona gab ihm
noch ein scharf schmeckendes alkoholisches Getränk, dann
gingen sie in einen Schlafraum, der gut zum Äußeren
des Hauses paßte. Das Bett war hart, es hatte eine Matratze
aus Heu und Stroh, und auf dem Bett lagen ein Dutzend großer,
weicher Felle.
Mona war nicht nur hübsch, sondern auch sehr liebevoll,
und er fand, daß seine Erwartungen erfüllt wurden.
Bevor er einschlief, merkte er, daß dieses ständige
Gefühl von Verfolgung und Furcht langsam von ihm abfiel.
Nur noch irgendwo tief im Unterbewußtsein nahm er ein
leises Unwohlsein wahr.
Ihm war, als wäre er von einer langen Reise nach Hause
zurückgekehrt.
Am nächsten Tag wurde er von einer Mischung aus Morgensonne,
geschäftigem Treiben draußen und einem aus dem
Nebenraum herüberziehenden Duft geweckt.
Er stand nicht sofort auf, sondern dachte über das Geschehene
nach. Beim Gedanken an Monas Körper bedauerte er, daß
sie nicht neben ihm lag, sondern sich offenbar in der Küche
zu schaffen machte. Nun, es würde wohl nicht der letzte
gemeinsame Abend gewesen sein.
Dann überlegte er, was er in Negs gesucht haben könnte,
und warum er nicht zu Hause in Deutschland geblieben war,
sondern in dieses Camp gefahren war.
Er stutzte. Deutschland? Wieso Deutschland? Ihm kamen Bilder
in den Sinn, Bilder von einer Familie, drei Kindern, einer
Frau, einer anderen als Mona. Er hatte irgendwo im Bereich
Naturwissenschaft gearbeitet, aber als was genau und wo?
Jetzt stand er schnell auf, entdeckte eine Schüssel
mit kaltem Wasser auf der Kommode neben dem Bett und schüttete
sich etwas davon ins Gesicht. Er lief in die Küche, wo
Mona am Tisch saß und frühstückte.
“Komm, setz dich und iß was”, sagte sie.
Dann, als sie seine Verwirrung bemerkte, fragte sie: “Was
ist, geht es dir gut? Hast du gut geschlafen?”
Die Frage ließ ihn lächeln. “Doch, wirklich
gut, es hätte nicht besser sein können.” Dann
fügte er ernster werdend hinzu: “Mir fallen einige
Dinge ein. Deutschland, eine Familie, Naturwissenschaftler.
Sag mal, wo sind wir hier eigentlich und was machen wir hier?
Bist du nicht meine Frau? Bin ich meiner Familie abgehauen?
Oder ist das eine Forschungsreise?”
Sie machte erstaunlicherweise ein erschrockenes Gesicht.
“Laß uns sofort zu Kühnhold und Hermfried
gehen. Dieses Zurückkehren der Erinnerung ist nicht ungefährlich,
da kann es zu einem Schock kommen. Hermfried ist unser Arzt,
ich weiß nicht, ob du dich erinnerst. Er kann im Notfall
helfen.”
Mona stand auf, ohne ihr Frühstück zu beenden.
“Komm, Paul.”
Sie gingen schnell zu Kühnholds Haus. Unterwegs trafen
sie viele Leute, die ihn freundlich grüßten; er
grüßte zurück. Langsam gewöhnte er sich
daran, von Leuten umgeben zu sein, die ihm zwar bekannt vorkamen,
die er aber nicht einordnen konnte.
In Kühnholds Haus trafen sie wieder das Trio des gestrigen
Abends an. Mona berichtete kurz, dann wandte sich Kühnhold
an ihn.
“Mona hat dir ja schon gesagt, daß man in solch
einem Fall von Gedächtnisverlust nicht vorsichtig genug
sein kann. Amnesie ist eine kritische Angelegenheit.”
“Ich erinnere mich, von früher”, sagte Paul.
“Wie, von früher?”
“Nun, aus der Zeit weit vor meinem Gedächtnisverlust.
Das kann zu massiven psychischen Problemen führen, wenn
man die Patienten nicht vorsichtig in die Vergangenheit zurückführt.
Ich hatte irgendwas mit Naturwissenschaften zu tun, deshalb
habe ich davon wohl schon was gehört.”
Die vier sahen sich offenbar erleichtert an.
“Dann weißt du ja, warum wir so vorsichtig vorgehen.”
Dann fragte Hermfried: “Wenn du nicht mehr weißt,
wo wir sind, hast du denn eine Theorie, wo wir hier sind?”
“Ich habe schon auf dem Weg von der Stadt in den Wald
überlegt, wie ich hier hergekommen sein könnte und
wo ich bin. Nun gut. Erstens: Ich komme aus Deutschland und
dies ist nicht Deutschland. So eine Gegend gibt es da nicht,
auch die Sprache der Einwohner von Negs war mir völlig
unbekannt. Ich vermute, daß wir nicht mal in Europa
sind. Der Tee, den es sowohl hier gibt wie auch in der Stadt,
hat mich auf die Idee gebracht, daß wir im Himalajagebiet
sein könnten, in einem der hochgelegenen Wüstengebiete.
Ich habe immer gern Tee getrunken und der hier erinnert mich
an Darjeeling oder irgendeinen der milderen Sorten aus China.
Auch die Kultur in der Stadt könnte damit übereinstimmen,
ich erinnere mich, ähnliches in Reiseberichten im Fernsehen
gesehen zu haben. Zweitens: Für den Grund meines Hierseins
ziehe ich zwei Möglichkeiten in Betracht. Entweder befinde
ich mich auf der Flucht vor meiner Frau und meinen drei Kindern,
da ich mich dunkel an sie erinnere; Mona war diese Frau nicht,
also könnte ich mit ihr abgehauen sein. Oder wir befinden
uns hier auf einer Forschungsreise unter allerdings reichlich
einfachen Bedingungen: kein Strom, keine Computer, keine Fahrzeuge,
gemütliche, aber sehr rustikale Unterkunft. Mehr fällt
mir auf Anhieb nicht ein.”
Wieder sahen sich die vier erleichtert an. Kühnhold
und Mona nickten sich an.
“Also dein analytischer Verstand funktioniert noch,
Gott sei Dank”, sagte Kühnhold. “Deine erste
Vermutung trifft erstaunlich genau zu, wir sind wirklich im
Himalajagebiet. Bei der zweiten Vermutung wird es schwieriger.
Hier wollen wir dir noch nichts sagen, bis dir mehr dazu einfällt.”
Hermfried ergänzte: “Wenn man der Erinnerung zu
sehr vorgreift, kann es zu Identitätskrisen kommen. Es
hat sich als besser erwiesen, den Patienten - du entschuldigst,
daß ich dich jetzt so nenne - selbst sein Gedächtnis
wiederfinden zu lassen. Wie fühlst du dich körperlich?
Eigentlich hätte ich dich gestern schon kurz untersuchen
sollen, aber du schienst einigermaßen fit zu sein, deshalb
habe ich dich so gehen lassen.”
Er legte ihm ein kleines Gerät auf das linke Handgelenk,
schaute nach einer Weile darauf und sagte: “Puls und
Blutdruck normal. Die Atmung ist auch in Ordnung.” Er
klopfte kurz seinen Rücken ab. “Alles o.k., würde
ich sagen. Körperlich fehlt dir auf den ersten Blick
nichts. Es bleibt offenbar nur das Amnesieproblem. Wenn
dir etwas neues einfällt, komm bitte sofort zu uns.”
Mona hatte in der Zwischenzeit ein kleines Frühstück
in der Küche vorbereitet und brachte es an den Tisch.
Frisches Brot und die Früchte des Waldes, er aß
es mit Genuß.
Nach einiger Zeit kamen Kühnhold und Andra wieder zurück.
“Paul, ich denke, du solltest dich ein wenig im Dorf
und seiner Umgebung umsehen. Andra wird dich begleiten. Sie
kennt die Gegend und ihre Gefahren wie niemand sonst. Du kannst
sie ruhig fragen, wonach du willst. Oft wird sie dir allerdings
keine Antwort geben; wie schon erwähnt, wir haben hier
auch schon vor dir schlechte Erfahrungen mit Halluzinogenen
gemacht.” |
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| Als er mit dem Frühstück fertig
war, ging er mit Andra aus dem Haus. Zuerst gingen sie über
den großen Dorfplatz und verließen dann das Dorf
in der entgegengesetzten Richtung, aus der er gestern gekommen
war. “Ich zeige dir zuerst mal unsere landwirtschaftliche
Produktionseinheit. Bis wir da sind, erzähle ich dir
was über das Dorf. Hier wohnen 289 Leute in 83 Hütten.
Du hast ja gesehen, das ist alles der gleiche Baustil in Westernatmosphäre.
Wir sind 122 Frauen zwischen 23 und 61 Jahren und 167 Männer
zwischen 25 und 58. Die meisten haben eine naturwissenschaftlich-technische
Ausbildung, das geht vom Elektronikingenieur bis zum Gärtner;
zu denen gehörst du auch.”
“Was war - oder bin ich denn genau”, fragte er
dazwischen.
“Kühnhold meint, das sollte dir besser ohne Hilfe
einfallen. Kühnhold ist der Chef hier im Dorf, Hermfried
der Arzt, Mona arbeitet in der landwirtschaftlichen Produktion
und ich bin so eine Art Experte für Organisation und
Logistik, außerdem bin ich für die Sicherheit hier
im Dorf mitverantwortlich.”
“Heißt das, daß du eine militärische
Ausbildung hast?”
“Das gehörte zwar auch dazu, ist aber nicht der
Schwerpunkt meiner Aufgabe hier, das fällt nur nebenbei
an.” Dann fuhr sie mit den Erklärungen fort. “Wir
produzieren unsere Nahrungsmittel wohl oder übel selbst,
bisher hat das aber auch ganz gut funktioniert. Es geht uns
eigentlich ganz gut hier.”
Sie kamen an eine Stelle, an der sich der Wald zu einer riesigen
Lichtung öffnete. Paul schätzte die Größe
auf 300 Meter im Quadrat, also etwa 10 Hektar. Getreideähren
bewegten sich in einem schwachen Wind, dazwischen gab es Gemüsekulturen,
an einer Ecke sah er einen kleinen Pferch mit einem Hühnerstall.
Ein Mann und eine Frau winkten zu ihm herüber, worauf
sie sich dorthin begaben.
Die beiden stellten sich als Will und Jane vor.
“Wir haben schon gehört, daß du wieder fit
bist, Paul. Du siehst gut aus”, begrüßte
ihn Will. Jane nickte zustimmend. “Wir haben uns große
Sorgen gemacht, aber es geht dir ja offenkundig gut.”
Paul lächelte freundlich zurück. “Ich fühle
mich auch gut und es gefällt mir hier. Aber ihr müßt
entschuldigen: ihr kommt mir bekannt vor wie die anderen hier
und trotzdem weiß ich immer noch nicht, wo ich bin,
wer ihr seid und wer ich bin.”
Die beiden schauten zu Andra, die mit den Schultern zuckte
und dann zustimmend nickte.
“Na, das wird schon wieder”, versuchte Jane ihn
zu trösten.
Paul sah dem munteren Treiben der Hühner zu. Zwei buntschillernde
Hähne versuchten, ihre Rangordnung zu bestimmen, während
um sie herum die Hühner unter ständigem Gegacker
in dem nackten Boden nach Würmern scharrten und Körner
aufpickten. Es war immer wieder faszinierend zu sehen, wie
vollständig Hühner den Boden von jeder Vegetation
freihielten.
Sie verabschiedeten sich und begaben sich zurück in
den Wald. Andra erklärte weiter.
“Wir haben noch fünf weitere Lichtungen in dieser
Größe, außerdem im Wald drei abgezäunte
Gebiete zur Haltung von Schweinen. Du siehst, alles ist wohlorganisiert.”
“Das ist wohl ein Lob an dich, wie?”
“Ach was. Ich bin zwar mit dafür verantwortlich,
aber nicht allein. Kommt dir eigentlich nichts hier bekannt
vor?”
“Also das ist eigenartig. Die Gegend hier ist mir unbekannt,
das Dorf ist mir unbekannt, es klingen auch keine Erinnerungen
an. Bei den Leuten ist das ganz anders. Bei den beiden gerade
habe ich gespürt, daß ich sie kannte und sogar,
daß ich sie mochte, auch ohne daß ich wüßte
woher ich sie kannte. Jane gefiel mir ausgesprochen gut, als
Mensch wie als Frau.”
Er bemerkte einen kritischen Seitenblick von Andra.
Verlegen lächelnd fuhr er fort: “Entschuldige
meinen mangelnden Charme. Du gefällst mir auch,
ich bewundere die elegante Art, in der du dich bewegst.”
Dann stutzte er stirnrunzelnd. “Sag mal, bin ich hinter
jeder Schürze her?”
Sie lachte über seine Ausdrucksweise. “Nicht hinter
jeder”, gab sie zurück. Es hörte sich fast
etwas bedauernd an – oder bildete er sich das nur ein?
Er sah sie ernst an. “Ich bewege mich hier wohl auf
dünnem Eis. Ich finde dich wirklich sehr attraktiv, ich
möchte aber keinen Unsinn anrichten, von solchen Dingen
lasse ich lieber die Finger. Unannehmlichkeiten mache ich
euch wohl auch so genug.”
Andra sah ihn stirnrunzelnd an, dann zuckte sie mit den Schultern
und nickte. “Ist wohl das Beste so.”
Das kleine Gespräch über zwischenmenschliche Beziehungen
verwirrte ihn. Er hatte schon lange nicht mehr in den Spiegel
geschaut und wußte nicht, ob er nun schön war oder
nicht. Sein Gesicht fiel ihm wieder ein, zum ersten mal, seitdem
er wieder bei zu Bewußtsein gekommen war. Nein, sein
Aussehen prädestinierte ihn nicht zu einem Frauenhelden,
er war zwar ziemlich groß, aber überhaupt nicht
schön - nun, vielleicht hatte er Charme und Humor, wer
weiß.
Andra erzählte weiter über die Organisation der
Gemeinschaft, während sie durch den dichten Wald
gingen. Sie kamen an einem umzäunten Gebiet vorbei, in
dem sich etliche Schweine tummelten. Richtig ökologische
Tierhaltung mit glücklichen Schnitzeln von glücklichen
Schweinen, dachte er. Sie sahen sich eine weitere Rodung an,
wo sie wieder freundlich begrüßt wurden. Hier war
eine ähnliche Mischkultur angelegt wie auf der ersten
Lichtung, nur waren diesmal auch Kartoffeln dabei. |
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| Schließlich kamen sie zu einem
riesigen Baum in der Mitte des Waldes.
“Hier siehst du einen zentralen Pfeiler unseres Sicherheitssystems.
Weit oben, nur über eine Strickleiter zu erreichen, ist
eine kleine Aussichtsplattform, von der aus wir den größten
Teil des Umlandes beobachten können. Die größte
Aufmerksamkeit bekommt natürlich Negs.”
Bei dem Gedanken, da hinauf zu müssen, wurde Paul mulmig.
So, als könnte sie Gedanken lesen, sagte Andra: “Rauf
müssen wir nicht, keine Sorge.”
“Sag mal, Andra, was haben die eigentlich gegen uns,
oder was haben wir gegen die? Mir geht noch was dauernd im
Kopf herum: Ihr - oder sollte ich sagen wir? - habt euch hier
so richtig auf Dauer niedergelassen, wie es scheint. Wollen
wir denn nicht irgendwann nach Hause zurück?”
“Wollen schon”, gab Andra etwas bitter zurück.
“Wollen, aber nicht können. Wenn dir dein Gedächtnis
wieder zur Verfügung steht, dann fällt dir auch
wieder ein, warum.”
“Du sagst es mir nicht?”
“Nein, besser nicht.”
“Aber wenn wir hier auf Dauer bleiben wollen, dann
müßten doch auch Kinder hier sein. Oder handelt
es sich um einen Unglücksfall?”
“So was in der Richtung. Aber frag bitte nicht weiter,
es reicht erst mal, wenn du beunruhigt bist, mehr würdest
du vielleicht im Moment nicht vertragen.”
Da war das Gefühl wieder, dieses Gefühl, nichts
zu wissen, das Gefühl, in einem Spiel mitzuspielen, dessen
Regeln man nicht kannte, dessen Beginn man nicht miterlebt
hatte, dessen Ziel nicht bekannt war. Die Mitspieler kannte
er nicht wirklich, er wußte nicht einmal, wer seine
Mitspieler waren und wer seine Gegenspieler. Doppelkopf auf
einer höheren Ebene!
Sie gingen weiter auf dem Weg durch den Wald. Es ging langsam
auf Mittag zu, und sie näherten sich wieder dem Dorf.
Der Weg wurde etwas breiter und die ersten Hütten standen
unter und zwischen den Bäumen, es wirkte wie ein Märchendorf
aus Blockhütten, anheimelnd und gemütlich.
Nur wenige Leute waren im Dorf, die meisten kümmerten
sich wohl um die Landwirtschaft. Auch Mona war nicht da.
“Du hast ja mich”, flachste Andra. “Komm,
wir gehen zu Kühnholds Haus, vielleicht haben sich
die hohen Herren ja überlegt, wie sie deinem Gedächtnis
ein wenig helfen können.”
Hermfried hatte sie schon kommen sehen und erwartete sie
an der Tür.
“Kommt, wir wollen essen.”
Der Tisch war gedeckt, und Kühnhold trug mit einer Frau,
die er bisher noch nicht gesehen hatte, das Essen auf. Wie
gestern war es relativ einfach, aber schmackhaft. Diesmal
waren es Kartoffeln mit einer fleischhaltigen Sauce, dazu
gab es Salat. Während des Essens erzählten Andra
und Paul von ihrem kleinen Ausflug. Schließlich hob
Kühnhold zu einigen Erklärungen an.
“Wir hängen hier tatsächlich fest. Es hat
in Europa und nicht nur dort eine Katastrophe gegeben. Wir
mußten weg und haben keine Möglichkeit zur Rückkehr.”
“Was denn für eine Katastrophe? Ist die Umwelt
aus dem Gleichgewicht? Krieg? Hunger?”
“Eine Mischung aus alledem. Es fing damit an, daß
die globalen Temperaturen sehr schnell anstiegen. Die
folgenden gewaltigen Stürme brachten Tod und Vernichtung.
Erinnerst du dich wirklich an nichts mehr?”
Paul durchforstete mit aller Kraft sein Gedächtnis,
aber er fand nichts. Er schüttelte den Kopf.
“Nun, um es kurz zu machen, die größte Katastrophe
war der Zusammenbruch der Böden. Die Ertragseinbußen
waren gewaltig und kamen außerordentlich schnell.
Hungersnöte brachen aus, nicht nur in den Entwicklungsländern,
sondern auch in den Industrieländern.”
Nun schaltete sich die Frau in das Gespräch ein. Gisa
war vielleicht 45 oder 50 Jahre alt, hatte streng nach hinten
gescheiteltes Haar und blickte sehr ernst drein.
“Das große Problem war die schnelle Veränderung
der Parameter. Die strukturelle Flexibilität der ökonomischen
Systeme war auch in den Industrieländern nicht so weit
ausgeprägt, daß die enormen Umwälzungen hätten
abgefedert werden können. Dies hatte eine sich exponentiell
entwickelnde Katastrophe zur Folge. Die industriellen Strukturen
zerbrachen, die gesamte Logistik der reichen Ländern
zerfiel, das Leben war gekennzeichnet von einem brutalen,
kriminellen Kampf ums Überleben. Diesen Bürgerkrieg
konnte nicht einmal ein Militärputsch beenden.”
“Das ging nur noch jeder gegen jeden”, fuhr Hermfried
fort. “Niemand hätte gedacht, daß die hochentwickelte
technische Zivilisation innerhalb von weniger als zwei Jahren
einen so kompletten Kollaps erleiden könnte. Mittlerweile
leben höchstens noch fünf bis zehn Millionen Menschen
in Europa und es ist abzusehen, wann auch das vorbei ist.
In Amerika sieht es nicht anders aus, in der dritten Welt
ist es überall noch schlimmer.”
Paul hörte aufmerksam zu. Wenn er die kurze Vorlesung
richtig verstand, hatte sich die Zivilisation selbst in den
Dreck geritten. Nun, an Mahnern hatte es nicht gefehlt, daran
erinnerte er sich. Aber es sollte alles immer größer,
immer schneller, immer höher sein. Er erinnerte sich
dunkel daran, daß sogar interstellare Raumflüge
geplant waren. Er hatte sich, wenn ihm da nicht Traum und
Wirklichkeit durcheinander gerieten, sogar dafür interessiert.
“Wieso sind wir dann hier?” fragte er dann.
“Wir haben dafür geworben, in einem abgelegenen
Gebiet neu und bescheiden anzufangen, ohne große Technik,
aber mit einer effektiven Organisation und einem angepaßten
Know-how”, erklärte Kühnhold. “Vergebens,
alle hofften auf ein Ende der Katastrophe, um dann weiterzumachen
wie bisher. Der Mensch ist unbelehrbar. Kaum jemand hatte
Interesse daran, im Einklang mit den kosmischen Kräften
zu leben. Wir sind dann hier in den Himalaja gezogen, um neu
anzufangen. Wer mitkommen wollte, konnte das tun, aber es
waren nur wenige, wie du siehst. Du warst und bist dabei.
Den Kontakt zur alten Welt haben wir abgebrochen.”
“Drei Fragen habe ich noch: Wieso sind keine Kinder
an Bord?” - Er sah, wie Kühnhold zusammenzuckte.
“Habe ich da an etwas Trauriges gerührt? Wenn ja,
entschuldige bitte, ich bin halt nicht ich selbst, wie es
scheint. Die zweite Frage bezieht sich auf die Stadt Negs:
Wieso haben wir Streit mit denen? Warum leben die da oben
in der Wüste und wir hier im Wald? Und die dritte Frage:
Wie lange sind wir denn schon hier?”
Diesmal erklärte Hermfried. “Also mit den Kindern,
das ist wirklich etwas Trauriges. In diesen Wirren ist ein
Genexperiment außer Kontrolle geraten. Ein veränderter
Ebolavirus ist aus einem Hochsicherheitslabor freigesetzt
worden. Dieser hat ganz gezielt Kinder und Heranwachsende
befallen. Da auch das Gesundheitssystem völlig zusammengebrochen
war, gab es für sie keine Rettung. Mit Negs gibt es ein
kulturelles Problem. Das ist eine mittelalterliche Gesellschaftsform,
wie du ja auch schon gesehen hast. Sie haben sich geweigert,
uns in ihrer Nähe zu akzeptieren, für uns war kein
Platz in Ihrer Herberge, um die Bibel zu zitieren. Die kommen
übrigens aufgrund irgendwelcher religiöser Tabus
nicht in den Wald, deren landwirtschaftlich genutzte Flächen
liegen auf der anderen Seite der Stadt in einer Art Flußoase.
Und zu deiner dritten Frage: Wir sind jetzt seit fast zwei
Jahren hier. Es geht uns eigentlich gut, aber unsere Gemeinschaft
wird vergreisen, wenn das so weitergeht.”
Paul bekam einen schweren Kopf. Er erinnerte sich an nichts
von dem, was ihm erzählt wurde. Einiges kam ihm auch
nicht recht logisch vor. Sicher schien ihm, daß die
unbelehrbare Arroganz der technisch-industriellen Elite eine
Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes zur Folge hatte
und er jetzt mit ein paar anderen Ökos hier in dieser
abgeschiedenen Idylle lebte und den Rest der Welt die Früchte
der Dummheit ernten ließ.
Immerhin war ihm jetzt der Grund für das Sicherheitssystem
klar, man hatte hier Angst vor einem Angriff aus der Stadt,
wo die meisten offenkundig etwas gegen Fremde hatte. Er war
denen wohl - warum auch immer - in die Hände gefallen
und sie hatten versucht, Informationen von ihm zu erhalten.
Spuren einer körperlichen Folter hatte er nicht an sich
entdeckt, die machten das wohl sehr gründlich mit Drogen.
Wie zum Teufel war er aber in diese Kiste gekommen? Wieso
hatten sich die Bewohner nicht an der Jagd auf ihn beteiligt?
Die Frau hatte ihm sogar geholfen! Und die beiden Männer
auch.
Die Gesellschaft in Negs war wohl nicht so einheitlich, wie
es von außen aussah.
Die anderen hatten seine Verwirrung bemerkt.
“Das war wohl eine Menge auf einmal”, meinte
Kühnhold. “Wir haben hier einen Tee, der wirkt
beruhigend. Du solltest jetzt noch einmal viel schlafen, ab
morgen kannst du dich dann irgendwo nützlich machen,
wenn du willst. Das könnte dich auf andere Gedanken bringen.”
Hermfried schob ihm eine Tasse mit einem süßlich
riechenden Getränk herüber. “Trink ruhig.
Das schadet nicht, wir haben es oft genug selbst getrunken,
wenn wir Schlafstörungen hatten. Am Anfang unseres Aufenthalts
ist das häufig vorgekommen, Alpträume, Angstzustände
und ähnliche Sachen. Keine bekannten Nebenwirkungen.” |
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Nachdem er ausgetrunken hatte, begleitete
Andra ihn zu Monas Haus. Zu seiner schon leicht benebelten
Freude war Mona zu Hause. Als sie ihn in Empfang nahm, meinte
er einen leicht bissigen Ton in der kurzen Unterhaltung der
beiden Frauen zu hören. Er merkte kaum, wie er ins Schlafzimmer
kam, dann fiel er in einen langen erholsamen Schlaf.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, hatte er das Gefühl,
einen Alptraum nach dem anderen gehabt zu haben. Interstellare
Raumschiffe waren in riesige Fabrikanlagen gestürzt.
Aus der Explosion erschien eine gewaltige Figur aus feurigem
Rauch, die rief: “Haltet ein, kehrt um, seid demütig
und wachsam.” Dann verwandelte sich die Figur in Kühnhold,
der auf einer Rakete zwischen den Sternen herumritt, um schließlich
in einem Funkenregen auf die Wüste niederzustürzen.
Er ging zu Mona, die wieder in der Küche beim Frühstück
saß.
“Na, gut geschlafen?”
Er schüttelte den Kopf. “Der Tee scheint nicht
gewirkt zu haben, vielleicht hätte ich besser einen Eimer
voll getrunken. Ich habe mir übrigens den Vorschlag von
Kühnhold durch den Kopf gehen lassen und möchte
hier irgendwo arbeiten. Da komme ich hoffentlich ein wenig
zur Ruhe.”
Nach dem Frühstück ließ er sich von Kühnhold
und Andra zur Arbeit einteilen. Er wurde auf die Lichtung
geschickt, die sie gestern zuerst besucht hatten. Das Pflügen
und Düngen wurde ohne maschinelle Hilfe durchgeführt.
Die einfachen Maschinen wurden von riesigen, aber sehr friedlichen
Rindern gezogen.
Die Tiere setzten ihn in Erstaunen. Es waren Rinder, keine
Frage; genauso sicher war es allerdings auch, daß er
solche Tiere noch nie gesehen hatte, weder in der Natur noch
in Büchern. Yaks, wie sie in dieser Gegend eigentlich
leben sollten, waren es auf jeden Fall nicht, obwohl sie auch
zottig waren. Die Tiere hier waren größer, die
Schulterhöhe betrug mindestens zwei Meter, der Kopf mit
den breiten, mächtigen Hörnern war hoch erhoben.
Genauso überraschend war dieser treue, verständige,
geradezu intelligente Ausdruck in ihren Augen und das freundliche
Verhalten, das in einem fast schon grotesken Gegensatz zu
den gewaltigen Ausmaßen dieser Tiere stand.
Er kam gut mit den zwei Tieren zurecht, mit denen er arbeitete.
Sie hatten die Aufgabe, die zwischen den Kohlreihen wachsenden
Wildkräuter mit einem großen harkenähnlichen
Gerät zu lockern und möglichst aus dem lockeren,
dunklen Boden auszureißen. Andra hatte ihm erzählt,
daß man bei einer Wiederholung dieser Art ökologischer
Bodenbearbeitung alle drei Wochen die Ertragseinbußen
durch Wachstumskonkurrenz auf ein Minimum beschränken
konnte, ohne auf Herbizide angewiesen zu sein. Die Arbeit
war eintönig, aber mit diesen kraftvollen Helfern nicht
allzu anstrengend.
Mittags aß er mit den anderen acht Leuten in einem
kleinen Aufenthaltsraum nahe beim Hühnerstall. Man unterhielt
sich über belanglose Dinge, das Wetter, die Arbeit und
das Gedeihen der Pflanzen. Die Führung hatte ihnen anscheinend
die Anweisung gegeben, so zu tun, als sei er nie fortgewesen.
Nach dem Essen machte er im Gras einen kleine Mittagsschlaf;
er war müde, da er die Arbeit nicht mehr gewöhnt
war. Die Sonne schien aus einem wolkenlosen Himmel, aber hier
am Rand des Waldes waren die Temperaturen erträglicher
als in der Wüste. Die Luft flirrte über den Feldern,
er sah Schwalben mit akrobatischen Wendungen durch die Luft
jagen. Hummeln brummten um ihn herum, um die duftenden gelben
Blüten in seiner Nähe zu besuchen. Eine grün
glitzernde Eidechse schlängelte sich durchs Gras, hinter
ihm raschelten Mäuse durchs Laub. Alles war friedlich,
er fühlte sich richtig wohl und geborgen und schlief
unter einem Baum ein.
Der Nachmittag verlief wie der Vormittag, und die folgenden
Tage verliefen wie dieser Tag. Die Abende waren kurz, weil
er seine Müdigkeit nicht abschütteln konnte, irgendwie
war sein Zeitgefühl aus dem Takt geraten. Mit Mona unterhielt
er sich nicht sehr oft. Sie kam auch erst spät von ihrer
Arbeit zurück und war entsprechend müde. Die Gespräche
handelten meist vom Wachstum auf den Feldern. Wenn sie auf
frühere Zeiten zu sprechen kamen, endeten die Gespräche
für ihn stets enttäuschend, da er in der Erforschung
seiner Vergangenheit nicht vorankam. Langsam befürchtete
er, daß sich sein Gedächtnis für immer verabschiedet
hatte und er den Rest seines Lebens als geschichtsloses Wesen
verbringen müsse.
Andererseits nervte ihn Monas Verschlossenheit. Immer zog
sie sich bei seinen Fragen auf Kühnholds Anweisung zurück,
möglichst wenig zu erzählen. Der Mann wurde ihm
langsam unsympathisch in seiner schon fast diktatorischen
Art. Oft hatte er das Gefühl, ihn auch vor seinem Gedächtnisverlust
schon nicht gemocht zu haben. Die Beobachtung daß Gefühle
bestimmten Leuten gegenüber scheinbar ohne Grund hochkamen,
machte er mittlerweile sehr oft, wobei er oft positive Gefühle
empfand.
Probleme machten ihm seine mangelhafte Erinnerung an bestimmte
Fakten. Er war an Tieren und Pflanzen interessiert gewesen
und konnte nicht verstehen, daß die Buchen hier im Wald
nicht genau mit denen in seinem Gedächtnis übereinstimmten.
Und dann die Rinder. Am ehesten ähnelten sie einer Kreuzung
zwischen Schottischem Hochlandvieh und Kaffernbüffeln
in der Größe eines Nashorns, eine solch enorme
Züchtung hätte ihm eigentlich bekannt sein müssen.
Die Halluzinogenbehandlung schien wirklich erfolgreich gewesen
zu sein.
Die Tage und Wochen gingen dahin wie ein ruhig fließender
Fluß.
Paul kam nur mit relativ wenigen Leuten in engeren Kontakt
und er begann sich damit abzufinden, mit diesen freundlichen,
aber unbekannt-bekannten Menschen zusammenzuleben.
Dann aber kam der Tag, an dem aus der Richtung des Wachtpostens
ein Alarmsignal ertönte. |
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