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in der Stadt |
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| Nach drei Stunden Wanderung fand
er eine Bodensenke, nicht größer als ein großer
Garten um ein Einfamilienhaus, aber es mehr als zehn Meter
in die Tiefe. Immerhin wuchsen einige anspruchslose Büsche
in dieser Minioase. Er kletterte hinunter und legte sich in
den bescheidenen Schatten. Der Schnitt an seinem Oberarm belästigte
ihn weniger, schlimmer war da schon die Wunde an seinem Ohr.
Das Pochen im Kopf hatte in den letzten Minuten zugenommen,
deshalb war er dankbar für die unverhoffte Möglichkeit
zur Rast.
Als er vorsichtig den Verband an seinem Kopf berührte,
bemerkte er, daß Andra unter den Resten seines Unterhemds
ein Polster angebracht hatte. Er zog vorsichtig etwas von
diesem Polster heraus und stellte fest, daß es eine
Mischung aus Moos und Flechten war, die offenbar zur Stillung
der Blutung diente und eine Entzündung verhindern sollte.
'Altes Rezept der Amazonasindianer, vermutlich', dachte er
mit einem gequälten Lächeln.
Dann überlegte er, daß er mit dieser Wunde in
der alten Welt bereits bestens versorgt wäre und sich
weder um Infektionen noch um Kopfschmerzen Gedanken machen
müßte. Die technische Zivilisation hatte ihre wirklich
bedrohlichen Begleiterscheinungen gehabt, aber die medizinische
Versorgung war eindeutig besser gewesen als hier
im Himalaja. Möglicherweise hätten auch die
beiden Opfer des Angriffs aus der Stadt überleben können,
wenn eine bessere Technik zur Verfügung gestanden hätte.
Er fiel in einen unruhigen Schlaf. Wieder einmal trieben
wirre Träume durch seinen Schlaf. Wieder einmal sah er
Explosionen, diesmal in einem großen Gebäude, einer
Fabrik vielleicht. Enge Gänge, Rohre liefen unter den
niedrigen Decken, die er mit anderen entlanglief. Dann eine
Art Erdbeben, Lärm, Schreie, dann wurde alles schwarz.
Schweißgebadet erwachte er. Die Sonne stand schon tief,
wie er erstaunt feststellte. Er war erholt, die Schmerzen
in seinem Kopf hatten etwas nachgelassen, das Moos oder Andras
bittere Medizin hatte gewirkt. Er richtete sich vorsichtig
auf in Erwartung eines heftigen Schmerzes im Kopf, im Arm
oder sonstwo, aber nichts geschah. Es war also wohl doch der
Zaubertrank, der gewirkt hatte. |
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| Langsam kletterte er aus der Senke
heraus und blickte Richtung Stadt. Im Licht der untergehenden
Sonne sah Negs eigentlich ganz nett und einladend aus, aber
vielleicht war auch das nur eine Folge des Betäubungsmittels.
Er dachte an Andras Worte, daß alles nur Fassade sei.
Ergreifende Weisheit; schließlich war das ganze Leben
eine Fassade, jeder trug nur das Bild seiner selbst mit sich
herum und versuchte die anderen Menschen davon zu überzeugen,
daß man diesem Bild auch entsprach. Die Stadt hatte
er, soweit sein Gedächtnis zurückreichte, ebenfalls
nur als eine Fassade kennengelernt; weiße, abweisende
Häuserfassaden und ebensolche Menschen. Er mußte
nun hinter diese Äußerlichkeiten schauen, wenn
er überleben wollte.
Er war ganz froh, daß er den größten Teil
des Tages verschlafen hatte, schließlich hätte
er in der Hitze des Tages einen Marsch durch die Wüste
nicht lange durchhalten können. Jetzt galt es aber, das
langsam schwächer werdende Tageslicht auszunutzen, um
die Stelle wiederzufinden, von der aus er seinen Weg in den
Wald angetreten hatte. Ein Blick in den wolkenlosen Himmel
ließ ihn fürchten, daß die Nacht klirrend
kalt werden könnte; nur mit Hemd und Hose bekleidet könnte
auch das ein Problem werden.
Er griff in den Rucksack, nahm sich ein Brot heraus und trank
einige Schluck Wasser, dann macht er sich auf den Weg.
Zwei Stunden später war die Sonne bereits untergegangen,
es war eine klare, aber mondlose Nacht. Er begann, müde
zu werden, die pochenden Schmerzen im Kopf wurden wieder schlimmer
und er hatte das Gefühl, daß er Fieber bekam. Dafür
war er aber schon ziemlich nah an die Stadt herangekommen
und versuchte sich nun zu erinnern, wo er aus dem Fenster
gestiegen war.
Der Rand der Stadt bestand aus einer Häuserreihe, die
durch keine Lücke unterbrochen war. Die Bewohner hatten
offenbar nicht das Bedürfnis, ihre Stadt in dieser Richtung
zu verlassen. Einen wirklich wirksamen Schutz, zum Beispiel
gegen Angriffe von außen, bot diese Stadtmauer aber
nicht, da die Unterkante vieler Fenster kaum mehr als einen
Meter über dem Boden lag.
Er war zunächst bewußt nicht in die Richtung gegangen,
in der er die Wohnung der beiden Männer vermutete. Immerhin
war es nicht unwahrscheinlich, daß man die Wüste
wegen eventueller Angriffe aus dem Wald beobachtete und ein
unerwünschtes Empfangskomitee für ihn bereitstellte,
wenn man ihn entdeckte. Dann war er eine Zeitlang dicht an
den Häusern entlang gegangen, die Fenster saßen
aber so gleichmäßig in den Mauern, daß er
die Hoffnung, die Wohnung der beiden Männer zu finden,
schon aufgeben wollte. Weil er die Stelle seiner Flucht auf
diese Art nicht finden konnte, entfernte er sich wieder ein
paar hundert Meter von der Außenmauer, setzte sich auf
den Boden und schaute auf die Stadt. Er versuchte sich das
Bild in Erinnerung zu rufen, das er beim Verlassen der Stadt
gesehen hatte, irgendwelche kleinen Besonderheiten in der
Silhouette der Stadt. Nach kurzer Zeit stand er entschlossen
wieder auf und ging auf ein bestimmtes Fenster zu. Vorsichtig
schaute er durch die Ritzen in den Fensterläden und sah
im Zimmer eine Frau mit zwei etwa zehnjährigen Kindern;
Fehlanzeige. Er versuchte es zwei Fenster weiter rechts, wieder
nichts. Dann ging er nach links und sah in ein Fenster, aus
dem ein schwacher Lichtschein fiel.
Am Tisch saßen die gesuchten Männer und wieder
standen drei Teetassen auf dem Tisch. Paul wollte schon an
Wunder glauben, sie hatten ihn anscheinend schon erwartet,
wie damals. Dann trat jedoch eine Frau ins Zimmer, die sich
von den beiden verabschiedete und aus dem Haus ging. Er duckte
sich unter das Fenster. Nach einer Minute ungeduldigen Wartens
schaute er noch einmal ins Zimmer. Die beiden saßen
am Tisch und diskutierten angestrengt über irgend etwas,
aber sie waren jetzt allein.
Er klopfte leise an den Fensterladen. Die beiden Männer
sprangen wie elektrisiert auf und starrten in einer Mischung
aus kurzem Erschrecken und gespannter Aufmerksamkeit in seine
Richtung. Nach einem kurzen Wortwechsel kam der größere
der beiden ans Fenster und öffnete.
Paul sah ihn an, er sah Paul an. Dann erkannte er, wessen
Kopf sich unter dem Verband verbarg und in welchem Zustand
Paul war. Er rief ein paar Worte nach hinten, dann zogen die
beiden Paul ins Zimmer und legten ihn auf den Boden. Nach
kurzer Zeit wurde er in das obere Stockwerk gebracht und auf
ein Bett gelegt. Es ähnelte auf erstaunliche Weise dem
im Dorf draußen im Wald, eine Strohmatraze mit einer
Fellauflage, nur gab es hier eine Wolldecke. Er war erschöpft,
die Wirkung des Betäubungsmittels wurde schwächer,
das Fieber schien zu steigen und die Tatsache, daß er
sein erstes Ziel erreicht hatte, ließ seinen Willen
erlahmen, Erklärungen für sein Erscheinen abzugeben.
Andererseits konnte er seine Helfer nicht ohne einige erhellenden
Worte dastehen lassen und einfach einschlafen. Er wollte in
seinen Rucksack nach der Flasche mit der Medizin greifen,
als er hart am Handgelenk gepackt wurde. Die beiden durchsuchten
den Rucksack, fanden die Flasche, öffneten sie, rochen
daran und wiegten dann mit gerunzelter Stirn den Kopf hin
und her. Schließlich bekam er aber doch einen kleinen
Schluck, der ihn zumindest wieder etwas klarer denken ließ. |
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“Vielen Dank, daß ihr
mich hereingeholt habt”, sagte Paul.
Die Männer schauten sich bedauernd an und zuckten mit
den Schultern. Paul griff sich an den Kopf, als ihm auffiel,
daß er in seinem tauben Zustand wahrhaftig deutsch
mit den beiden geredet hatte. Er wiederholte seinen Dank auf
englisch, worauf sich die Miene der beiden aufhellte.
“Sprache wiedergefunden?”
“Wieso verletzt am Kopf und am Arm?”
Er versuchte kurz zu schildern, wie er an die Verletzungen
gekommen war.
Sie verließen das Zimmer und kamen nach kurzer Zeit
mit frischen Verbandszeug wieder. Der kleinere der beiden
legte ihm einen neuen Verband am Arm an und strich eine fette
Salbe auf die Wunde. Dann besahen sie sich die Wunde am Kopf
und sagten nur kurz: “Nähen.”
Paul erschrak etwas, aber er bekam einen weiteren Schluck
Medizin, diesmal aus der hauseigenen Apotheke. Sehr schnell
wurde er müde, seine Gedanken bewegten sich zunächst
im Schildkrötentempo, dann im Schneckentempo, so
als hätte er sich innerhalb einer halben Minute
völlig besoffen. Schließlich schlief er ein.
Diesmal träumte er von Jonas, der sich mit diabolischem
Grinsen aus seinem Grab erhob und mit einem Schwert und einem
mittelalterlichen Morgenstern auf ihn zustürzte. Dann
bewegten sich zwei alten Herren kreisend auf ihn zu, in der
Hand eine meterlange Nadel, durch deren Öse ein dickes
Tau gezogen war.
Am nächsten Tag erwachte er gegen Mittag. Er erhob sich
mit schmerzendem und heißem Kopf. Er versuchte,
die Treppe herunterzukommen, was ihm zu dreivierteln gehend,
im letzten Viertel nur rollend gelang. Die Frau, die er gestern
schon gesehen hatte, kam aus dem Zimmer gelaufen, half ihm
wieder auf die Beine und dann ins Bett. Dort bekam er wieder
von dem Zaubertrank und fiel schnell in einen tiefen, traumlosen
Schlaf.
An die nächsten beiden Tage hatte er nur eine schwache
Erinnerung. Schlafen, Fieber, Verbandwechseln, Schlafen, Fieber.
Am Abend des zweiten Tages erwachte er und fühlte sich
wohl. Wieder stand er auf, diesmal endete der Versuch, die
Treppe zu bewältigen, mit einem grandiosen Erfolg, er
schaffte es ohne zu fallen.
Er trat ins Zimmer, wo die Männer auf ihn zu warten
schienen.
“Wir haben dich auf der Treppe gehört. Wieder
gesund?”
“Ich fühle mich wohl, vielen Dank. Ich bin Paul,
aber ihr scheint mich ja zu kennen. Ich weiß aber nicht
einmal, bei wem ich mich für meine Rettung zu bedanken
habe.”
“Herg“, stellte sich der kleinere vor, dann zeigte
er auf den anderen: “Dagolesian. Eigentlich müßtest
du uns kennen, aber du hast die Überdosis wohl noch im
Kopf.”
“Erinnerst du dich an nichts?” fuhr Herg fort.
„Weißt du nicht einmal mehr, wo du und deine Freunde
herkommen? Und woher die anderen kommen, die hier in Negs
sind?”
“Doch. Wir kommen aus Europa. Dort hat es eine ökologische
Katastrophe gegeben, deshalb sind wir hier. Wir haben so eine
Art Asyl gesucht, aber ihr wolltet uns nicht.” Paul
zögerte. “Das haben mir jedenfalls meine Freunde
oder Feinde im Dorf erzählt.”
Die beiden waren jetzt an der Reihe, erstaunt zu schauen.
Herg gewann als erster die Fassung zurück.
“Das verstehen wir aber nicht. Uns habt ihr erzählt
- du auch! - daß ihr aus dem Norden kommt und uns das
Licht der Erkenntnis bringt. Ist Europa deine Heimat im Norden?
Oder habt ihr uns da belogen?”
Dagolesian ergänzte, um seine Frage zu beantworten:
“Die anderen von euch sind die, die etwas anders aussehen,
die Eidechsen.” |
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Paul schwirrte der Kopf. Das mit der
Kultur schien ihm völliger Irrsinn zu sein. Sie hatten
wohl wie es schien ihren Auszug aus dem versinkenden Europa
mit großer Geste verbrämen wollen. Albern, das.
Eine andere Welt, das war Europa ja wirklich gewesen, wenn
man es mit dieser beschaulichen, mittelalterlich wirkenden
Stadt verglich.
Aber es war doch einfach undenkbar, daß sich eine Gruppe
dumpfer Fanatiker im Himalaja eine Stadt aneignen könnte,
ohne daß der Rest der Welt etwas davon erfahren würde.
Das mit den Eidechsen schien ihm ein weiterer Hinweis auf
die Richtigkeit seiner These: ein Teil der Leute, die mit
ihnen hier in die Berge geflohen waren, schienen ernste Hautveränderungen
aufzuweisen, seine Beobachtung im Wald war wohl richtig gewesen.
Was allerdings dieser lächerliche mittelalterliche
Mummenschanz mit den Uniformen bezwecken sollte, war ihm immer
noch schleierhaft.
Er versuchte Herg und Dagolesian seine Gedankengänge
zu erläutern und schloß: “Ich denke, daß
die - wir - euch da eine schöne Geschichte erzählt
haben, die nichts mit der Wahrheit zu tun hat. Ihr müßtet
doch eigentlich wissen, daß die technologische Zivilisation
der alten Welt zusammengebrochen ist.”
Sie schüttelten den Kopf. Das machte ihn wieder stutzig.
Die beiden sahen wirklich nicht so aus, als seien es dumme
Wilde, die nur in ihrem Dorf lebten. Immerhin sprachen sie
ein ganz passables Englisch. Eine Katastrophe wie der Zusammenbruch
der industriellen Kultur müßte sich bis hier herumgesprochen
haben. Keine Geschichte gab einen Sinn, keine konnte wahr
sein. Irgendwo in ihm war die richtige Geschichte, aber wie
verschüttet war sie? Wahrheitsgetränk nannten die
das, was man ihm gegeben hatte! Das schien ja etwas wahrhaft
Wirksames zu sein.
“Habt ihr denn keine Verbindung zum Rest der Welt?
Wo ist denn die nächste Stadt?”
“Etwa 200 Dreb zur untergehenden Sonne hin liegt Sera.
Das ist weit, deshalb gibt es nur selten Verbindung. Etwa
ein bis zweimal im Jahr reist eine Gruppe dorthin. Es ist
ziemlich gefährlich, zwischen Negs und Sera gibt es außer
in der Reisezeit nur Wüste. Zu anderen Städten gibt
es noch seltener Kontakt.”
Das war eine präzise Angabe, 200 Kilometer ist auch
in einer solchen Gegend mit einem Jeep eine Reise von vielleicht
2 Tagen. Aber deshalb mußte man sich doch nicht nur
alle zwei Jahre um die Nachbarn kümmern. Dann fragte
er nach.
“Ist ein Dreb ein Kilometer? Und wie legt ihr die Strecke
zurück? Mit dem Jeep, oder habt ihr andere Autos?”
Herg und Dagolesian sahen sich wieder verwundert an.
“Ein Dreb ist ungefähr das tausendfache deiner
Körperlänge, weißt du das auch nicht mehr?
Und was ist ein Auto?”
Die kannten kein Auto?! Sicher hatte er das falsche Wort
gewählt. Und nicht zweihundert, sondern eher vierhundert
Kilometer! Paul versuchte, sich den Globus in Erinnerung zu
rufen, um eine Stelle zu finden, an der sich in einem Kreis
mit einem Durchmesser von ungefähr 800 Kilometern nur
eine Stadt befand. Und das in der Wüste. Es gab keine
solche Stelle, dessen war er sich beinahe sicher. Die Sahara
war das hier nicht, da gab es keine Wälder wie hier.
Da blieb nur das asiatische Hochland, also Tibet, Mongolei
oder Nordwestchina. Aber Herg und Dagolesian! Keine Tibeter,
keine Chinesen, das hätte man ja an den Augen erkennen
müssen. Nichts stimmte, nichts passte zusammen, es war
zum Verzweifeln.
Dann fiel ihm ein, daß er noch eine Botschaft überbringen
sollte.
“Ich habe euch ja kurz erzählt, daß unsere
Sicherheitschefin mir bei der Flucht aus dem Wald geholfen
hat. Sie hat mir aufgetragen, euch zu sagen, daß sie
mit einigen anderen nachkommen will, mit friedlichen Absichten,
wie sie ausdrücklich betonte.”
Dagolesian erzählt weiter, wirre Geschichten von Frauen
und Männern, von Explosionen, die Paul bewirkt hatte,
von landwirtschaftlicher Tätigkeit, von einem Streit,
von Menschen im Wald und anderen Menschen in der Stadt, die
sie Eidechsen nannten wegen ihrer Haut.
Paul selbst hatte sich nach einer Flucht aus dem Wald - schon
einmal dasselbe? - mit der Hilfe von Freunden aus Negs am
Fluß verbergen können. Er war später von den
Eidechsen gefangen genommen worden, nachdem er sich aus seinem
Versteck am Fluß gewagt hatte und war von ihnen verhört
worden.
“Aber die haben keine Erfahrung im Umgang mit Wahrheitsgetränk,
und sie haben dich damit fast umgebracht. Wie du fliehen konntest,
wissen wir nicht. Wir haben dir lediglich den Ausgang gewiesen,
als du kamst; es wäre uns und dir schlecht bekommen,
wenn wir dich hierbehalten hätten. Du hast da übrigens
auch in einer komischen Sprache gesprochen, genau wie vor
zwei Tagen, als du hier ankamst.”
“Nach dem, was ihr erzählt, müßtet
ihr uns doch eigentlich verabscheuen. Wieso lebe ich
noch? Und wieso geht ihr nicht einfach in den Wald und jagt
uns zum Teufel?”
“Wir dürfen nicht in den Wald, unsere Oberste
Instanz verbietet das. Die Eidechsen wollen auch nicht.”
Herg fuhr fort: “Es gibt sicher viele in der Stadt,
die euch töten wollen. Auch du solltest nicht so einfach
durch die Stadt gehen, ein Messer ist schnell und genau geworfen.
Die meisten wissen aber, daß nicht alle Vogelmenschen
schlecht sind.”
“Wieso nennst du uns Vogelmenschen?”
“Ihr habt immer erzählt, daß ihr in einem
großen Vogel gekommen seid, den ihr uns aber nie gezeigt
habt.” |
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War das möglich? Die kannten
kein Auto, kein Flugzeug, das war eine wirklich beneidenswert
unverfälschte Kultur. Für gefühlsbetonte Menschen
wie Mona war das sicher ein Fest: der edle und einfältige
Wilde. Aber nichts ergab eine sinnvolle Geschichte, die mit
seiner bruchstückhaften Erinnerung zusammenging.
“Paul, wir werden noch viel Zeit haben, zu reden. Aber
du kannst nicht hierbleiben. Wir bringen dich zunächst
in das Innere der Stadt, tief nach unten, da trauen sich die
Eidechsen nicht hin. Später bringen wir dich an den Fluß,
wo du schon mal gewesen bist. Dort kannst du auch länger
bleiben.”
Paul stützte den Kopf in die Hand und versuchte, die
für ihn neuen Dinge zu verarbeiten. Er sah sich im Raum
um, ob ihn irgend etwas an die Zeit vor seinem Gedächtnisverlust
erinnerte. Die Wände waren zwar nur roh verputzt und
mit weißer Kalkfarbe gestrichen, aber einige Gemälde
nahmen dem Raum viel von seiner sonst eher kühlen Atmosphäre.
Es waren meist abstrakte Werke, die in dunkelroten und braunen
Tönen gehalten waren. Zwei gegenständliche
Bilder, die wie die anderen von erstaunlicher Kunstfertigkeit
im Umgang mit Farben und Proportionen waren, befanden sich
auch darunter. Eines der Bilder zeigte die Stadt Negs im romantisierenden
Licht der untergehenden Sonne, so wie er sie vor
wenigen Tagen bei der Rückkehr gesehen hatte. Das andere
weckte angenehme Gefühle in ihm. Von einer Anhöhe
blickte man in eine grüne Flußoase. Der Fluß
kam aus einem Gebiet mit verblüffend regelmäßigem
Baumbestand, schlängelte sich durch ein enges, felsiges
Tal, dann begannen kleine Wälder, Wiesen und Weiden,
hohe Bäume säumten seine Ufer, ein Fleckenteppich
an Feldern war zu sehen, einige kleine Dörfer und Gehöfte
verloren sich zwischen dem Grün, schließlich
verlor sich der Fluß im fernen Dunst der Wüste.
“Ich bin sicher, daß ich schon einmal da war.”
Herg nickte. “Da sollst du auch wieder hin. Du hast
da eine ganze Zeit unerkannt als Bauer gearbeitet. Da du uns
Negsern recht ähnlich siehst, war es leicht, dich unter
den weiten Gewändern und Kopftüchern der Bauern
zu verstecken.”
“Zuerst geht es aber nach drinnen, Kleidung, Haare,
und ein paar Informationen für die Leute, die dich runterbringen”,
sagte Dagolesian. “Du wirst schon erwartet. Komm.”
Er fragte sich, wie sie ungesehen über die Straße
kommen sollte. Er hatte das Gefühl, sich unter den Negsern
unauffällig wie ein kariertes Zebra bewegen zu können.
Zu seiner Überraschung gingen sie aber nicht auf die
Straße, sondern in den Keller des Hauses. Dort passierten
sie zwei Kellerräume, dann eine Tür, die in einen
langen, dunklen Gang führte. Herg entzündete eine
kleine Laterne, die mit Petroleum oder etwas ähnlichen
gefüllt war; sie warf ein schwaches, aber für den
Ortskundigen ausreichendes Licht.
Paul durchschaute seine Situation weniger denn je. Trotzdem
hatte er in dieser etwas gruseligen Umgebung das Gefühl,
den beiden Männern vollständig vertrauen zu können,
ganz anders als vor wenigen Tagen, als er von Jonas in den
Wald geführt werden sollte.
Es wurde kühl. Nach kurzer Zeit schon ging es eine Etage
weiter nach unten, hin und wieder zweigten Gänge von
dem ab, den sie benutzten. Mehrfach und unregelmäßig
änderte sich die Richtung des Gangs, selten liefen Rohrleitungen
unterschiedlicher Dicke quer zum Gang oder auch in Richtung
des Ganges. Er fragte sich, wie die beiden es schafften, die
Orientierung zu behalten, sie gingen sicher ihres Weges, Treppen
hinunter, Treppen hinauf, Gänge nach links, nach rechts.
Es hatte das Gefühl, daß schon mehr als eine Stunde
vergangen war, als der Gang breiter wurde. Viele Gänge
zweigten jetzt nach beiden Seiten ab, schließlich standen
sie in einem Raum von einiger Größe. Paul schätzte,
daß er mindestens hundert Quadratmeter groß war,
so wie drei oder vier Wohnzimmer.
Von weit oben schien durch einen langen, weißgetünchten
Schacht ein wenig Tageslicht herein. Der Raum war kühl
wie die Gänge, durch die sie gekommen waren. Er war gefüllt
mit Säcken und Kisten, in denen er Gemüse und Obst
erkennen konnte, hier war also ein Vorratslager.
Sie wurden von zwei Frauen und einem Mann begrüßt
und gebeten, am Tisch in der Ecke des Raum Platz zu nehmen.
Bei näherem Hinsehen erkannt Paul die eine der beiden
Frauen, es war diejenige, die ihm bei der Flucht vor den Soldaten
entgegengekommen war und diese in die Irre geführt hatte.
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“Ich stehe in ihrer Schuld.
Ich danke ihnen”, sagte er zu ihr.
Sie lächelte nur.
“War nötig”, erwiderte sie.
Die andere Frau war diejenige, die er schon bei seinen beiden
Beschützern gesehen hatte.
Dagolesian stellte sie vor.
“Dalge, Hergs Partnerin, kennst du ja schon. Die beiden
anderen sind Eld und Roguli; du erinnerst dich ja zumindest
an Eld, Roguli ist ihr Partner.”
Diese Information erfüllte Paul schon fast mit Bedauern,
andererseits war ihm der mittelgrosse, ziemlich dicke, ungemein
breitschultrige Mann sympathisch. Er bemerkte, daß dieses
Gefühl von Sympathie das einzige war, was ihm bei der
Einordnung von Menschen zu helfen, da er keine bewußten
Erinnerungen mit irgend jemandem verbinden konnte. Er entschloß
sich daher, diesem Instinkt bezüglich anderer Menschen
solange zu folgen, bis seine Erinnerung wiederkehrte.
Sie setzten sich zu einem Tee. Die fünf Negser unterhielten
sich schnell und leise in ihrer Sprache, so daß er nicht
zuhörte und sich im Raum umsehen konnte. Dieser düstere,
kühle Raum, die Gänge. Plötzlich hatte er wieder
die Bilder vor Augen, die ihm auf dem Weg in Stadt im Traum
erschienen waren: Fluchten durch Gänge wie diese, Erdbeben,
Explosionen, Schreie.
“Entschuldigt bitte”, unterbrach er das Gespräch,
“bin ich schon einmal hier durchgelaufen, auf der Flucht
vor jemandem? Hat es hier schon einmal ein Erdbeben oder eine
Explosion gegeben?”
Herg sah ihn an, überlegte, dann schüttelte er
nach Rücksprache mit den anderen den Kopf.
“Eine Explosion hat es nur gegeben, kurz bevor ihr
hier hergekommen seid. Es war eine Explosion im Talwald, wo
deine Freunde sind.”
“Ich weiß nicht, ob meine Freunde nicht eher
hier in Negs sind”, erwiderte er halb nachdenklich,
halb verbittert. Dann dachte er über die Explosion im
Wald vor ihrem Erscheinen nach. Vogelmenschen, Explosion,
dann das Festsitzen hier in der Wüste! Sie waren mit
einem Flugzeug aus Europa geflohen und hatten dann hier eine
blitzsaubere Bruchlandung hingelegt, so muß es gewesen
sein. Er erinnerte sich zwar wie schon üblich an nichts
Konkretes, aber das wäre zumindest ein vernünftiges
Erklärungsmodell, auch für seine Albträume. |
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Die anderen hatten ihre Beratungen
abgeschlossen. Sie gingen aus dem Raum, eine Treppe hinauf
und kamen in eine Kleiderkammer. Dort wurde er mit der landesüblichen
Kleidung ausgestattet und etwas braun geschminkt. Die Kleider
kamen ihm bekannt vor. Sie ähnelten denen, mit denen
er geflohen war, nachdem er wie Kai aus der Kiste gestiegen
war und sein jetziges Leben begonnen hatte.
Sie verließen die Kleiderkammer, gingen nach rechts
durch eine Tür und standen unvermittelt in einem kleinen
Innenhof. Während er in die Sonne blinzelte, freute sich
Paul, daß er nun wieder wußte, auf welcher Ebene
von Negs er sich befand.
In der Mitte des Hofs stand inmitten eines gepflegten Rasenstücks
ein großer Strauch, der fast bis zum Dach des zweistöckigen
Hauses reichte. Der Rand des Hofs war mit Blumen bepflanzt,
tulpenähnlichen Pflanzen in roten und blauen Farbtönen,
einige Kletterpflanzen rankten sich an dünnen Holzstäben
empor. Hummeln brummten emsig von Blüte zu Blüte,
ein sanfter Duft erfüllte die Luft. Der exakt rechtwinklig
um den Rasen geführte Weg war mit feinem Splitt befestigt,
so daß ihn die Szene an eine Mischung zwischen deutschem
Vorgarten und italienischen Atrium erinnerte. An der schattigen
Seite des Hofes stand eine Holzbank und zwei Stühle.
Sie setzten sich und Herg begann, die Überlegungen der
Gruppe zu erläutern. Paul sollte bei Anbruch der Dunkelheit
aus der Stadt hinunter zum Fluß gebracht werden und
dort eine Weile in einem der Höfe arbeiten. Es ging auf
die Erntezeit zu, und er war von seinem ersten Aufenthalt
dafür bekannt, daß er mit den Tieren gut zurechtkam,
besser als die meisten Negser. Mit den Transporten der Nahrungsmittel
von den Feldern in die Stadt konnte er auch bei Bedarf problemlos
wieder herkommen und zu den eventuell nachkommenden Flüchtlingen
aus dem Wald Kontakt aufnehmen.
“Wir werden sie zunächst einmal festsetzen, sicherheitshalber.
Wir geben dir dann sofort Bescheid, damit du herkommst und
mit ihnen redest. Wir vertrauen nur wenigen von euch; dir,
Andra, Kado, Rodion, kaum jemandem sonst. Dein Verhältnis
zu Mona hat uns immer etwas erstaunt.”
Paul wunderte sich kurz über das Wissen der Negser von
ihren Beziehungen, andererseits hatten sie zwei Jahre
lang Zeit gehabt, sie genau zu beobachten. Und sein Verhältnis
zu Mona verwunderte ihn mittlerweile selbst, die hatte ihn
fast ans Messer geliefert. Entweder hatte da die Liebe blind
gemacht oder er war grundsätzlich besser in Tierkenntnis
als in Menschenkenntnis. Na ja, tröstete er sich,
auch Leute mit Pferdeverstand wurden gebraucht.
Dann kam er auf seine Gedanken über die Explosion im
Wald zu sprechen, von der Herg berichtet hatte. Wieder war
er über die vorgebliche Unwissenheit erstaunt, mit der
die Negser auf seine Beschreibung eines Flugzeugs reagierten.
“Könnt ihr mir sagen, wo sich diese Explosion
genau ereignet hat? Ich würde mir die Stelle gern mal
genauer ansehen, vielleicht bekomme ich dann endlich auch
meinen Verstand wieder.”
Die fünf Negser sahen ihn ablehnend an.
“Der Wald ist tabu”, sagte Dalge ernst. “Es
ist verboten, in ihn einzudringen.”
“Aber ihr habt hier Holzbänke, ihr verwendet hier
überall Holz. Grabt ihr das aus dem Wüstensand?”
Herg lächelte.
“Wir pflanzen Bäume unten am Fluß und ernten
sie. Das Verbot gilt nur für den Talwald, in dem du gelebt
hast.”
“Dürfen wir denn in den Talwald? Wer verbietet
euch das?”
“Es ist ein religiöses Verbot. Im Talwald hausen
die Bösen, sie haben schon einige von uns geholt. Ihr
habt eine andere Religion, für euch gilt dieses Verbot
offenbar nicht, die Bösen können euch nichts anhaben,
ihr seid zu mächtig.”
“Ihr habt doch nicht wirklich Angst vor Geistern, oder”,
wandte Paul noch ein, dann dachte er an die sumpfigen Gebiete,
an die feuchte Luft, an die vielen Mücken, die ihn genervt
hatten. Möglicherweise waren die Negser an Infektionskrankheiten
gestorben, die durch die Insekten übertragen wurden,
oder sie waren in der feuchten Luft anfälliger für
Erkrankungen der Atemwege. Sie waren schließlich
die trockene Wüstenluft gewohnt. Aus leidvollen Erfahrungen
früherer Generationen war dann ein religiöses Tabu
geworden.
Er erinnerte sich an das Schweinefleischverbot in Religionen
der warmen Zonen. Gerade Schweinefleisch ist ohne ausreichende
Kühlung und ohne Berücksichtigung strengster Hygiene
in diesen Regionen ein nicht ungefährliches Nahrungsmittel,
da es schnell verdarb; also erklärt man es für unrein
und das Problem ist gelöst.
Das Thema wurde dann gewechselt, man sprach über den
Stand der Erntevorbereitungen und die Mienen wurden fröhlicher.
Das Getreide stand gut, die Schädlinge hatten nicht überhand
genommen, man konnte zufrieden sein. Witzige Bemerkungen flogen
hin und her, fröhliches Lachen erschallte. Paul lächelte
höflich mit, verstand aber nur das, was ihm übersetzt
wurde. Nur einmal lachte er laut, als man ihm erzählte,
wie dumm er ausgesehen hatte, als er sich auf einen der Ochsen
hatte setzen wollen und sein Sattel nicht festsaß. Langsam
war er dann zur anderen Seite heruntergerutscht, hatte
aber wacker die Hand am Sattelknauf gelassen und war sitzengeblieben,
bis er fast unter dem Ochsen hing. Der Ochse hatte angeblich
mitgelacht. |
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