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| Am Fluss |
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| Am späten Abend, die Sonne war
gerade hinter dem Horizont verschwunden, verließen Dagolesian,
Roguli, Eld und Paul das Haus. Nur wenige Menschen waren auf
der Straße. Im Dämmerlicht des vergehenden Tages
gingen sie etwa einen Kilometer weit, dann gelangten sie zu
einem kleinen Platz.
“Einer unserer sechs Marktplätze”, erläuterte
Roguli.
Eld ergänzte, auf das größte Haus weisend:
“Und der Sitz der Verwaltung unseres Stadtsechstels.”
Der Platz war mit dreistöckigen und vierstöckigen
Gebäude umbaut. Die einzigen Lücken in der Häuserfront
waren drei abgehende Gassen und eine breite Straße.
In der Mitte des Platzes standen um einen kleinen Brunnen
einige große Sträucher und kleine Bäume, die
dem Platz ein für die hiesigen Verhältnisse
anheimelndes Ambiente gaben. Paul erinnerte sich an seine
Flucht durch die Stadt, als er weder Baum noch Strauch auf
den Straßen entdecken konnte. Der grüne Fleck auf
diesem Platz war das erste Anzeichen von Flora im öffentlichen
Bereich der Stadt.
Er fragte sich, wie die Negser das Wasser hierher brachten.
Schon in den Häusern hatte er sich über die geradezu
luxuriöse Wasserversorgung gewundert: fließendes
Wasser, sogar die Toiletten funktionierten mit Wasserspülung.
Da er in den Gesprächen mitbekommen hatte, daß
es in der Stadt höchstens zwei- oder dreimal im Jahr
regnete, mußte das Wasser vom Fluß stammen, der
mindestens hundert Höhenmeter unter der Stadt lag. Nun,
schon die Römer waren mit ähnlichen Problemen fertiggeworden.
Sie gingen auf ein Haus mit einem Holztor zu und wurden schon
von zwei jungen Leuten erwartet. Als sie eintraten, standen
sie in einem gepflasterten Hof, auf dem schon abfahrbereit
ein großer, vierrädriger Karren mit einem Ochsengespann
stand. Es waren dieselben riesigen, zottigen, freundlichen
Viecher, über die er sich schon im Talwald gewundert
hatte. Von einem der beiden Tiere wurde er richtig erfreut
begrüßt; ohne zu überlegen erwiderte er die
Begrüßung, indem er es hinter dem Ohr kraulte.
“Das ist der, der gelacht hat”, erklärte
Dagolesian grinsend, während er zu Paul auf den Wagen
stieg. Paul überlegte sich, wie wohl sein Gesicht ausgesehen
hatte, als er von diesem Tier heruntergerutscht war. Seine
Laune begann sich zu heben, er fing an, alles wieder fröhlicher
und klarer wahrzunehmen, so, als würde sich langsam
ein Nebel aus seinem Hirn verflüchtigen.
Aus dem Haus stürmten zwei Kinder, vielleicht sechs
und acht Jahre alt, auf Roguli und Eld zu. Lachend sprangen
sie den beiden in die Arme und redeten munter auf sie ein.
Welch ein Unterschied zu den Erinnerungen, die von seiner
Flucht aus Negs hatte; ihm waren damals nur stumme und mürrische
Menschen begegnet, so hatte er es jedenfalls empfunden.
“Herdo ist der jüngere Bruder von Eld”,
erklärte Dagolesian und schickte ihn nach hinten auf
die Ladefläche. “Die Kinder sollen dich nicht erkennen.
Sie haben dich früher schon gesehen, allerdings in deiner
alten Kleidung. Weißt du, Kinder reden zuviel, und die
Eidechsen sollen nichts davon erfahren, daß du wieder
in der Stadt bist.”
Nachdem sich Eld und Roguli von den Kindern verabschiedet
hatten, sprangen auch sie auf den Wagen, das Tor wurde geöffnet
und der Wagen setzte sich in Bewegung. Die Straße war
breit genug für mindestens vier solcher Fuhrwerke und
hatte an beiden Seiten noch einen breiten Bürgersteig.
Mittlerweile war es fast völlig dunkel geworden. Vom
großen Verwaltungsgebäude ertönte ein Signal
aus einer Trompete, kurz darauf öffneten sich Haustüren
und einzelne Bewohner traten vor die Tür, um kleine Laternen
zu entzünden. Sie spendeten zwar nur ein kärgliches
Licht, es reichte aber, nirgendwo anzustoßen. Ihr Weg
führte sie über den großen Zentralplatz mit
den eigenartigen geometrischen Vertiefungen. Das Licht der
Sterne und der Laternen um den Platz gaben dem Ort eine feierliche,
ja magische Ausstrahlung.
“Religiöses Symbol”, sagte Dagolesian, als
er bemerkte, daß Paul sinnend über den Platz sah.
“Leg dich jetzt unter die Säcke da.”
Bei einem Blick in den Nachthimmel fragte sich Paul, wann
er endlich wieder ganz Herr seines Verstandes sein würde.
Vergeblich sucht er die vertrauten Sternbilder des großen
Bären, der Cassiopeia oder des Orion. Irgendeines dieser
drei mußte, egal welche Jahreszeit im Moment war, auf
jeden Fall zu sehen sein. Auch den Mond begann er zu vermissen;
warum mußte der auch genau dann aufgehen, wenn er schlief. |
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| Als sie zum Stadttor kamen, winkte
Roguli dem Wachhabenden zu, worauf dieser das Tor öffnete.
Paul lag unter einigen Säcken und beobachtete den Soldaten
durch eine kleine Lücke. Deutlich konnte er dessen eigenartige,
leicht schuppige Haut erkennen, es war also einer von denen,
die von den Negsern als Eidechsen bezeichnet wurden. Die Kontrollen
waren wirklich sehr lasch, allzu schrecklich konnte die Gewaltherrschaft
dieser Leute also nicht sein.
“Wieviele von diesen Eidechsen gibt es eigentlich”,
fragte er, nachdem er sich wieder unter den Decken hervorgearbeitet
hatte.
“187”, antwortete Eld ohne Zögern. “Zu
Beginn waren es noch zwölf mehr.”
“Und wo wohnen die?”
“Ach, die haben einfach zwei Zellen besetzt und leben
da.”
“Eine Zelle?”
“Jedes Stadtsechstel ist in zehn bis fünfzehn
Zellen unterteilt, in der jeweils ungefähr 500 von uns
leben. Ihr habt euch damals in Gruppen auf die Stadtsechstel
verteilt, aber die Eidechsen leben lieber zusammen.”
Die beiden Ochsen legten mit einer erstaunliche Geschwindigkeit
los, nachdem sie das Stadttor passiert hatten; dieses Tempo
hätte er zu Fuss höchstens hundert Meter mitlaufen
können. Der Weg neigte sich jetzt langsam und führte
in einem langgezogenen Bogen durch die Wüste zum Fluß
hinunter, der sich wie ein silbernes Band in den dunklen Flächen
der Felder abzeichnete. Rechts sah er gegen den Sternenhimmel
einige Windmühlen auf einem hoch aufragenden Felsplateau,
träge drehten sich die drei Flügel im schwachen
Nachtwind. An den Wegrändern konnte er einige Kakteen
entdecken, deren Zahl größer wurde, je näher
sie dem Flußniveau kamen. An vielen Stellen wuchsen
hier auch kleine Pflanzengrüppchen, die dunkle Inseln
in dem hellen Wüstensand bildeten. Zwischen diesen
Pflanzen huschten kleine Tiere hin und her, als sie rumpelnd
vorbeifuhren.
Allmählich wurde die Pflanzendecke dichter. Der Duft
frischer Erde lag in der Luft.
Als sie die Ebene erreichten, wechselten Wiesen und Felder
ab, gelegentlich durch Hecken getrennt.
'Fast so wie in Norddeutschland', dachte Paul.
Die Ochsen fanden ihren Weg durch die dunkle Nacht mit traumwandlerischer
Sicherheit. Mittlerweile saß zwar Eld auf dem Kutschbock,
aber dieser Platz schien keine rechte Bedeutung zu haben,
den Tieren warf sie nur hin und wieder ein paar Worte zu.
Sie bogen von dem breiten Weg ab und fuhren an einem kleinen
Waldstück vorbei auf eine kleine Anhöhe zu. Soweit
er erkennen konnte, standen drei Gebäude zwischen schlanken,
hoch aufragenden Bäumen.
Ihre Ankunft war nicht unbemerkt geblieben. Als sie zwischen
den Bäumen auf den Hof zwischen den Häusern einbogen,
waren im Hof ein paar kleine Lampen entzündet und sie
wurden von zwei jüngeren und einer älteren Person
erwartet. Als er vom Wagen sprang, kamen die beiden jüngeren
Leute auf ihn zu. Der Mann umarmte ihn, wie selbstverständlich
erwiderte er die Umarmung |
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“Paul, du bist zurück.
Wir dachten, du wärst tot.”
Die Frau umarmte ihn ebenfalls, was ihm schon fast unangenehm
war, da sie ihm auf Anhieb gefiel. Die ältere Frau war
fünfzig bis sechzig Jahre alt, ziemlich hochgewachsen
und strahlte Autorität und Würde aus. Ihre Umarmung
war zwar förmlicher als die der beiden jungen Leute,
aber nicht weniger herzlich.
“Beinahe wäre ichs auch gewesen”, gab er
zur Antwort. “Auf gewisse Art bin ich auch tot. Ich
spüre, daß ich mich hier wohlfühle und euch
kenne, aber Dagolesian hat mir erklärt, daß ich
mit Drogen ... “
Die ältere Frau unterbrach ihn mit einer Handbewegung.
“Wir wissen, was passierte. Uns wurde ausführlich
berichtet. Macht die Tiere los und kommt dann herein zum Tee.”
Paul band die Ochsen los und beobachtete, wie der eine aus
dem Innenhof hinaus anscheinend auf eine Weide trottete, der
andere zielstrebig in den Stall marschierte. Da sich niemand
über die Eigenständigkeit der Tiere wunderte, beschloß
er, dieses Verhalten ebenfalls normal zu finden.
Sie gingen ins Haus, wo bereits eine große Kanne mit
aromatisch duftendem Tee auf dem Tisch stand. Dagolesian übernahm
wie üblich der Vorstellung der drei Negser.
“Um deinem schwachen Gedächtnis nachzuhelfen:
Mit Hedolg und Olami hast du schon eine lange Zeit zusammengearbeitet,
bis vor zwei Monaten ungefähr, als du den Eidechsen in
die Hände gefallen bist. Redala dort ist meine Schwester.
Sie koordiniert den Ernteeinsatz von Negs. Sie hatte sich
ohnehin hier aufgehalten und ist noch hiergeblieben, um dich
zu sehen.”
Daher die würdevolle Autorität dieser Frau, sie
hatte in Negs offenbar eine herausragende Stellung. Paul betrachtete
die beiden Geschwister. Sie ähnelten sich in der Tat,
beide hatten ein eher rundes Gesicht, eine schmale, gerade
Nase, braune Augen und weiße Haare. Dagolesian schätzte
er auf gut fünfzig Jahre, Redala war vielleicht drei,
vier Jahre älter. Gemeinsam war ihnen auch die schlanke
Gestalt und die Art, sich zu bewegen und zu gestikulieren.
Hedolg, der jüngere Mann, war etwa dreißig Jahre
alt, hager, groß, blond; er hatte eng zusammenstehende
Augen, was ihm zusammen mit seiner Hakennase und der Narbe
an seiner linken Wange ein verwegenes Aussehen gab. Olami
war mittelgroß, nicht dick, aber kräftig gebaut
und etwa so alt wie ihr Partner Hedolg. Sie lachte gern und
oft, wobei die Sommersprossen und die Lachfalten ihren fröhlichen
Eindruck noch verstärkten. Roguli und Eld, die sich angeregt
mit den beiden unterhielten, waren vom Aussehen das etwas
ältere Gegenteil dieser beiden. Roguli war untersetzt,
das grobe Gesicht und die kraftstrotzenden Arme, die aus dem
kurzärmligen Hemd hervorschauten standen im Gegensatz
zu der ruhigen und gelassenen Art zu sprechen. Eld war größer
und schlank, die dunklen, langen Haare und die tiefbraunen
Augen hatte er schon bei ihrem ersten kurzen Zusammentreffen
interessant gefunden.
Redala wandte sich nun an Paul: “Du wirst morgen mit
der Ernte des Roggens beginnen. Unsere großen Helfer
mögen dich und arbeiten gern mit dir zusammen, auch deshalb
freuen wir uns, dich wieder bei uns zu haben.”
Widerspruch, selbst wenn er ihn hätte äußern
wollen, schien ausgeschlossen. |
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Auch die anderen, Dagolesian eingeschlossen,
bekamen ihre Aufgaben zugewiesen, dann begab man sich, nachdem
sich alle gegenseitig die Handflächen auf die Stirn
gelegt hatten, in die Schlafräume im oberen Stockwerk.
Paul hatte als einziger ein Einzelzimmer, die anderen schliefen
jeweils zusammen. Als er im Bett lag, dachte Paul an Mona,
in einer Mischung von Abscheu und Verlangen. Die Lust auf
eine Beziehung war ihm im Moment irgendwie vergangen.
Falschheit, dein Name ist Weib!
Dann dachte er an Eld und Olami, die nur einige Meter entfernt
schliefen oder auch nicht, und wies diese aus einer frischen
Enttäuschung geborenen Gedanken wieder von sich.
Am nächsten Morgen wurde er von den ersten Sonnenstrahlen
geweckt. Er stand auf, trat ans Fenster und schaute nach draußen.
Ein leichter Nebel lag noch in der Luft. Direkt vor dem Fenster
befand sich ein kleiner Gewürzgarten, von dem ein seltsamer,
aber angenehmer Duft zu ihm hochzog. Eine Eidechse, diesmal
eine echte, lag auf einem großen Stein und nutzte die
ersten Sonnenstrahlen um sich aufzuwärmen. Er sah über
Wiesen und Felder bis zum Fluß, auf dem gerade ein großes,
plumpes Segelboot langsam vorüberzog. Auf einer
Weide nahe des Hauses trieben sich ein halbes Dutzend Ochsen
herum und glotzten gelangweilt in die Gegend. Zwischen ihnen
kurvten gewandt Vögel herum auf der Jagd nach Insekten.
Auf dem Hochplateau drehten sich wieder die Windmühlenflügel,
aus zwei großen Gebäuden in deren Nähe stieg
Rauch aus den Schornsteinen.
Er drehte sich um, als er jemanden ins Zimmer kommen hörte.
Es war Roguli.
“Ah, du bist schon wach. Komm, wir wollen gleich unser
Frühstück einnehmen.”
Paul ging nach unten in den Toilettenraum. Er wusch sich
mit dem handwarmen Wasser und vermied dabei, etwas davon
in den Mund zu bekommen. Die Frage, wieso er das vermied,
beschäftigte ihn noch, als er sich an den Tisch setzte,
wo ihn die anderen schon erwarteten. Das Frühstück
begann erst, als er Platz genommen hatte.
Olami klärte ihn über seine Vorsicht auf. Das Wasser
wurde in einem Tank auf dem Dach gesammelt und in geschwärzten
Messingrohren erwärmt. Zum Trinken war es zwar nicht
ungeeignet, aber er hatte sich vor einem Jahr, als er zum
erstenmal hierhergekommen war, eine heftige Infektion zugezogen,
da er gegen die hiesigen Erreger noch nicht immun gewesen
war. Mittlerweile, so versicherte Olami, war diese Vorsicht
überflüssig.
“Und wie kommt das Wasser auf das Dach?”
“Na, die Ochsen, wie sonst?”
Mit den Tieren wurde das Wasser aus einem kleinen Kanal zu
Fluß in einer archimedischen Schraube auf das Dach transportiert
und dort mit einer einfachen Solaranlage erwärmt,
eine simple, aber wirkungsvolle Technik.
“Ich wundere mich seitdem du zurück bist immer
wieder darüber”, warf Dagolesian ein, “wie
gut deine Gefühle, deine Instinkte funktionieren, und
wie wenig du an Wissen behalten hast. Unsere Ärzte haben
das bei früheren Unfällen mit dieser Droge auch
schon beobachtet, aber es ist einfach verblüffend, wenn
man nicht davon hört, sondern es mit eigenen Augen sieht.
Du spürst, dass du dich mit uns verstanden hast, und
das hast du wirklich, aber wir müssen dir jeden einzelnen
Namen wieder nennen. Auch unsere Sprache hast du früher
ganz ordentlich gesprochen, aber es scheint nichts übrig
zu sein. Wirklich erstaunlich. Aus unserer Erfahrung hält
dieser Zustand noch mindestens zwei oder drei Monate an, damit
mußt du dich abfinden. Mach dir keine Sorgen deshalb.” |
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Keine Sorgen! Gute Rede, aber noch
zwei Monate wie ein Idiot durch die Gegend laufen, das war
schwer zu ertragen. Im Talwald hatte ihn dieses völlige
Unwissen fast das Leben gekostet. Die erste Freude darüber,
daß er endlich wieder unter Menschen war, die ihn verstanden,
daß sich eine Frau liebevoll um ihn kümmerte, hatte
sein Unterbewußtsein offenbar ziemlich benebelt.
Als er genauer darüber nachdachte, war es wohl doch
nicht völlig benebelt gewesen. Er erinnerte sich daran,
daß er sich in den Tagen auf den Feldern wohlgefühlt
hatte, besonders zu William und Jane, die sich um die Hühnerfarm
kümmerten, hatte er eine große Sympathie verspürt,
auch an Andra und Hermfried dachte er mit warmen Gefühlen.
Jonas hatte er von vornherein irgendwie mißtraut, auch
Kühnhold, dieser selbstgerechte und autoritäre
Prediger des rechten Worts, war ihm suspekt. Und Mona - kein
Wort mehr über sie. Eines war aber klar: sein momentaner
Zustand bildete eine latente Gefahr für ihn, sobald er
sich unter Menschen befand, die ihm nicht wohlgesonnen waren.
Wie sollte er sagen, ob sich unter denen aus dem Talwald,
die mit Andra nach Negs kommen wollten, nicht der ein oder
andere Verräter befand.
Nach dem Frühstück ging er zur Weide und rief nach
seinem Ochsen, der auch treu angetrabt kam. Er schlug ihm
sanft gegen den Hals, kraulte ihn hinter den Ohren, während
das Tier seinen Kopf vorsichtig an seinen Schultern rieb.
Paul fragte sich, wie solch ein kraftstrotzender Fleischberg
so blöd sein konnte, für ihn und seinesgleichen
zu arbeiten.
Sie begaben sich zusammen zur Stallung, wo ihnen Hedolg einen
Wagen mit einer mechanischen Mähmaschine zeigte, vor
den Pauls Ochse gespannt wurde. Der andere Ochse, der sie
gestern hierher gebracht hatte, gesellte sich zu ihnen und
wurde ebenfalls eingespannt. Hedolg erklärte Paul kurz
die Funktion dieser Maschine. Der Wagen war überwiegend
aus Holz gefertigt, nur die mechanischen Teile für die
Kraftübertragung und die Schneidevorrichtung waren
aus Messing oder etwas ähnlichem.
Das Mähen ging dank der kraftvollen Tiere zügig
vonstatten, nach zwei Stunden Arbeit unter der heißen
Sonne hatten die beiden Tiere jedoch keine Lust mehr. Paul
spannte ab und sie machten sich mit ihnen auf den Weg zum
Hof. Dort entließ er sie nach einem kurzen Kraulen hinter
den Ohren, Halsklopfen und Streicheln zwischen den Augen
auf die Weide. Zu seinem mittlerweile nur noch geringen Erstaunen
über diese Tiere erhoben sich nun zwei andere und kamen
zu ihm. Die Begrüßung verlief ähnlich wie
bei den anderen und sie zogen mit ihm zu der auf dem Feld
zurückgelassenen Mähmaschine, um die Arbeit fortzusetzen.
Gegen Mittag war das Feld gemäht und die Ochsen zogen
das Gerät zurück auf den Hof.
Langsam kamen auch die anderen aus verschiedenen Richtungen
wieder zum Hof zurück und sie setzten sich zunächst
in den Schatten der Bäume um einen Tisch. Hedolg marschierte
nach kurzer Zeit ins Haus.
“Küchendienst”, meinte Olami grinsend.
Eld holte Becher und Saft aus dem Haus, man plauderte über
den Fortgang bei der Ernte, trank, lachte. Nach einiger Zeit
zog ein köstlicher Duft aus dem Haus, Hedolg kam und
setzte sich zu ihnen. Eine viertel Stunde später gingen
sie gemeinsam hinein und setzten sich zu Tisch.
Das Essen war wie üblich einfach, aber dank Hedolgs
schon vorher gepriesener Kochkünste sehr schmackhaft.
Als erster Gang wurde eine klare Suppe aufgetischt, die viel
Gemüse und etwas Geflügelfleisch enthielten. Der
Auflauf aus Brokkoli, Zwiebeln und Kartoffeln war mit Käse
überbacken und mit Pfeffer und einigen Gewürzen
abgeschmeckt, die Paul nicht kannte.
Wieder kam er ins Nachdenken. Er erinnerte sich, daß
in Südostasien Milch und Käse nicht zu den üblichen
Nahrungsmitteln gehörte. Viele Menschen dort waren
nicht dazu in der Lage, die Kohlenhydratanteile der Milch
zu verarbeiten, daher ekelten sich viele dort vor allem, was
aus Milch gemacht wurde. Wenn ihn diese Erinnerung nicht trog,
war dieses Essen wieder ein Argument dagegen, daß er
sich hier im Himalaja befand. Aber wo sonst? Der ihm völlig
unbekannte Sternhimmel ließ auf die Südhalbkugel
der Erde schließen, aber wo gab es dort eine Landschaft
wie diese? Argentinien, Südafrika, Australien? Ein Königreich
für einen vernünftige Atlas!
Nach dem Essen hielten alle einen Mittagsschlaf, da die Arbeit
in der Mittagshitze weder Mensch noch Tier zuzumuten war.
Bevor dann alle wieder an die Arbeit gingen, setzten sie sich
wieder zu der üblichen Tasse Tee zusammen, um sich für
den Rest des Tages zu stärken.
Gearbeitet wurde an diesem Tag bis fast zum Sonnenuntergang,
und an den nächsten Tagen ging es nicht anders. Die Unterschiede
bestanden fast nur darin, wer das Essen zubereitete und wie
gut er es konnte. Paul wurde von dieser Pflicht ausgenommen,
da keiner das Risiko eingehen wollte, sich hungrig zum Mittagsschlaf
hinlegen zu müssen.
“Du kochst wie Hedolg, ähm, singt”, meinte
Roguli.
Paul erinnerte sich mit Schrecken an den gestrigen Abend.
Wie üblich hatten sie Brettspiele und Karten gespielt,
als nach dem dritten Becher Apfelwein Hedolg zu einem Loblied
auf den Walnussbaum anhob, einem negser Gassenhauer. Paul
konnte sich seitdem den ersten Schritt der Käseherstellung
in Negs vorstellen: Hedolg sang die Milch sauer. |
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| Sie arbeiteten in einem eher gemächlichen
Tempo, aber es gab in dieser Zeit, wo die Ernte eingefahren
werden mußte, keine freien Tage. Nach zwölf Tagen
war das Getreide endlich geschnitten, gedroschen und in Säcke
gefüllt. Täglich wurde eine Wagenladung vom Hof abtransportiert,
oft fanden sich abends mehrere Wagen aus benachbarten Höfen
und Dörfern zu Konvois zusammen, die gemeinsam zur Stadt
fuhren. Die Wagenführer setzten sich auf einem Wagen zusammen,
unterhielten sich fröhlich und liessen die Rinder einfach
zufahren.
Nach der Erntezeit kehrte wieder mehr Ruhe auf dem Hof ein,
Paul bekam wieder Zeit nachzudenken. Vergeblich hatte er bisher
auf die Nachricht aus Negs gewartet, daß die Leute aus
dem Talwald angekommen seien und er begann, sich Sorgen zu
machen. Vielleicht war der Versuch gescheitert, sich aus dem
Talwald abzusetzen, möglicherweise hatte es Kämpfe
gegeben, unter Umständen sogar Tote. Er bemerkte, daß
er vor allem wegen Andra beunruhigt war; es schien, daß
er seine Abscheu gegen den weiblichen Teil der Leute aus dem
Talwald abzulegen begann - zumindest teilweise.
In den kurzen Gesprächen, die er immer wieder mit den
Negsern führte, begann er einen Überblick über
die Gesellschaft von Negs zu bekommen. Die Technik der
Menschen hier war ziemlich mittelalterlich, die Organisation
sowohl in politischer wie auch wirtschaftlicher Hinsicht aber
erstaunlich effizient.
Die Wüstenlage von Negs hatte zur Folge, daß man
mit den natürlichen Lebensgrundlagen sehr behutsam umgehen
mußte. Die Neg, der Fluß, der das Leben hier überhaupt
ermöglichte, kam aus den Bergen, die er fern am Horizont
bei klarem Wetter sehen konnte, und führte hinaus in
die Wüste, wo er im Sommer etwa achtzig Kilometer weiter
versickerte; nur zur Zeit der Schneeschmelze im Gebirge erreichte
er für wenige Wochen ein Sumpfgebiet, das mehrere Hundert
Kilometer enfernt lag. Nur dann war es auch möglich,
die Stadt Nök, die in der Nähe dieses Sumpfgebietes
lag mit Lastkähnen zu erreichen und etwas Handel zu treiben.
Die Existenz des Talwaldes hing, so glaubten die Negser, genauso
vom Fluß ab wie ihr eigenes Überleben.
Unglücklicherweise führte der Fluß nicht
in jedem Jahr soviel Wasser, daß die Vegetation
im Überfluß wucherte wie im Moment, deshalb war
eine konsequente Vorratspolitik notwendig. Es hatte schon
oft Zeiten gegeben, in denen die Ernte nur ein Viertel der
normalen Menge betrug, dann mußten sich die Negser längere
Zeit mit einer Mischkost aus Getreide, Hülsenfrüchten
und dem wenigen, was geerntet wurde, am Leben halten. In solchen
Zeiten wurden auch einige der älteren Ochsen geschlachtet,
da auch sie nicht genug Nahrung auf den dann trockenen Wiesen
fanden.
Solche trockenen Jahre waren immerhin so häufig, daß
die Negser schon aus purem Egoismus dazu gezwungen waren,
zusammenzuhalten. Gemeinschaftssinn war bei den
Negsern eine überlebensnotwendige Tugend. Es gab zwar
Unterschiede im persönlichen Besitz, Ansehen erwarb
man sich aber eher aufgrund besonderer Leistungen als mit
großem materiellen Reichtum.
Paul kam zu dem Schluß, daß sich eine solch zumindest
nach außen harmonische Form des Zusammenlebens wohl
nur unter Lebensbedingungen herausbilden konnte, wo man
so auf den anderen angewiesen war wie hier. Eine Überflußgesellschaft,
wie die, aus der er stammte, brachte immer viele Leute hervor,
die sich durch Besitz von anderen abheben wollten. Das hatte
dann zwar den Effekt, daß diese Leute gelegentlich nicht
nur den eigenen Wohlstand mehrten, sondern auch den Wohlstand
der gesamten Gesellschaft. Stets waren aber auch große
soziale Unterschiede mit den entsprechenden Spannungen die
Folge.
Er fühlte sich wirklich wohl hier, seine Freunde hier
schienen weit weniger hektisch und herzinfarktgefährdet
als der übliche Bürger der technisierten Welt. Manchmal
hätte aber er doch gern andere Musik gehört als
die einfachen, handgemachten Melodien, die abends oft erklangen,
er vermißte seinen Computer, die Möglichkeit zu
reisen und vieles mehr, was ihm auf Anhieb nicht einfiel.
Einige Dinge an den Negsern erstaunte ihn so sehr, daß
er sich nicht länger mit seinem partiellen Gedächtnisverlust
abfinden wollte. Die Negser kannten als Metall außer
Gold und Silber fast nur Messing, also eine Legierung aus
Kupfer und Zink. Diese Metalle wurden im Gebirge abgebaut
und verarbeitet, dort wo auch der Fluss Neg entsprang. Er
hielt es aber für ausgeschlossen, daß eine
Kultur auf den Gebrauch von Eisen weitgehend verzichtete,
obwohl es doch überall auf der Welt bekannt war. Bei
dieser Beobachtung kam wohl wieder der Naturwissenschaftler
in ihm durch. Eisen war seit etwa 2000 vor Christus bekannt,
und seitdem wurde es auf dem Teil der Welt genutzt, die mit
Eisen umzugehen verstanden. Bisher hatte er Eisen hier nur
an den Schneiden der Mähmaschinen entdecken können,
wobei diese Kombination zwischen Eisen und Messing die Korrosion
des Eisens nur förderte. Selbst wenn sie hier nur wenig
Eisen selbst gewinnen konnten, etwas Handel mit der Außenwelt
betrieben sie, wie Dag ihm erzählt hatte, und da sollte
doch auch etwas hochwertiger Stahl anfallen. Negs war sicherlich
kein Zentrum der Hochtechnologie, aber die Gegenstände
des täglichen Lebens, ob aus Keramik, Messing, Glas oder
vor allem Holz waren außergewöhnlich kunstvoll
gearbeitet und gleichzeitig effektiv; an der mangelnden
technischen Intelligenz der Negser konnte es nicht liegen,
daß kaum Eisen zu entdecken war. |
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Oft sprach er mit Dagolesian auch
über die Zeit, als er mit seinen Freunden in Negs aufgetaucht
war. Immer wieder war die Rede von einer Explosion über
dem Talwald, bevor sie kamen. Es war gegen Abend passiert,
deshalb hatten es viele Bewohner von Negs beobachtet, seitdem
war der Wald den Leuten hier noch unheimlicher als ohnehin
schon. Wenn er sein Gedächtnis schneller wiederhaben
wollte, mußte er den Weg zurück wohl wagen. Dort,
wo die Explosion stattgefunden hatte, mußte der Schlüssel
zu allem liegen.
“Ich muß in den Talwald, Dag. Ich muß die
Stelle finden, wo sich die Explosion ereignet hat. Zumindest
irgendwelche Überreste von dem, was da hochgegangen ist,
müssen noch zu finden sein, sonst wäre von mir und
den anderen auch nichts mehr übriggeblieben.”
“Zu gefährlich. Wenn dich die Eidechsen unterwegs
nicht entdecken, dann töten dich deine lieben Freunde
im Wald. Und wie willst du die Stelle finden, der Talwald
ist groß.”
Das war in der Tat ein Problem. Nach seinen eigenen Erfahrungen
und den Erzählungen von Dagolesian mußte er mehr
als 20 Kilometer lang sein und fast ebenso breit, das waren
sicher 400 Quadratkilometer.
“Kann mich keiner von euch begleiten, es ist jetzt
hier nicht mehr so viel zu tun.” Paul erinnerte sich
an das Verbot, den Wald zu betreten. “Zumindest bis
zum Rand des Waldes?”
“Wir werden es bereden.”
Immerhin war das kein klares Nein.
In dieser Nacht schlief Paul wieder unruhig. Explosionen,
Kühnhold, der ihn verfluchte, fröhliche Gesichter
vor einer großen Schalttafel, riesige Säle voller
Metallbehälter, dann wieder Jonas, der sich auf ihn stürzte.
Als er am nächsten Morgen in den Wohnraum hinunterkam,
saßen schon alle am Tisch und diskutierten.
Wie üblich hatten sie mit dem Beginn des Frühstücks
gewartet, bis alle im Hause anwesenden zusammmen waren. Als
sie ihn bemerkten, wandte sich Roguli an ihn.
“Wir haben beraten, und wir werden dich begleiten.
Nicht alle, natürlich, aber Dagolesian, Olami und ich.”
Irgendein tiefsitzender Reflex wollte ihn sich wundern lassen,
daß auch eine Frau den sicher nicht ungefährlichen
Weg durch die Wüste wagen wollte. Dann dachte er an Andra,
dachte an die gemeinsame Erntearbeit der letzten beiden Wochen
und wunderte sich nun, wie er überhaupt auf die Idee
gekommen sein mochte, sich über die Begleitung durch
Olami zu wundern.
Sie beschlossen, sich bereits nach dem Frühstück
reisefertig zu machen. Zu den üblichen halblangen Hosen,
die bis zu den Waden reichten, und den groben Hemden packten
sie auch noch warme Wollkleidung, da die Nächte
in der Wüste sehr kalt werden konnten.
Die Verabschiedung war herzlich, man umarmte sich, legte
sich gegenseitig die rechte Hand auf die Stirn und die Zurückbleibenden
wünschten den Reisenden eine gute Heimkehr.
Das erste Stück des Wegs legten sie auf einem Ochsenkarren
zurück, der eine Ladung Getreide zu den Mühlen auf
dem Hochplateau bringen sollte. In der gewohnten zügigen
Fahrt, die ihn eher an ein Pferdegespann erinnerte, ging es
durch die breite Ebene, die der Fluß im Laufe von Jahrmillionen
dem hochliegenden Wüstenland abgerungen haben mußte.
Der Geruch von frisch geschittenem Gras lag in der Luft. Auf
den Feldern arbeiteten vereinzelt Menschen, zuweilen winkte
jemand zu ihnen herüber. Die Sonne stieg langsam in den
Himmel und vertrieb die letzten Reste des Nachtnebels. Schwalben
segelten durch die Luft, die abrupten Richtungswechsel deuteten
an, daß die Insekten weniger Freude an diesem Bild haben
dürften als die vier auf dem Wagen. Kam der Wagen an
einer Weide mit Rindern vorbei, entspann sich zwischen ihren
Ochsen und denen auf der Weide eine regelrechte Unterhaltung
aus Grunz- und Brummlauten. Auf dem Hof war ihm das nie aufgefallen;
entweder sie unterhielten sich nur nachts oder sie hatten
sich schon alles erzählt.
Kurz nachdem sie eines der wenigen Dörfer in der Ebene
durchquert hatten, stieg das Gelände langsam an und der
Wechsel von Weiden, Feldern, Gemüse- und Obstkulturen
und kleinen Waldstücken wich einer eintönigeren
Flora. Büsche mit derben Blättern säumten den
Weg, dazwischen standen einige Kiefern, deren Pfahlwurzeln
offenbar das Grundwasser noch erreichten. Dann sah man
nur noch die typische Wüstenvegetation aus Dickblattgewächsen
und kleinen Kakteen, auf den Felsen räkelten sich grünschimmernde
Eidechsen. Schließlich verschwanden auch die letzten
Reste der Vegetation.
Der Weg wand sich nun zwischen den Felsen hindurch mühsam
bis zu den Windmühlen hoch. Als Paul sich in einer Kurve
umdrehte, um noch einmal auf diese grüne Oase in der
Wüste zurückzuschauen, fragte er sich, warum er
nicht einfach dablieb, sich mit dem einfachen, aber sicheren
Leben dort arrangierte und mit den Leuten zusammenblieb, die
ihn mochten, anstatt sie in Gefahr zu bringen. Aber dieses
Gefühl, eine Figur in einem Spiel zu sein, dessen Spielregeln
er einmal beherrscht haben mußte und nun vergessen hatte,
das machte ihn unruhig. So zu leben war letztlich gefährlich,
und zwar für ihn und auch für seine Freunde. Wenn
man an einem Spiel teilnahm, sollte man die Regeln mindestens
so gut kennen wie die, gegen die man spielte.
Er lächelte bitter. Auf jeden Fall mußte man wissen,
wer mit und wer gegen einen spielte, das war schon beim Doppelkopf
so.
Als sie das Plateau erreicht hatten, sah Paul erst, wie groß
diese Windmühlen waren. Etwa ein Dutzend dieser mindestens
zwanzig Meter hohen Gebäude standen in einer Reihe, dazwischen
und dahinter weitere kleinere Mühlen. Bei einer dieser
kleineren Mühlen lieferten sie ihre Ladung ab. Roguli
sprach kurz mit dem Müller, um dafür zu sorgen,
daß der Wagen zurück auf den Weidenhof gebracht
würde, dann setzten sie den Weg zu Fuß fort.
Mittlerweile war es schon nach Mittag und die Luft lag flirrend
über der Wüste. In der Ferne konnten sie als dunklen
Fleck den Talwald erkennen.
“Du hast von diesem Ausguck erzählt, den deine
Leute auf einem hohen Baum eingerichtet haben”, erkundigte
sich Dagolesian. “Haben die eigentlich auch optische
Hilfsmittel, also ein Fernrohr oder sowas?”
Paul konnte keine sichere Antwort darauf geben, da er selbst
nie oben gewesen war. Andra hatte allerdings nie so etwas
erwähnt, auch war der Angriff der Eidechsen auf das Dorf
erst sehr spät gemeldet worden.
“Ich glaube nicht, zumindest kann es nichts sehr gutes
sein, sonst hätte man die kleine Eidechsenarmee damals
schon viel früher bemerken müssen. Wir können
uns allerdings nicht darauf verlassen.” |
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Olami zog eine Karte aus ihrem Rucksack.
“Wir gehen hier zu diesem Flecken”, dabei deutete
sie auf einen kleinen grünen Punkt auf der Karte, “das
schaffen wir in vier Stunden. Dort schlafen wir bis die Nacht
beginnt, dann marschieren wir bis zum Wald. So können
wir sicher sein, daß man uns nicht entdeckt. Wenn wir
es nicht ganz bis zum Wald schaffen, haben wir hier einen
zweiten Flecken, der nur noch knapp zwei Dreb vom Wald entfernt
ist. Dieser Flecken wäre ohnehin ein guter Stützpunkt
für die Erkundung des Waldes.”
Der Weg durch die Wüste war natürlich von grausiger
Eintönigkeit. Sie war fast völlig eben, wenn man
davon absah, daß sie zum Talwald hin fast unmerklich
abfiel. Auf dem Hochplateau war es zwar auch ziemlich vegetationslos,
aber dort konnte man sich wenigstens am Anblick des ein oder
anderen Felsens laben. Hier sah man aber, soweit das Auge
reichte, nur lehmigen Sand. Auf seiner Flucht aus der Stadt
hatte er all dies kaum wahrgenommen, da er noch noch zu stark
unter Drogen stand. Auf seinem Weg vom Wald zurück in
die Stadt hatte er andere Sorgen gehabt als die langweilige
Gegend zu beklagen; der Schmerz und das beginnende Fieber
hatte ihn hinreichend abgelenkt.
Sie hatten lange Umhänge und ein Kopftuch angelegt und
marschierten hintereinander, Olami ging voran. Nachdem sie
ein angemessenes Tempo gefunden hatten und im Gleichschritt
durch die Wüste liefen, gab Dagolesian Blätter herum.
“Gegen die Langeweile”, war der kurze Kommentar.
Sie kauten darauf herum und Paul dachte an die Geschichten
von den Kokablätter kauenden Inkaboten, die unglaubliche
Entfernungen in den Anden zurückgelegt hatten, ohne zu
ermatten. Südamerika! Das wäre wirklich eine Erklärung
dafür, daß kein Großer Bär am Nachthimmel
zu entdecken war! Bevor er genauer darüber nachdenken
konnte, merkte er, wie seine Konzentration nachließ.
Er ging im immer gleichen Trab, aber die Wüste um ihn
veränderte sich. Sie wurde nun völlig glatt und
eben wie ein Tisch. Die Farbe veränderte sich unendlich
langsam vom grellen Gelb in ein warmes Rotbraun. Hin und wieder
flog einer seiner Mitmarschierenden rechts an ihm vorbei,
manchmal flog er an ihnen vorbei. Ab und zu hatte er das Gefühl,
daß Negs, das weit auf der rechten Seite lag, sich pulsierend
auf und nieder bewegte, kaum merklich zwar, aber dennoch unübersehbar.
Seine Freunde schien das nicht zu beunruhigen. Blöde
grinsend flogen sie an ihm vorbei, ebenso blöde grinsend
sahen sie zu ihm herüber, wenn er an ihnen vorbeiflog.
Gib uns einen bunten Luftballon, oder sogar 99 davon und wir
fliegen ...
Irgendwann ließ die Wirkung des Blattes langsam nach.
Negs lag ruhig auf dem Hügel wie immer, die Wüste
war gelb wie immer und sie wechselten sich in der Führungsarbeit
ab wie die Zugvögel, da ihnen ein heißer, staubiger
Wüstenwind ins Gesicht blies.
Der Flecken, wie Olami ihn genannt hatte, war eine Senke
wie die, in der er auf der Flucht aus dem Wald ausgeruht hatte.
Als er wieder klar denken konnte, war die Senke nur noch wenige
hundert Meter entfernt; seine Freunde kannten sich offenbar
in der Dosierung dieser Droge genau aus. Nachdem sie Hunger
und Durst gestillt hatten, fertigten sie eine Art Sonnendach
an, indem sie ihre Umhänge zusammenknöpften und
zwischen die Büsche hängten. Schnell fielen Sie
in einen tiefen Schlaf.
Sie wurden wach, weil es kühler wurde. Die Sonne war
untergegangen, strahlend und für seine Augen erstaunlich
hell standen die Sterne am Himmel. Im Wald hatte er den Himmel
nie so bewundern können und am Fluß war es nachts
oft nebelig gewesen. Und diese klare Wüstenluft war doch
etwas anderes als die verschmutzte Luft in den europäischen
Ballungszentren.
Nachdem sie sich wieder mit Tee und Brot gestärkt hatten,
stiegen sie aus der Senke empor. Rechts konnte man in der
Ferne als dunklen Schatten vor dem Nachthimmel Negs erkennen,
vor ihnen war der helle Wüstensand. Paul erkannte kaum
etwas, aber Olami sah nur kurz zum Himmel und ging dann los.
Der Weg durch die Nacht war nicht weniger eintönig als
am Tag, aber einige der Blätter halfen ihnen, die Langeweile
zu besiegen. Als der neue Tag heraufdämmerte, waren sie
zwar durchgefroren, hatten aber die Senke erreicht, die Olami
als Ausgangspunkt für die Erforschung des Waldes ausgewählt
hatte. Er fragte sich, wie sie unter Drogeneinfluß dieses
kleine Fleckchen Grün in der Wüste hatte finden
können, aber sie schien ein Orientierungsgenie zu sein,
auch Dag, diese würdige Autoritätspeson, folgte
ihr stets ohne zu zögern.
Wieder aßen und tranken Sie, dann schliefen sie sich
aus. Diesmal wurden sie wach, weil Dag sie weckte.
Die Sonne war bereits auf ihrem Weg zum Horizont, es war
später Nachmittag. Die Senke lag etwa 20 oder 30 Meter
unterhalb des Wüstenniveaus. Die Vegetation war spärlich,
Trockengräser, Kakteen, Dickblattgewächse und als
Krönung einige kleine Eukalyptusbüsche mit schütterer
Belaubung. Keine sattgrüne Oase, aber immerhin, es gab
etwas Schatten und sie waren gegen Einblicke geschützt.
Offenbar litt nicht nur Paul unter den Nachwirkungen der
Blätter. Schweigend aßen sie von ihren Vorräten
und alle tranken, als hätten sie einen Riesenkater. Schließlich
erhob sich Roguli, nahm aus seinem Rucksack einen länglichen
Holzgegenstand und stieg zum Rand der Senke empor. Vorsichtig
sah er durch das Holzrohr über den Rand und suchte den
Horizont ab.
“Man kann niemanden sehen”, sagte er, als er
wieder unten ankam.
“Wir sollten vor Sonnenuntergang losgehen, dann finden
wir am Waldrand noch einen vernünftigen Platz, an dem
wir die nächste Nacht verbringen. Außerdem können
wir vielleicht unsere Vorräte noch ein wenig auffrischen.
Unsere großen Rucksäcke lassen wir hier, nur kleines
Gepäck.” Dag wandte sich an Paul. “Wir befinden
uns am von Negs aus gesehen hinteren Teil des Waldes. Wenn
wir den Berichten derer, die es damals gesehen haben, glauben
sollen, muß dort das, was du als Flugzeug bezeichnet
hast, heruntergefallen sein. Dort fand die Explosion statt.”
Paul bat um das Holzrohr und bekam zu seiner Überraschung
ein feingearbeitetes zusammenschiebbares Fernrohr aus
einem sehr harten und schweren Holz, das in einer stabilen
Lederschatulle aufbewahrt wurde. Er blickte prüfend hindurch
und fand, daß es ein erstaunlich sauberes Bild in einer
ordentlichen Vergrößerung lieferte; die Negser
kannten sich wirklich in der Bearbeitung von Glas und Holz
aus. Er stieg ebenfalls zum Rand der Senke hoch und schaute
über den Rand. Sie waren fast ganz am Wald vorbeigelaufen,
in den vergangenen andertalb Tagen hatten sie sicher dreißig
Kilometer durch die Wüste zurückgelegt. Negs war
durch die hitzeflimmernde Wüstenluft nur noch durch
das Fernrohr am Horizont zu erkennen. Er blickte nun zum Wald
hinüber, der etwa zwei oder drei Kilometer entfernt war.
Mit gespannter Aufmerksamkeit suchte er zunächst
den Waldrand ab, aber auch er fand kein Zeichen von Menschen.
Dann beobachtete er mit höchster Konzentration den oberen
Rand des Waldes und tatsächlich, am anderen Ende konnte
er schwach aufsteigenden Rauch entdecken. Sie waren also noch
da, und das Dorf war offenbar noch an der alten Stelle oder
dicht dabei. Weit konnten sie sich, wenn überhaupt, nicht
bewegt haben; in diesen hinteren Teil des Waldes wollten sie,
aus welchen Gründen auch immer, nicht ziehen. Einige
Bäume ragten einige Meter über die übrigen
hinaus, aber so sehr er auch suchte, er konnte keinen Ausguck
oder etwas ähnliches entdecken. Dann sah er zum anderen,
hinteren Ende des Waldes, um zu sehen, ob es irgendwelche
Anzeichen für einen Flugzeugabsturz gab. Am Rand des
Waldes fand er nichts, aber er glaubte, in der sonst ganz
ebenmäßigen Linie der Baumwipfel eine kleine Delle
entdecken zu können; Zufall vielleicht, aber möglicherweise
auch die noch nicht vernarbten Wunden einer großen Explosion.
Die Stelle konnte nicht sehr weit vom Waldrand entfernt sein,
denn in Richtung des Dorfes konnte er keine solche Dellen
sehen, obwohl sich doch große Lichtungen im Wald befanden.
Er suchte den Horizont einmal in alle Richtungen ab, außer
dem Wald und dem in der Ferne liegenden Negs sah er aber nur
die flache, gelbe, unendlich erscheinende Wüste. |
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| Als er wieder bei den anderen angekommen
war, berichtete er über seine Beobachtungen und man beschloß,
die Delle genauer zu untersuchen. Sie warfen ihre hellen Umhänge
über und setzten ihre Kopftücher auf. Jeder band einen
kleinen Teil des Rucksackes mit Proviant vom Rest und hing diesen
in die Bäume. Dann machten sie sich auf den Weg.
Diesmal ging es ohne die Blätter; sie liefen eine Stunde
durch den Sand, dann waren sie am Waldrand. Pauls Puls ging
höher vor Aufregung, aber er bemerkte auch, wie sich
seine Begleiter unwohler fühlten, je näher sie dem
Wald kamen. So sehr er auch versuchte, die Gründe dafür
herauszufinden, sie zogen sich immer auf ihr religiöses
Tabu zurück. Während sie am Waldrand entlanggingen,
fragte sich Paul, warum diese Leute ihn trotz ihrer Angst
oder was es auch immer sein mochte hierhin begleiteten. Er
fand eine schöne und eine unschöne Erklärung.
Die schöne wäre eine tiefe Freundschaft, die
sie zu ihm, das heißt zu dem jetzigen oder dem früheren
Paul oder sogar beiden hegten. Sie wußten, daß
er es allein nie schaffen würde und halfen ihm trotz
ihrer Unsicherheit und Angst. Die weniger schöne war,
daß sie seiner Kenntnisse habhaft werden und ihn deshalb
nicht aus den Augen verlieren wollten.
Er sah sich die drei an. Dag, der hagere, große, grauhaarige
Mann mit dem Denkergesicht, Roguli, ein untersetzter, wortkarger
und vertrauenseinflößender Bulle von
Mann und Olami, die muntere Frau mit der erstaunlichen Orientierungsfähigkeit
und der Bombenkondition, sie schien von allen die am wenigsten
Erschöpfte zu sein.
Er dachte an seine “Freunde” im Dorf, denen er
auch zuerst getraut hatte, an Jonas, der ihn eliminieren wollte,
ohne mit der Wimper zu zucken. Ein wirkliches Mißtrauen
zu den Negsern wollte sich aber nicht einstellen, so sehr
er sich auch darum bemühte. Er mußte seinem Instinkt
folgen, der ihn vor nicht allzu langer Zeit so glänzend
vor der ewigen Ruhe bewahrt hatte; zu diesen Leuten hier fühlte
er Sympathie, Bewunderung, Freundschaft, und das war im Dorf
nur bei einigen wirklich der Fall gewesen. Und schließlich:
welche Wahl hatte er schon?
Olami hielt die Gruppe an und zeigte nach unten. Sie befanden
sich an einer Stelle, an der sie gut in den Wald hinuntersteigen
konnten. Sie stellten sich zusammen und legten die Hände
aufeinander, Paul sah die Unruhe in ihren Gesichtern. Sie
sahen ihn an.
“Du schützt uns, Paul.”
Dag, Roguli und Olami legten nacheinander die Hand auf seine
Stirn und er die seine auf ihre. Dann stiegen sie hinunter,
aufmerksam den Waldrand beobachtend. Nichts passierte, und
seine Freunde wurden langsam ruhiger.
Nahe am Waldrand, noch im Hang, schlugen sie ihr Nachtlager
auf, schoben Laub zu einer Art Matratze zusammen und deckten
sich mit ihren Umhängen zu. Obwohl sie nicht sehr lang
unterwegs gewesen waren, schliefen sie schnell ein.
Am nächsten Morgen standen sie früh und erfrischt
mit dem ersten Sonnenlicht auf; die Nachwirkungen der
Drogen hatte anscheinend aufgehört. Sie mußten
sich sich nun ihren Weg durchs dichte Unterholz bahnen, kamen
aber recht schnell voran.
Je weiter sie in den Wald eindrangen, desto stickiger und
feuchter wurde die Luft, es roch nach verfaulendem Laub, nach
Morast. Die Zahl der Insekten nahm zu, die Stechmücken
begannen, lästig zu werden. Zuweilen mußten sie
Pfützen ausweichen, der Untergrund federte.
Nachdem sie sich eine Stunde durch den Wald gekämpft
hatten, bemerkten sie, daß bei einigen Bäumen die
Wipfel wie nach einem Sturm abgebrochen waren, frische Zweige
waren jedoch schon lange wieder ausgetrieben. Sie gingen in
Richtung der abgebrochenen Baumspitzen. Langsam wurden die
Schäden deutlicher, hier und da war ein ganzer Baum umgestürzt
und wurde schon wieder überwuchert.
Plötzlich hielt die Gruppe an. Vor ihnen im Unterholz,
auf einer kleinen Anhöhe, war eine große Masse
im Zwielicht des Waldes zu erkennen. Drei gewaltige Düsen
ragten aus dem Heck eines blau schimmernden Flugkörpers,
am Leitwerk wuchsen Schlingpflanzen hoch, die Tragflächen
waren unter der Pflanzendecke kaum noch zu sehen.
Pauls Herz schlug wild, seine Gedanken begannen schneller
und schneller zu rotieren. Schließlich bewegte er sich
wie in Trance auf die Maschine zu. Das Leitwerk war sicherlich
zehn Meter hoch, die Flügel waren deltaförmig. Das
war kein Flugzeug.
Die fensterlosen Seiten des Rumpfes waren aufgerissen, durch
das Innere huschten einige kleine Nager. Im zusammen gedrückten
Bug dieses Gefährts sah er die Reste der Steuerkanzel,
die großen Fenster waren zerbrochen.
Erinnerungen stürzten auf ihn ein und begannen sich
in seinem Kopf zu formieren, er mußte sich auf einen
umgestürzten Baum setzen und legte seinen Kopf in die
Hände. Er schaute noch einmal zur Steuerkanzel hoch und
las dort den Namen des Gefährts: “Blue Öyster”.
Die Erinnerungen begannen sich etwas zu sortieren.
Lügen über Lügen. Europa, Chaos, Zusammenbruch
der Zivilisation, alles Lügen.
Nun ja, Europa nicht ganz.
Er stand auf und ging wie durch einen Nebel zu seinen Freunden
zurück, die ihn mit einer Mischung von Erstaunen, Furcht
und Spannung erwarteten. Er sah sie nicht an, als er zu einer
Erklärung ansetzte.
“Wir haben euch belogen. Wir kommen nicht von hier,
wir kommen von da oben”, sagte er wirr und wies mit
der Hand unbestimmt nach oben.
“Mit diesem - Flugzeug - da”, fragte Dag.
“Das ist kein Flugzeug, versteht ihr? Wir kommen nicht
von hier, überhaupt nicht von hier.”
“Ja, du hast es uns erzählt. Ihr kommt aus Europa.”
“Wirklich, daher kommen wir”, stieß Paul
bitter hervor. “Wißt ihr, wo das ist? Lichtjahre
entfernt. Wir kommen überhaupt nicht von dieser Welt,
wir kommen aus dem Weltraum, von den Sternen. Das ist kein
Flugzeug. Die 'Blue Öyster' da drüben ist ein abgestürztes
Sternenschiff.” |
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| Hier endet der erste Teil von "Terkan". |
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