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| Die Desis |
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| Inverness war sicherlich keine besonders
spektakuläre Stadt, eher klein, freundlich und geruhsam.
Dafür gab es dort aber seit einigen Jahren ein Institut
für Radioastronomie, das etwas außerhalb der Stadt
lag.
Die Wahl war vor allem deshalb auf Inverness gefallen, weil
Ian McNabb, der das anfliegende Raumschiff als erster geortet
hatte, eine Zeitlang an diesem Institut gewesen war und eine
Reihe seiner ehemaligen Kollegen schon sehr früh über
seine Beobachtungen informiert hatte. Von den rund vierzig
Leuten auf Erden, die über die Ereignisse informiert
waren, waren allein zwölf aus diesem Institut.
Die Kontaktgruppe war als Wartungsteam getarnt, das die technischen
Geräte auf den neuesten Stand der Technik bringen sollte.
Nun, in der Tat wollte man einige zusätzliche Geräte
einbauen, aber vor allem hatte man so eine gute Ausrede, einen
großen Teil der Angestellten für eine gewisse Zeit
in Urlaub zu schicken.
Sie verließen die Stadt Richtung Westen und fuhren
am linken Ufer des River Ness entlang. Es herrschte das typische
schottische Wetter. Gerade hatte es aufgehört zu regnen,
jetzt lag das weite Tal im Sonnenlicht. Das Institut mit seiner
großen beweglichen Antenne von nahezu 50 Metern Durchmesser
leuchtete wie frisch gewaschen in der klaren Luft des Great
Glen. |
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| Am Eingang wurden sie bereits von
Ian McNabb empfangen.
“Ich hoffe, sie sind nicht böse wegen dieses Versehens.
Schließlich hat es dazu geführt, daß Sie
jetzt hier mitarbeiten müssen.”
William grinste und zuckte mit den Schultern.
“Immerhin ist es auch so eine Art Ehre.”
Paul war neugierig.
“Wie sieht es denn aus mit neuen Erkenntnissen? Hat
sich in der Zwischenzeit etwas neues ergeben?”
“Eigentlich nichts besonderes. Einer von den Kollegen
hat allerdings die Vermutung, daß sich die Leute mit
uns treffen wollen, aber man weiß nichts genaues. Unser
Linguist versucht intensiv, eine Kommunikationsbasis auf der
Grundlage von Sprache zu finden, aber das ist schwierig. Von
den Männern im Mond kommt bisher auch nur ein Bild nach
dem anderen, aber nicht viel, was wir für einen Sprachkontakt
nutzen können. Aber kommt mit, ein paar Bilder sind schon
interessant.”
Kado ließ sie allein, er wollte sich um die Unterbringung
der beiden kümmern.
Sie gingen in einen mit Computern vollgestopften Raum, in
dem ein paar Leute emsig herumwuselten. Ian führte sie
zu einem der Geräte und ließ einige der Bilder
auf dem Schirm erscheinen, die von den Besuchern übermittelt
worden waren. Auf einem sahen sie eine Reihe von etwa zwanzig
Symbolen. William zählte nach.
“Eine Schrift mit neunzehn Buchstaben. Die haben möglicherweise
ein ähnlich weites Lautrepertoire wie wir. Hat man da
schon was rausgefunden?”
“Wir haben sogar schon Sprachproben! Achtung.”
Aus dem Lautsprecher kamen einige Geräusche. William
hörte aufmerksam zu und ließ es sich mehrmals vorspielen.
“Das war deren Alphabet. Das hört sich so an,
als seien am Anfang die Vokale, vier glaube ich, und dann
die Konsonanten, die restlichen fünfzehn. Oder habt ihr
eine andere Erklärung?”
Ian schüttelte den Kopf.
“Sieht man davon ab, daß wir etwas länger
für diese Deutung gebraucht haben, sind unsere Leute
hier derselben Meinung. Wir haben allerdings nur einen Linguisten
hier, so daß die Sache etwas langsam vorankommt.”
William guckte kritisch. Er ließ sich die Sprachproben
noch einmal vorspielen, dann ein weiteres mal.
“Das ist aber alles unserer Sprache so ähnlich,
daß ich wieder mißtrauisch werde. Da ist doch
was faul, wenn die aus den Tiefen des Alls kommen und dann
ein Sprachrepertoire haben wie wir. Nimm die Vokale! Ein “a”,
etwas zwischen “e” und “i”, dann so
eine Art dunkles “ä” und ein “o”.
Toll, nur das “u” fehlt! Vielleicht kriegen die
den Mund nicht genug gespitzt. Das gibt’s doch nicht.”
Ian hob hilflos die Hände. Paul grinste.
“Warte nur, in ein paar Wochen stellt sich raus, daß
alles nur ein Täuschungsmanöver mit irgendwelchen
neuen technischen Tricks war, um uns an der Nase herumzuführen.
Erinnert ihr euch an die Berichte aus den achtziger Jahren
des letzten Jahrhunderts, als ein paar begabte Witzbolde Kreise
in Kornfelder gemacht haben und die ganze Welt in heller Aufregung
war? Da waren’s angeblich auch die Außerirdischen
und die Fraktion der Ufologen bekam großen Auftrieb.
Sowas ist das jetzt auch, wartets nur ab!”
“Bei einem Täuschungsmanöver hätte man
sich mehr Mühe gegeben, alles etwas fremdartiger aussehen
zu lassen”, wandte Ian ein.
Paul und William fanden das plausibel. Dann stellte Ian ein
paar frische Bilder vor.
“Hier ist was eigenartiges, das bekommen wir seit gestern.
Zuerst kommt ein normales Bild im üblichen Format 809
mal 1009. Dann kommt eine Folge von sechzehn neuen Zeichen
und schließlich ein Bild oder weiß der Geier was,
aber mit jeweils der vierfachen Länge und Breite. Wenn
wir aber versuchen, ein Bild daraus zu machen, bekommen wir
nur Datenmüll. Wir arbeiten dran.”
Jetzt wurde Paul aufmerksam.
“Sechzehn Zeichen kommen immer dazwischen, sagst du?
Kommen die immer in der gleichen Reihenfolge?”
Ian nickte.
“Vielleicht wollen die einfach nur Bilder mit einer
besseren Qualität verschicken. Habt ihr das schon
mal in Graustufen umgewandelt? Vielleicht kommen die Dinger
jetzt nicht mehr in reinem Schwarzweiß!”
McNabb runzelte die Stirn, schlug sich vor den Kopf und warf
dann einem der an den Computern arbeitenden Leute ein paar
Worte zu. Danach begaben sie sich zu einem Begrüßungstee
in die kleine Kantine des Instituts.
“Wir müssen auf jeden Fall ein paar Experten für
Sprachen herschaffen, einen Informationstheoretiker mit praktischen
Erfahrungen und vielleicht noch einen Völkerkundler oder
Kulturhistoriker, um die Sprache zu entschlüsseln. Ein
Mann, oder mit mir eineinhalb, das ist zu wenig. Und wenn
sich das Ganze nicht wirklich noch als dummer Scherz herausstellt,
ist die Sache hier von einer historischen Bedeutung wie kaum
ein anderes Ereignis bisher, und da muß man auch mal
ein wenig Aufwand betreiben.”
Die beiden anderen stimmten William zu. Während sie
ihren Tee schlürften und sich beim Blick aus den großen
Glasfenstern am Wetter und der Gegend erfreuten, besprachen
sie noch einige organisatorische Fragen. Ihre gemütliche
Unterhaltung wurde unterbrochen, als einer der Leute, die
eben an den Computern gearbeitet hatten, aufgeregt hereingelaufen
kam und ihnen den Ausdruck eines der Bilder vom Mond mitbrachte.
Der Vorschlag, es mit Graustufen bei der Entschlüsselung
der Zeichenfolgen zu versuchen, war ein Treffer gewesen. Das
Bild zeigte eine Landschaft mit sanft geschwungenen Hügeln
und einer spärlichen Vegetation, so wie im zentralasiatischen
Hochland oder in der südamerikanischen Pampa. Am rechten
Bildrand war in einiger Entfernung eine Stadt zu erkennen.
Sie mochte so groß sein wie Inverness, also etwa 50.000
Einwohner nach menschlichen Maßstäben. Verglichen
mit der ursprünglichen Version war dieses Bild zwar nicht
wesentlich detaillierter, aber es ähnelte doch schon
mehr einem Schwarzweißphoto als einer billigen Computergrafik.
“Die wohnen da in der Wüste”, meinte McNabb
kopfschüttelnd. “Ich frage mich, wovon die leben.”
“Wüste heißt doch auf Englisch desert, glaube
ich.”
McNabb bejahte Pauls Frage mit einem kurzen Nicken.
“Einen Namen haben die ja noch nicht”, fuhr Paul
fort. “Nennen wir sie fürs erste als so eine Art
Code Desis.” |
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Kado kam wieder zu ihnen. Er hatte
ihnen in der Nähe des Stadtzentrums auf dem anderen Ufer
des River Ness in einem Hotel im englischen Landhausstil eine
Unterkunft besorgt.
“Sehr schön, sage ich euch. Es ist nicht weit
bis ins pulsierende Zentrum und ein paar hundert Meter flußaufwärts
sind ein paar Inseln im Fluß, das ist wie ein richtiger
kleiner Park, gut geeignet, um zu entspannen und nachzudenken.”
Bis zum Abend mußte noch geklärt werden, wie groß
das Team werden sollte und welche Leute noch gebraucht würden,
dann begaben sie sich ins Hotel.
Nach dem Abendessen mit obligatorischem Whisky als Nachtisch
wanderten Paul und William noch ein wenig am Fluß entlang.
Am gegenüberliegenden Ufer stand neben der großen
Kathedrale ein Veranstaltungszentrum. Zum Stadtzentrum hin
stand auf dem Hügel an historischer Stelle eine Burg
im Zuckerbäckerstil aus der Mitte des 19. Jahrhunderts
und erinnerte an die wechselvolle Geschichte der Stadt.
Sie wandten sich flußaufwärts. Nachdem Sie eine
kleine Brücke überquert hatten, befanden sie sich
auf den kleinen bewaldeten Inseln im River Ness. Nach kurzer
Zeit kamen sie an einen Spielplatz, um den ein paar Bänke
standen. Auf einer etwas abseits stehenden saß ein junges
Pärchen und verbiß sich ineinander, es war Frühling.
In angemessener Entfernung setzten sie sich und redeten weiter
über ihren ersten Tag in der neuen Umgebung.
“Richtig nett ist es hier, von der Atmosphäre
unter den Leuten ähnlich wie zu Hause,” meinte
Paul zufrieden.
William sah ihn von der Seite an.
“Wohl wahr, aber ich frage mich trotzdem, wie lange
das dauern soll und wie das enden soll. Man kann doch den
Rest der Menschheit nicht monatelang blöde lassen. Und
es sieht nicht so aus, als ob sich irgend etwas bewegen würde
bezüglich der Mondmenschen. Da herrscht doch die reine
Öde und Langeweile in den Beziehungen.”
Links erschien ein weiters Pärchen auf dem Platz. Der
Mann winkte zu ihnen herüber, es war Kado.
“William, Paul. Ich dachte mir doch fast, daß
ich euch hier finden würde.”
Paul musterte unauffällig die Frau neben Kado. Sie war
etwa 1,70 groß, hatte etwas rötliche Haare und
Sommersprossen, soweit er das in der hereinbrechenden Dämmerung
erkennen konnte. Schon auf der kurzen Strecke, die er sie
beim Gehen beobachtete, fiel ihm auf, daß ihr Beruf
nicht Millionärsgattin war. Sie wirkte nicht nur äußerlich
ungemein kraftvoll, ruhig, entspannt. Irgendwie hatte er sofort
das Gefühl, daß man sich auf diese Frau in jeder
Beziehung verlassen könnte.
“Dies ist Andra Brönsted,” stellte Kado
sie vor. “Sie ist Spezialistin für Logistik.”
William sah sie etwas erstaunt an.
“Leiten Sie ein Flugunternehmen oder fahren Sie Lastwagen?”
Die Frau lächelte knapp.
“Es dreht sich mehr um die Organisation von solchen
Transporten bei meiner Arbeit, nicht um die reine Durchführung.
Fliegen und Lastwagen fahren kann ich aber natürlich
auch.”
‘Süßer dänischer Akzent’, dachte
Paul.
Kado blickte etwas tadelnd zu Will herüber.
“Keine schwachen Witzchen, bitte. Die Frau hat schon
mehrere Expeditionen vorbereitet und begleitet, vor allem
solche in die Hochebenen von Zentralasien. Ihr hättet
übrigens ruhig eure Portablen mitnehmen können,
wir haben euch nämlich gesucht. Glücklicherweise
hat euch jemand vom Hotel in diese Richtung gehen sehen.”
Paul warf sich in die Brust.
“Ich wußte, daß ohne uns der ganze Laden
zusammenbricht. Wir sind nun mal die Größten, Besten
und Schönsten. Und natürlich die Intelligentesten.”
“Und zu allem Überfluß auch noch die Bescheidensten,”
fügte William hinzu. “Mal im Ernst, Kado, gibt’s
was Wichtiges oder hast du nur Sehnsucht nach uns?”
“Es scheint sich was zu tun bei unseren Gästen
auf dem Mond. Wir haben eine Weltkarte von den Desis bekommen,
und dann drei Karten von bestimmten Teilen der Erde: Island,
Zentralasien und Australien. Auf allen drei Karten waren bestimmte
Stellen angekreuzt und wir vermuten, daß sie sich dort
mit uns treffen wollen.”
“Und da hast du direkt die Expeditionsleiterin bestellt.”
“Nein,” antwortete Kado. “Reiner Zufall.
Sie war sowieso schon da, weil sie wie ich bei der US Army
beschäftigt ist und über das ganze seit einigen
Wochen auch Bescheid weiß.”
Sie plauderten noch eine Weile fröhlich über die
Zukunftsaussichten der Erde im Rahmen der heraufziehenden
Ereignisse.
Eine Laterne war angegangen und erleuchtete den Weg mehr
schlecht als recht mit einem schwachgrünen Licht, um
das bereits die ersten Nachtfalter flatterten. Das Paar, das
eben noch eng umschlungen auf der Bank gesessen hatte, war
gegangen und die vier nahmen sich vor, in einem Pub noch eines
der landestypischen Destillationserzeugnisse zu sich zu nehmen.
Auf der Brücke über den Fluß kam ihnen ein
kleiner, gedrungen wirkender Mann entgegen und fragte sie
in einem seltsam klingenden Akzent, ob er hier über den
Fluß an das andere Ufer gelangen könne. Sie verneinten
und wiesen ihn auf die etwas flußabwärts liegende
Brücke hin, aber er ging trotzdem auf die Insel.
“Der schwimmt rüber,” grinste Kado.
“Ein Froschgesicht hatte er ja schon fast.” Will
runzelte plötzlich die Stirn. “Ich frage mich,
aus welcher Gegend jemand kommen muß, um mit einem solch
eigenartigen Akzent zu sprechen. Fast wie eine Computerübersetzung
...” |
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Andra blieb stehen, drehte sich blitzschnell
um, stieß noch: “Kommt mit!” hervor und
rannte dann wieder auf die Inseln im Fluß zu.
Kado begriff als erster und sprintete hinterher, der Versuch,
Andra einzuholen war allerdings kaum von Erfolg gekrönt.
Paul und William joggten weniger engagiert hinterher. Sie
begriffen zwar nichts, wollten die anderen aber nicht allein
lassen bei ihrem gefährlichen Abenteuer ‘Die Eroberung
der Schatzinsel’.
Doch plötzlich verstand auch Paul.
“Mann, Willy, ein Desi!? Komm, wir besetzen die Brücke
weiter oben.”
Keuchend kamen sie bei der zweiten Brücke an, über
die man auf die Inseln gelangen konnte. Sie schauten zur anderen
Brücke, es war aber nichts besonderes zu sehen. Auf der
Insel waren vereinzelte Rufe von Andra und Kado zu hören.
Auch Will und Paul liefen jetzt auf die Insel und sahen sich
um, ob sie den Fremden entdecken könnte. Falls dieser
sich wirklich vor ihnen verbergen wollte, kam ihm natürlich
entgegen, daß es nun schon dunkel war; nur hin und wieder
spendete eine Laterne etwas Licht. Außer Atem trafen
sie sich schließlich an der Brücke, welche die
beiden großen Inseln verband.
“Zwecklos,” meinte Kado.
Auch Andra zuckte mit den Schultern.
“Sollten wir unsere Leute alarmieren?” schlug
William vor. “Zwei Mann besetzen die Brücken, zwei
passen auf der Flußseite auf und dann leuchten wir die
Insel mal richtig aus.”
Andra widersprach.
“Das Aufsehen können wir uns nicht leisten. Sollen
wir erzählen, daß wir unsere Schwiegermutter suchen
oder den Lieblingshund? Außerdem: es könnte natürlich
sein, daß das wirklich einer von den Fremden war. Aber
was ist, wenn wir daneben liegen und in irgendeinem Gebüsch
einen Penner finden? Wir werden zum Gespött der Highlands!”
Als sie wieder zu Luft gekommen waren, bewegten sie sich
wieder auf die brodelnde City der Stadt zu. Paul drehte sich
noch einmal kurz um.
“Hat da nicht gerade jemand gelacht?”
Sie lauschten, aber vergebens.
Auf dem Weg erörterten sie die Möglichkeit, daß
es sich wirklich um einen Desi gehandelt haben könnte.
Mißtrauisch musterten sie jeden, der ihnen begegnete
oder vor ihnen herging. Der kleine gedrungen wirkende Mann
lief ihnen aber nicht noch einmal über den Weg.
Das “Bonnie Prince Charlie” war ein gemütliches,
dunkles Pub, das sie vor die Qual der Wahl zwischen ungefähr
30 Whiskysorten stellte. Sie setzten sich an einen der schweren
Holztische in einer Ecke und William gab ihnen die Empfehlung,
es mit einem 'Laphroig' oder einem 'Tulisker'zu versuchen.
“Ich frage mich, wo der Kerl geblieben sein könnte.
Wie vom Erdboden verschluckt,” grummelte Andra.
“Die Frage ist, kann es überhaupt ein Desi gewesen
sein? Wie soll er hierhergekommen sein, ohne daß ihn
irgendein Radar erfaßt hat? Was will er hier? Genauer
gesagt: Was? Und wieso ausgerechnet hier?”
“Das ‘Hier’ kann man erklären, Kado,”
meinte Paul. “Die wissen doch, daß wir hier unsere
Kommunikationsbasis haben. Also, wenn sie sich schon die Mühe
machen, jemanden hier auf die Erde zu schmuggeln, dann hierhin.
Die Frage ist eher, wo wohnt er - oder sie? Der ist doch wohl
kaum ins erste Hotel am Platz marschiert und hat ein Einzelzimmer
genommen!”
Andra grinste.
“Ne, ne, Bed and Breakfast. Die Leute müssen sparen,
die Reise hierher war teuer genug.”
William hatte eine ganze Zeit am Tisch gesessen, das Glas
mit dem dunklen, intensiv riechenden Whisky langsam unter
der Nase hin und her bewegend. Er schien ihre Gespräche
nicht zu verfolgen, sondern in den Genuß des dunklen,
torfigen Aromas des Getränks versunken. Dann mischte
er sich plötzlich doch in das Gespräch ein.
“Das ist wirklich ein Problem: wo bleiben die? Es ist
doch mysteriös, daß dieser Typ einfach verschwunden
ist. Wir sind doch kaum eine Minute nach ihm auf die Insel
und haben ihn nicht mehr gefunden. Wer immer er ist, wo ist
er? Weiter: Wenn unsere Mondmenschen wirklich mal auf die
Erde wollen, dann sicher deshalb, weil sie wissen wollen,
was hier für ein Völkchen wohnt: ein friedliches
oder ein agressives, ein umgängliches oder verschlossenes.
Die wollen sicher das Risiko einer Kontaktaufnahme auch etwas
kalkulieren. Wenn sie aber runterkommen, dann müssen
sie unsere Sprache zumindest ansatzweise verstehen und sprechen.
Nun, sie beherrschen interstellare Raumfahrt, also werden
sie mit einer fortgeschrittenen Technologie arbeiten. Ich
frage mich aber, ob sie so Feinheiten wie das Fälschen
von Creditcards beherrschen; das fällt ja hier unseren
organisierten Kriminellen schon schwer, die aber das Zahlungsprinzip
mit elektronischer Grundlage wenigstens kennen. Das mit einem
Einchecken in einem Hotel oder sowas, das kann man vergessen,
schon deshalb, weil sie nicht zahlen können.”
William verstummte wieder, um an seinem Getränk zu nippen.
Die anderen diskutierten seinen Einwurf und erfreuten sich
zwischendurch ebenfalls an ihrem Getränk.
Nach einer Weile meldete sich William wieder zu Wort.
“Die müssen sich in Bezug auf die örtlichen
Gegebenheiten aber recht genau informiert haben. Wenn das
wirklich einer von denen war - und das seltsame Verschwinden
läßt mich irgendwie daran glauben - dann muß
er uns ja beobachtet haben. Das kann doch dann kein Zufall
sein, daß er ausgerechnet uns anspricht, und ausgerechnet
zu dieser Tageszeit, wo er besser verschwinden kann, wenn
wir Verdacht schöpfen. Mir ist noch was in den Sinn gekommen.
Der Typ wirkte irgendwie geschminkt, die Gesichtshaut sah
jedenfalls eigenartig aus.”
Wieder verstummte er und widmete sich dem Islay-Whisky. Die
anderen plauderten, aber ihnen wurde unbehaglicher, je deutlicher
sie sich der Möglichkeit bewußt wurden, daß
sie wirklich gerade einem Außerirdischen begegnet waren.
Paul versuchte es mit ein paar losen Sprüchen.
“Premiere in der Menschheitsgeschichte. Paul Aabdahl
begegnet den Außerirdischen. Lifekonferenz mit
dem Helden in fünf Minuten.”
Er bemerkte aber schnell, daß ihm eigentlich ein Schauer
über den Rücken lief. Er schüttelte leicht
den Kopf und hob entschuldigend die Schultern.
“Keine Zeit für blöde Sprüche, ich weiß.”
Zum dritten mal tauchte nun William aus seiner ‘Meditation
über Malz und Gerste’ auf.
“Ich versuche mir gerade zu überlegen, wo die
nun bleiben, über Nacht, meine ich. Technisch ist das
sicher kein großes Problem, irgendein kleines Zelt oder
sowas, aber wo steht das? Stellen wir uns mal vor, daß
die wirklich gut über die Gegend Bescheid wissen. Der
Standort muß ruhig sein, sie müssen einen Überblick
über die Gegend haben. Und - ich versuche mich einfach
mal in einen Desi zu versetzen ohne ihn zu kennen - ich würde
einen Ort suchen, der die Möglichkeit gibt, sich umgekehrt
in uns hineinzuversetzen. Irgendein geschichtsträchtiger
Ort vielleicht.”
Andra sah ihn an.
“Ich kenne dich ja noch nicht gut, aber ich habe das
Gefühl, du hast schon eine Idee. Du kennst dich doch
hier ein wenig aus. Woran denkst du?”
“Mir fallen zwei Orte ein, die ziemlich nah am Zentrum
der Stadt liegen. Der erste ist der Craig Phadraig. Das ist
eine alte Piktenfestung aus dem sechsten oder siebten Jahrhundert,
groß wie zwei Fußballfelder und von Wald umgeben.
Es ist eigentlich ein Ort touristischen Interesses, aber die
meisten Touristen, die hierher kommen, nehmen Inverness ohnehin
nur als Ausgangspunkt für Touren durchs Hochland - leider.
Craig Phadraig ist also ziemlich ruhig. Der zweite Ort ist
Tomnahurich, das ist der Hügel, der in Richtung Nordwest
unvermittelt in der Ebene liegt, es ist seit über dreihundert
Jahren ein Friedhof, wunderschön übrigens, ich war
schon mal dort. Wenn ihr nichts dagegenhabt, sehe ich mich
morgen früh an den beiden Orten mal um.”
Kado grinste.
“Aber nicht allein, wir wollen an dem Ruhm, den Desi
zu fangen, ein wenig teilhaben.”
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| Am nächsten Morgen trafen sie sich
alle im Hotel. Kado berichtete von Vorbereitungen, die er am
Abend noch getroffen hatte. “Ich habe überlegt,
ob ich im Pentagon noch ein paar Pferde scheu machen sollte,
habe mich aber dann anders entschieden; die Sache ist einfach
zu vage. Ich habe ein paar genaue Karten besorgt und einen
Funkscanner, um eventuellen Funkverkehr zwischen ‘Besuchern’
und Mond zu entdecken. Irgendwie müssen die ja Kontakt
halten. Außerdem zwei kleine Kameras, die wir an einer
unauffälligen Stelle deponieren könnten. Bis auf
Ian habe ich aber keinem gesagt, was wir machen; ich will
uns schließlich nicht zum Gespött des Instituts
machen, wenn sich das Ganze als dumme Idee herausstellt.”
“Was ist mit einer dezenten Bewaffnung,” fragte
William.
“Wir haben vor allem Andra und ein wenig auch mich,”
meinte Kado leichthin.
Paul betrachtete Andra noch einmal. Sie wirkte sehr jungenhaft,
war Anfang oder Mitte dreißig, also etwa zehn Jahre
jünger als er. Sie gefiel ihm sehr, obwohl sie dem gängigen
Schönheitsideal nicht unbedingt entsprach, dazu wirkte
sie einfach zu kräftig und durchtrainiert. Aber ihre
rötlichen Haare und die Sommersprossen, zusammen mit
dem etwas ernsten, aber freundlichen und offenen Gesicht -
in seiner Teenagerzeit wäre sie vielleicht nicht sein
Typ gewesen, jetzt aber wurde er fast nervös.
“Du treibst wohl viel Sport, was?”
Sie zuckte mit den Schultern.
“Man muß ja irgendwie in Form bleiben.”
“Mit Kampfsport, oder? Es ist sicher nicht ungefährlich,
dich zu beleidigen.”
“Leute, die meinen, ihre Ehre mit der Faust verteidigen
zu müssen, sind doch einfältige Spinner,”
antwortete sie fast ein wenig ungehalten. “Dieser chauvinistische
Männlichkeitswahn und Ehrbegriff hat mich immer
schon angewidert. Ich könnte zwar im Notfall jemanden
mit Erfolg angreifen, aber das habe ich bisher noch nie ernsthaft
machen müssen. Es ist nur unangenehm, mich anzugreifen.”
“Ist das schonmal passiert?”
“Ja.”
Kado mischte sich grinsend ein.
“Irgendein Trottel hatte sie als eine unbesiegbare
Kämpferin bezeichnet und ein noch größerer
Trottel hatte versucht, diese These zu falsifizieren und sie
ernsthaft angegriffen. Ein Zweizentner-Karate-Schwarzgurt
zahlte diesen Versuch mit einem übel zugerichteten rechten
Handgelenk.”
“Er ist unglücklich gefallen,” wiegelte
Andra ab.
Kado runzelte tadelnd die Stirn.
“Und du hast nicht geholfen, wie?”
Andra lächelte leicht und wiegte den Kopf hin und her.
“Kein Grund, sowas rumzuposaunen.”
Paul beschloß, die Frau nicht nur für anziehend,
sondern auch für beeindruckend zu halten.
Der Weg zum Craig Phadraig stieg leicht an, sie mußten
aber kaum 2 Kilometer vom Stadzentrum aus laufen. Es ging
nach rechts in den Wald, nach kurzer Zeit ging es steil bergan
zwischen urzeitlich wirkenden rotbraunen Gesteinsformationen
hindurch.
“Die Pikten haben wohl Steine aufgeschichtet, massenhaft
Holz drumrumgelegt und angezündet. Dadurch sind die Steine
zusammengebacken; zumindest ist das die These, die ich in
irgendeinen Reiseführer im Netz gelesen habe.”
“Das müßte sich doch klären lassen,
Will,” meinte Kado.
“Hat man bestimmt schon, aber ich weiß nicht,
wo etwas darüber steht.”
Zumindest hatte die Anlage ihren Zweck als Verteidigungsanlage
wohl erfüllen können. Wer sich durch den engen Weg
nach oben vorgearbeitet hatte, hatte sich gegen die Bemühungen
der Verteidiger kaum effektiv durchsetzen können. Oben
standen sie auf einer Art großen, von Gebüsch überwuchertem
Fußballplatz, der von einem Wall umgeben war.
“Wer weiß, was hier für wilde Gesellen gehaust
haben.”
“Vielleicht waren sie ja friedlich und wollten nur
in Ruhe ihr Land bestellen und ihr Vieh hüten.”
Sie verteilten sich, William ging - zu Pauls leichtem Ärger
- mit Andra auf die Suche und Paul mit Kado.
Zwar war das Geläde unübersichtlich, aber irgendwie
hatten alle nach ziemlich kurzer Zeit das Gefühl, daß
sie hier nichts finden würden. Die Stätte war Respekt
einflößend, es fehlte jedoch der Überblick
nach allen Seiten. Ein weiteres Problem für einen potentiellen
Besucher war, daß er nur auf einem Weg in die Stadt
gelangen konnte und das könnte auffallen, da außer
ein paar Touristen kaum jemand die Straße benutzte.
Wenn dann ständig kleine gedrungene Männer aus dem
Wald in die Stadt kämen, würden die Nachbarn mißtrauisch.
Sie bewegten sich also wieder Richtung Stadt und wandten
sich dann dem Tomnahurich zu. Es war ein bewaldeter Hügel,
der wie ein Laib Brot in der Ebene lag. Der untere, neue Teil
des Friedhofs lag im flachen Gebiet um die Anhöhe. Über
schmale Wege ging es dann durch dichten Wald nach oben. Hin
und wieder lagen einige kleine Grabfelder am Wegesrand, die
Daten auf den Grabsteinen wiesen immer weiter zurück
in die Vergangenheit. Oben auf dem langgezogenen ebenen Gipfel
lagen die Gräber wieder regelmäßiger, die
ältesten Gräber waren aus dem 17. Jahrhundert. Es
war eine friedliche und weihevolle Atmosphäre. Die schönen
alten Gräber lagen zwischen Rhododendren, Eichen und
einigen der für Friedhöfe wohl unvermeidlichen Koniferen
in der Sonne. Längs des Gipfel verlief schnurgerade ein
breiter Weg, der Ausblicke zur Nessmündung in den Beauly
Firth auf der einen Seite und in den Great Glen auf der anderen
Seite freigab.
Sie begaben sich zum einen Ende des Weges, setzten sich auf
eine Bank und hatten einen prächtigen Blick auf ihr Institut.
Paul sah Kado an.
“Mit ein paar vernünftigen optischen Geräten
und etwas Elektronik läßt sich unser Institut gar
prächtig betrachten.”
“Kein schlechter Platz, stimmt. Meine beiden kleinen
Videokameras fehlen mir auch schon.”
Er zog seinen Portablen aus der Tasche, klappte den Bildschirm
auf und tippte ein paar Befehle ein. Langsam erschien eine
Ansicht des Weges hinter ihnen, sie konnten sich auch auf
der Bank sitzen sehen. William hob den Arm und winkte, sein
elektronisches Abbild tat es ihm gleich.
“Hallo, ich bin im Fernsehen.”
Kado lächelte etwas gequält.
“Das Kind im Kinde kommt durch. Na ja. Andra, geh du
mal auf Kamera zwei.”
Sie nahm ihren Portablen und machte dieselben Handgriffe
wie Kado.
“Ok, läuft. Nichts außergewöhnliches
zu sehen.”
Abwechselnd genossen sie eine Zeitlang den Ausblick, die
singenden Vögel, die brummenden Bienen und die milde
Frühlingsluft. Einige Blumen verbreiteten einem leichten
Duft, der schon den Sommer ahnen ließ. Hoch über
den blauen Himmel jagten zerfetzt wirkende Wolken und ließen
auf heftige Bewegung in der oberen Atmosphäre schließen.
Schließlich standen sie auf und streiften noch ein wenig
durch den Gipfelbereich des Friedhofs. Nach einer Weile trafen
sie sich wieder.
“Vielleicht versuchen wir es morgen noch mal, vielleicht
geht uns ja auch jemand über Nacht in die Videofalle,”
sagte Kado hoffnungsvoll.
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Sie wandten sich wieder dem Weg zu,
der bergabwärts führte. Etwas entäuscht über
ihren Mißerfolg planten sie ihr weiteres Vorgehen. Paul
hörte nicht recht zu. Er genoß die kleine Wanderung,
nachdem die leichte Spannung von ihnen abgefallen war und
ein Treffen mit den Desis nicht stattgefunden hatte. Versonnen
streifte er den kleinen Stoffetzen von dem Feuerdorn, an dem
er gerade vorbeikam. Er grinste etwas schadenfroh, irgendjemand
hatte sich da seine Garderobe verdorben. Spielerisch bewegte
er den Stoff zwischen den Fingern, dann betrachtete er ihn
aufmerksamer. Der Stoff hatte eine diffuse braungraugelbe
Farbe und wirkte irgendwie beschichtet, so wie ein alter Regenmantel
aus Kunststoff.
Plötzlich blieb er wie erstarrt stehen, dann sah er
sich unsicher um. Da war es wieder, dieses Gefühl der
Anspannung, diesmal war es aber nicht die unbestimmte Erwartung,
vielleicht einen Desi zu treffen, vielleicht ... !
Jetzt fuhr ihm ein regelrechter Schrecken in die Glieder.
Noch einmal schaute er auf die zwei Buchstaben, die er auf
der Rückseite des Stoffstücks entdeckt hatte, aber
es gab keinen Zweifel.
“Jungs und Mädels,” rief er schüchtern
den anderen hinterher, die sein Zurückbleiben nicht bemerkt
hatten.
“Na komm, schwing die Hufe,” rief Kado ihm zu.
“Dir fehlt die Kondition.”
Paul lachte nicht, er winkte ihnen nur, herzukommen. Ihm
fiel ein, daß er vielleicht etwas unauffälliger
hätte agieren sollen für den Fall, daß sie
beobachtet würden, aber das war jetzt ohnehin egal.
“Für was haltet ihr das?” fragte er die
anderen, als sie bei ihm angelangt waren.
Kado legte die Stirn in Falten und dachte angestrengt nach,
dann rang er sich, sichtlich um Fassung ringend, zu einer
Antwort durch.
“Das ist ... ein Stück Stoff, denke ich.”
Er grinste.
“Aber deshalb hast du doch nicht den Schweiß
auf der Stirn, oder?”
Paul hätte für die mimische Meisterleistung Kados
sonst sicher applaudiert, aber er blieb ernst.
“Die Rückseite, mein Lieber, die Rückseite!”
Kado drehte den Stoff um.
“Made in Taiwan, na und?”
Er sah genauer hin.
“Scheint eher aus Indien zu sein oder was meinst du?”
Dann schlug er sich vor die Stirn und reicht den Stoffetzen
an die beiden anderen weiter.
William begriff sofort, da er sich die Buchstaben der Desis
wohl am genauesten eingeprägt hatte.
“Volltreffer, sie sind hiergewesen oder noch hier.”
Andra befand sich wieder auf dem Weg nach oben, aber Kado
hielt sie zurück.
“Warte einen Moment, ich versuche mal, auf elektronische
Aktivitäten zu überprüfen.”
Er holte den Portablen aus der Tasche und ließ ihn
das Frequenzband absuchen. Eine hochfrequente Funkquelle ließ
ihn aufmerksam werden, da sie sich in der Nähe befinden
mußte und in keinem der üblichen zur Benutzung
freigegebenen Frequenzbänder lag. Er liess ein Muster,
eine Regelmässigkeit suchen, bekam aber keine sinnvollen
Ergebnisse, nur ein Rauschen erschien auf dem Bildschirm.
Er schaltete auf Aufzeichnung, dann wandte er sich an die
anderen.
“Das könnte riskant werden, wenn wir da jetzt
wieder hochgehen. Offensichtlich sind die da!”
“Ich weiß auch, wo ungefähr,” sagte
Andra. “Kommt mit. Wenn die uns hätten erledigen
wollen, wären wir längst hin. Das ganze Unternehmen
heute morgen war vielleicht etwas leichtsinnig und blauäugig.
Jetzt läuft die Sache sowieso, also, was soll´s?”
Sie liefen wieder bergauf. Oben angelangt, blieb Andra vor
einem Grab stehen und betrachtete die Stellen rechts und links
der kleinen steinernen Umgrenzung.
“Seht euch das an,” sagte sie und wies auf das
Moos links und rechts des Grabes. “Ich habe das eben
irgendwie auch schon bemerkt, im Unterbewußtsein oder
so, der Sache aber keine Beachtung geschenkt. Was fällt
Euch auf?”
“Moos, Frau Lehrerin.”
Kado wollte seinen Humor einfach nicht verlieren.
“Witzbold. Links ist es zertrampelt, rechts nicht.
An dem Grab selbst ist nichts gemacht, das ist seit längerer
Zeit nicht angerührt.”
Paul ging an den Grabstein vorbei und betrachtete die Vegetation
hinter dem großen Grabstein. Einige Tannen oder Fichten,
Rhododendren, die hier wie Unkraut wucherten, es schien kaum
ein Durchkommen zu sein. Auf dem Boden sah man deutlich einige
Fußspuren, die noch recht frisch waren. Andra betrachtete
sie genauer, dann stand sie auf und ging auf eine Gruppe von
etwa drei Meter hohen Rhododendren zu. Sie bog die Zweige
auseinander.
Geschützt unter dem dichten Blätterwerk der Büsche
stand ein kleines Zelt in Tarnfarben. Einige Zeichen auf dessen
Außenseite klärten die Herkunft: Desiland.
“Ausgeflogen, die Vögel, wie ich mir dachte.”
Paul war ihr gefolgt.
“Wieso warst du dir sicher?”
“Es gingen zwei Spuren nach draußen und ich hatte
auch nur zwei Spuren zählen können, die von gestern
abend gewesen sein müssen und in die Büsche führten.
Also: zwei minus zwei gibt null.”
“Das hätte aber auch schiefgehen können.”
Andra nickte und zuckte mit den Schultern.
“Aber große Ereignisse fordern große Taten,
da muß man auch schon mal in die Büsche. Nein,
im Ernst. Ich denke, die hätten uns wirklich längst
erledigen können, aber dafür treibt man nicht so
einen Aufwand. Die wollen Kontakt mit uns und riskieren schließlich
auch einiges. Die kommen hier zwei Mann hoch runter, das erfordert
Mut, zumindest nach unseren Maßstäben.”
Kado hatte nur kurz hingesehen, dann hatte er sich hingehockt,
nahm ein Blatt Papier aus seiner Tasche und zeichnete etwas.
Dann kam er wieder zu ihnen und zeigte ihnen schmunzelnd das
Ergebnis seiner Bemühungen. Das erste Bild zeigte einen
Mann, der beide Hände offen dem Betrachter des Bildes
zeigte. Im zweiten Bild gab er einem anderen Wesen die Hand
und sprach mit ihm. Eine Sprechblase zeigte einige Buchstaben,
die andere einige Zeichen aus dem Desialphabet.
“Ich hoffe mal, daß sie das begreifen. Wir lassen
die Finger besser von den Sachen, vielleicht haben sie ja
ein paar Überraschungen für die Vorwitzigen unter
den Erdenmenschen eingebaut. Aber hier das legen wir
ihnen so hin, daß sie es nicht übersehen können.
Und morgen kommen wir wieder hierher und treffen uns mit ihnen.
Hoffentlich.”
Des abends saß man wieder im “Bonnie Prince Charlie”
in der entferntesten und dunkelsten Ecke, um nicht belauscht
zu werden. Diesmal mußte die Flasche mit der Aufschrift
‘Endreador’ etwas Flüssigkeit gegen Luft
tauschen, um die Gedanken der vier zu beflügeln - nun,
auch nach diesem Abend würden weitere 28 Sorten Whisky
zur Auswahl stehen. Sie überlegten lange, ob sie Sicherheitsvorkehrungen
treffen sollten, ob sie übergeordnete Stellen benachrichtigen
sollten, ob sie die Institutsangehörigen informieren
sollten. Kado entschied dann mit Einwilligung der anderen
als “Chef de Mission”, daß sie außer
Ian McNabb und Jonas Zwoell, dem militärischen Sicherheitsexperten,
niemandem etwas sagen wollte. |
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| Am nächsten Morgen waren Paul und
William die ersten der Gruppe, die im Institut erschienen. Ian
lief ihnen in der Eingangshalle über den Weg.
“Kommt mal, zwischen den Bildern vom Mond sind ein
paar ganz eigenartige Exemplare.”
Sie sahen sich die Bilder auf einem Monitor an. Kaum erschien
das erste Bild, musste Paul grinsen.
“Die haben Humor.”
Ian schaute verständnislos.
“So witzig finde ich die Zeichnung nicht.”
Die Zeichnung zeigte einen Mann, der dem Betrachter die offenen
Hände entgegenstreckte und im zweiten Teil des Bildes
sprachen zwei Männer miteinander.
“Sie haben Kados Zeichnung gefunden, wie man sieht.
Das ist wohl so eine Art Einverständniserklärung,
denke ich,” meinte Paul.
Dann erzählten sie Ian die Ereignisse des letzten Tages.
Inzwischen kamen Andra und Kado - gemeinsam und bester Laune,
wie Paul neidisch bemerkte - und sahen sich nach kurzer Begrüßung
die anderen Bilder durch.
“Mensch, wart ihr so begeistert von meinem Bildchen,
daß ihr euch die anderen Bilder gar nicht mehr angesehen
habt?” fragte Kado nach kurzer Zeit mit leicht gekräuselter
Stirn.
Er hing lässig in einem Sessel und starrte zusammen
mit Andra auf einen Bildschirm. Die anderen kamen hinzu
und schauten ihnen über die Schultern. Nach kurzer Zeit
war ihnen klar, warum Kado etwas verärgert war. Das erste
Bild zeigte eine Gruppe von vier Leuten an einem Grabstein,
das zweite eine Gruppe von vier Leuten, die auf einer Bank
saßen und in ein weites Tal hinaussahen, indem man deutlich
eine große Antenne erkennen konnte.
“Das sind wir!” meinte William. “Das ist
die Stelle, wo ich winke; du weißt, das Kind im Kinde.”
Er brach verblüfft ab. “Die haben unsere Kameras
zu Überwachungszwecken angezapft!” Dann sah er
aus, als ob er intensiv überlegte. “Das zweite
Bild ist aber nicht von unseren Geräten.”
Andra verzog leicht das Gesicht.
“Wir waren wohl nicht die ersten mit dieser Idee.”
Das dritte Bild zeigte zwei gedrungene, relativ kleine Männer,
die mit den Armen über den Schultern nebeneinander vor
einem Grab standen und dem Betrachter ins Gesicht sahen. Es
handelte sich um dieselbe Stelle auf dem Tomnahurich, an der
auch die Aufnahmen von ihnen selbst gemacht worden waren.
Die Gesichter der Männer waren etwas weniger profiliert
als bei Menschen, die Nase war flacher, Stirn und Kinn waren
fliehender. Beide trugen die breitkrempigen Hüte mit
flachen Stulpen, die im Moment in Mode waren, aber es schien,
daß sie nur spärlich behaart waren.
Kado überprüfte inzwischen an einem anderen Gerät
die Aufzeichnungen, die er gestern abend noch von seinem Kommunikator
auf den Rechner des Instituts überspielt hatte.
“Ich habs mir fast gedacht! Seht mal!”
Man sah das Grab, das langsam zum Hauptdarsteller avancierte.
Zunächst sah es aus, als ob sich nichts an der Szene
änderte, nach einiger Zeit kam aber Leben in die Sache.
Von links tauchte eine Person auf, nach kurzer Zeit von drei
anderen Personen begleitet wurde. Ihre Rückkehr auf den
Gipfel des Tomnahurich gestern war also gefilmt worden.
“Die Übertragungsgeschwindigkeit ist eher mäßig;
alle halbe Sekunde ein Bild, das können wir schneller.
Aber immerhin, wirksam war es.”
Kado erhob sich, dann fuhr er fort: “Wir gehen hoch.
Wenn der Kontakt aufgenommen wird, benachrichtigen wir auch
ein paar offizielle Stellen. Ich denke, daß ich mir
dann einiges anhören kann, aber das riskiere ich mal.
Wenn ich jetzt was sage, dann werden wir erstens zurückgepfiffen,
zweitens werden wir eine Begleitdelegation bekommen, weil
jeder gern dabeisein möchte und drittens wird der Himmel
dunkel sein wegen der Wolken von Presse- und Militärhubschraubern
und - flugzeugen. Nein, danke, lieber eine Kopfwäsche
und Ruhe.”
Ian und Jonas Zwoell, der auch dazugekommen war, warnten
und rieten, erst einmal abzuwarten und Rücksprache mit
Washington zu halten, aber Kado winkte ab. Er sah in die Runde.
“Seid ihr dabei?”
Die drei anderen nickten und sie machten sich auf den Weg.
Beim Hinausgehen sah Paul Kado nachdenklich an.
“Zuerst habe ich dich ja für einen Komißkopf
gehalten, schon wegen deines kernigen Aussehens. Langsam bekomme
ich aber Respekt, mein Freund, du zeigst wirklich Zivilcourage.
Aber meinst du nicht, daß die anderen Stellen, die auch
die Bilder empfangen, sich einen Reim drauf machen können?”
“Glaube ich nicht”, widersprach Andra. “Zunächst
sind die Szenen unverfänglich. Bis die dahinterkommen,
haben wir das längst abgewickelt.”
Wenige Minuten später waren sie, diesmal mit den Dienstfahrädern
des Instituts, am Fuß des Tomnahurich angelangt.
“Wollen wir mit den Rädern hoch? Es gibt eine
geteerte Straße bis auf den Gipfel!”, schlug William
vor.
Paul schaute gequält.
“Soll ich da etwa meine 100 Kilo hochfahren? Guck doch
mal, wie steil das ist. Und außerdem, wir wollen doch
die Außerirdischen nicht mit dieser fortschrittlichen
Technik einschüchtern, oder?”
Kado schüttelte den Kopf.
“Du bist ein fauler Sack! Ein bisschen Training täte
dir ganz gut. Aber wir wollen unsere Freunde nicht mißtrauisch
machen, die denken vielleicht wirklich, das sei was ganz Tolles.”
Scherzend gingen sie denselben Weg zum Gipfel wie am Tag
zuvor. Es konnte niemandem entgehen, daß die fröhliche
Fassade die Nervosität nur mühsam übertünchte,
und je näher die vier dem Gipfel kamen, desto ruhiger
wurden sie.
Schließlich saßen sie wieder auf der Bank mit
dem Blick auf das Institut und harrten der Dinge, die da kommen
sollten.
Kado stand nervös auf und ging ein wenig nach vorn,
um nach unten in Richtung Fuß des Tomnahurich zu sehen.
Er drehte sich wieder zur Bank um, sah dann aber auf eine
seltsame Art durch die anderen hindurch. |
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| Paul hatte mit einem Mal ein seltsames
Gefühl im Nacken und schaute langsam nach hinten. Mitten
auf dem Weg, etwa zwanzig Meter von ihnen entfernt, standen
zwei gedrungene, etwa 1,70 m große Männer, bekleidet
mit den üblichen weiten Hosen und Hemden sowie einem breitkrempigen
Hut mit flacher Stulpe und sahen ruhig zu ihnen herüber.
Alle waren jetzt aufgestanden und vor die Bank getreten.
Eine Minute - oder eine Stunde? - standen sie sich gegenüber
wie die Daltons und Lucky Luke. Die Desis standen entspannt,
ganz im Gegensatz zu den Menschen. Paul ging durch den Kopf,
daß ihre Naivität eigentlich sträflich war.
Sie hatten sich kaum Gedanken darüber gemacht, wie sie
sich verhalten sollten. Sie hätten einen Anthropologen
fragen sollen, wie sie sich einer fremden Kultur nähern
sollten; ein dummer Fehler, und die Desis würden sie
möglicherweise atomisieren, so wie manche Expeditionen
zu den Amazonasindianern in einem Hagel vergifteter Pfeile
geendet war.
“Eine dumme Spontiaktion”, meinte er halblaut.
Wiewohl nicht besonders geistreich, löste diese Bemerkung
die Spannung in der Gruppe der Menschen.
Kado war, schon aufgrund seiner Stellung als chef de mission,
der Wortführer ihrer Gruppe.
“Ihr versteht unsere Sprache”, bemerkte er.
Die beiden Desis nickten.
“Genug für etwas Unterhaltung”, ergänzte
der etwas größere der beiden.
“Oder um nach dem Weg zu fragen”, warf Paul ein.
Die Desis reagierten nicht auf diese Bemerkung. Nun, die
Anspielung auf die Begegnung bei den Inseln im River Ness
sollten sie doch eigentlich verstanden haben. Subtiler Humor
war offenbar nicht ihr ausgeprägtester Charakterzug.
“Wollen wir uns nicht setzen?” schlug Kado vor
und wies auf die Bänke hinter ihnen.
Die Desis kamen ohne Hast und ohne Nervosität, gingen
an ihnen vorbei und setzten sich auf die linke der drei rechtwinklig
zueinander stehenden Bänke und schlugen die Beine übereinander.
Die vier Menschen verteilten sich auf die beiden anderen
Bänke.
Der größere der beiden Fremden ergriff wieder
das Wort.
“Ich heiße Oggrd, mein Freund hier heißt
Brzz. Wir freuen uns, daß ihr gekommen seid. Wir freuen
uns, das möchte ich betonen, daß nur ihr vier gekommen
seid.”
Offenbar schauten sie jetzt besorgt zu den beiden Fremden,
denn Brzz ergänzte: “Bei uns wäre es üblich
gewesen, eine Delegation zu schicken, um die große Begegnung
zu begehen.”
“Das wäre hier auch passiert, aber wir haben unserer
Regierung noch nichts davon gesagt, daß wir euch treffen
würden. Sonst wäre hier sehr viel mehr los.”
Kado fragte dann, woher sie kämen, wie lange sie unterwegs
waren, wie sie hier auf die Erde gekommen waren, ohne daß
man sie bemerkt hatte. Paul betrachtete unterdessen die beiden
Besucher aus dem Weltall. Sie sahen aus wie Menschen, etwa
von der Größe eines durchschnittlichen Chinesen
oder Japaners, ihre Haut wirkte etwas trocken und schuppig,
fast eidechsenhaft.
Sie erzählten, daß sie von einem fremden Sternsystem
kamen, deren Lage sie allerdings nicht angeben konnten oder
wollten. Auf die Erdoberfläche waren sie während
eines heftigen Gewitters gelangt, ohne daß sie von irdischen
Radargeräten erfasst wurden; ihr Landungsfahrzeug
war irgendwo im Loch Ness versteckt.
“Wir haben schon ein anderes Planetensystem besucht
und sind jetzt etwa ein Jahr von unserer Heimat weg”,
schloss Oggrd seine kurze Erzählung.
Paul runzelte die Stirn. Seine Erinnerung an des berühmten
Einsteins Relativitätstheorie machte ihm zu schaffen.
Geschwindigkeiten oberhalb der Lichtgeschwindigkeit sind
nicht möglich; wie aber waren diese unscheinbaren Herren
so flink durch Weltall gereist? Der Verdacht, Scherzbolden
in einer oskarverdächtige Maske gegenüberzusitzen
kam wieder in ihm hoch. Oder hatten die guten Leute einen
Weg gefunden, dieses Naturgesetz auszuhebeln, hatten Sie neue
Gesetze gefunden, sich beliebig im Raum-Zeit-Kontinuum zu
bewegen?
“Wir sind bisher davon ausgegangen, daß Reisen
oberhalb der Lichtgeschwindigkeit nicht möglich sind.
Wie habt ihr diese Schranke überwunden?”
Brzz antwortete etwas ausweichend.
“Wir sind wie Leute, die eine Uhr lesen, aber nicht
wissen, wie sie genau funktioniert. Wir sind, in eurer Sicht,
militärisches Personal, jedenfalls so etwas ähnliches.
Wir fahren mit unserer Raumfähre, wissen aber nicht,
wie sie funktioniert. Eins ist aber sicher, daß es funktioniert.
Es gibt in der Nähe von größeren Materieansammlungen
Punkte, von denen aus man ohne diese Einschränkungen
reisen kann. Unser großer Denker Hntn hat vor über
einhundert Jahren einen Weg gefunden, wie man aus diesem Gefängnis
ausbrechen kann. Seit hundert Jahren sind wir jetzt unterwegs.”
Blumige Worte, dachte Paul bei sich.
Brzz erzählte weiter, daß der zeitaufwendigste
Teil der interstellaren Reisen der Weg zwischen Planet und
Sprungpunkt war. Es war wohl auch schwierig, die Einrichtung,
mit der dieser Sprung ausgeführt wurde, Brzz nannte ihn
Pulsator, so genau einzustellen, daß der Sprung auch
dahin ging, wo er hingehen sollte. Sie waren bei einer Reise
dreimal bei dem Versuch gescheitert, ihr Heimatsystem
zu erreichen und immer in den falschen Planetensystemen gelandet.
Bei dieser Schilderung sah Paul die beiden Desis zum ersten
Mal lachen. Eigenartiger Humor, nun ja.
Paul fragte weiter nach.
“Wir haben hier auf der Erde ein Phänomen nachgewiesen,
das nennen wir relativistische Zeitverschiebung. In einem
bewegten System laufen die Uhren langsamer als in einem stehenden
System. Nach unseren Rechnungen müsste jemand nach einer
solchen Reise wie Eurer auf einen Heimatplaneten zurückkommen,
der hundert oder tausend Jahre älter ist als bei der
Abreise.”
“Das war auch die größte Sorge unserer Springerpioniere.
Erstaunlicherweise kamen sie aber in derselben Zeit wieder
an, in der sie auch abgereist waren, abgesehen von der Zeit,
die sie für die Reise zum und vom Sprungpunkt brauchten
und der, die sie in dem fremden Sternsystem verbrachten. Unsere
Wissenschaftler haben keine Begründung für
diese Erscheinung gefunden, aber es ist so. Wir können
nicht in der Zeit reisen. An einem bestimmten Ort können
wir nur zu einer bestimmten Zeit sein. Trotzdem sind wir jetzt
in einer anderen Absolutzeit als in unserem Heimatsystem.”
Kado ergriff wieder das Wort.
“Seid ihr eigentlich gekommen, um uns zu beobachten,
mit uns zusammenzuarbeiten oder wollt ihr uns erobern?”
Oggrd lachte wieder.
“Ich weiß nicht, wie ihr es machen würdet,
wenn ihr ein fremdes Sternsystem erobern wolltet. Würdet
ihr hinfliegen und es den anderen verraten? Nein, unsere Mittel
wären viel zu bescheiden. Wir haben viel über Euch
gelernt, als wir auf euren Trabanten zuflogen und vor allem,
seit wir dort sind. Ihr habt genug Waffen, um eure Erde selbst
zu zerstören, erst recht, um unsere Fähre zu sprengen.
Wir wollen eure Mitarbeit.”
Die vier Menschen sahen sich erstaunt an. Diese raumfahrenden
Wesen mit einer sicherlich überlegenen Technik wollte
ihre Mitarbeit! Wozu?
Oggrd fuhr fort.
“Ihr fragt euch, wie ihr uns helfen könnt. Nun,
unser Heimatplanet Knn ist etwa so groß wie eure Erde,
aber die bewohnbaren Flächen sind viel kleiner, der größte
Teil der Oberfläche ist Wüste, alles ist viel trockener
als hier. Auf Knn leben etwa 150 Millionen Einwohner, und
damit sind wir ebenso wie ihr noch über der Grenze dessen,
was unsere Welt erträgt. Die Bevölkerung nimmt aber
langsam ab, sie soll noch um etwa 20 Millionen schrumpfen.
Ihr könnt euch aber sicher vorstellen, daß wir
nicht genug Mittel haben, mehr als die drei Fähren zu
unterhalten, die wir besitzen. Wir waren jetzt in einem System,
in dem ein Planet ist, der wie die Erde und Knn bewohnt ist.
Es ist dort aber ein Klima, das wir nicht so vertragen, ausserdem
haben wir nicht die nötige Ausrüstung. Sumpf, Gebirge,
fast überall ist es zu kalt; für uns sind die Verhältnisse
dort sehr schlecht und unsere Landefähren sind dafür
nicht ausgerüstet. Wir benötigen von euch Ausrüstung
und Leute, die mit uns fahren.”
“Wie seid ihr so schnell auf unser System als Zielpunkt
gekommen?”, fragte Kado, offensichtlich etwas misstrauisch.
Brzz erzählte, daß die Verhältnisse in dem
gefundenen Planetensystem ähnlich war wie bei der Sonne,
wenn man den Spektralanalysen des Sonnensystems glauben durfte.
Schliesslich hatte sich diese Annahme als richtig herausgestellt.
In Kado kam jetzt wieder der Militär durch.
“Wieviel Materiel, welches, wieviele Leute, welche
Qualifikationen werden benötigt? Und: wieviel Zeit haben
wir dafür, uns vorzubereiten? Es dauert ja nicht mehr
lange, bis eure große Raumfähre sich wieder aus
dem Sonnensystem entfernen wird.”
Er sah zu Andra hinüber, aber die nickte nur kurz.
Man unterhielt sich über Einzelheiten. Es würde
wohl noch fünf bis sechs Wochen dauern, bis Material
und Leute bereitstehen müssten, genug Zeit, wie Kado
und Andra meinten. Daten über den zu erforschenden Planeten
müssten gesichtet werden, auf deren Basis man die Geräte
und die Mannschaft zusammenstellen würde. In fünf
Wochen war das zu schaffen, wenn man sofort mit der Organisation
anfing.
Kado nahm seinen Portablen aus der Tasche und wählte
über das Netz eine Nummer. Es dauerte einige Sekunden,
dann meldete sich das Weisse Haus.
“Den Präsidenten bitte, sagen sie ihm das Kennwort
Pink Tomatoes.”
Nach erstaunlich kurzer Zeit - Andra hatte gerade genug Zeit,
den Desis ihren Portablen mit einer kurzen Erklärung
zu geben - erschien Präsident Raoul Scribantes auf den
kleinen Bildschirmen.
“Was gibt es, von Schneider, sie holen mich aus einer
Besprechung.”
“Sind sie allein, Mr. President?”
Man sah, wie er jemandem winkte, offenbar, um ihn oder sie
aus dem Zimmer zu bitten.
“Ja, jetzt ja. So, und nun machen sie es nicht so spannend.”
“Wir haben Kontakt, Mr. President.”
“Wie, Kontakt, wo?”
“Sie können mit ihnen sprechen, wir sind hier
in Inverness.”
Sie schalteten jetzt Andras Kommunikator auf die Leitung.
Der Präsident hatte nun die beiden Desis auf seinem
Bildschirm und man konnte trotz des relativ kleinen Bildes
sehen, daß er guckte wie ein Kind, dem man seine Rassel
weggenommen hatte.
“Herr Präsident, wir sind Oggrd und Brzz und wir
überbringen ihnen Grüße aus unserer Welt Knn.” |
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