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| Auf großer
Fahrt |
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| Für einen Beobachter auf einem
der zahlreichen Asteroiden zwischen Mars und Jupiter sähe
die vorüberziehende SUN JESTER aus wie ein klappriges
Gestell, in das Kinder ein paar Stangen, Bälle und Kisten
gehängt hatten.
Die menschlichen Reisenden hatten bei der Annäherung
an das Raumschiff allerdings einen anderen Eindruck bekommen.
Die über einen halben Kilometer lange Röhre in
der Mitte beherbergte den Pulsresonanzgenerator, der den Sprung
durch Zeit und Raum ermöglichte; ausserdem bildete sie
das zentrale Teil des riesigen Gerüsts aus einer Titanlegierung,
in dem die Materialcontainer, die Gewächshäuser,
die zylinderförmigen Treibstofftanks sowie die Landfähren
befestigt waren. An der Spitze drehte sich der große
Ring, in dem sich die Kontrollräume, die Quartiere der
Besatzung und häufiger benutztes Material befanden. Dieser
Ring war immerhin noch über 20 Meter dick und hatte einen
Durchmesser von nahezu 100 Metern. Er drehte sich gerade so
schnell, daß die Fliehkraft der Besatzung das Gefühl
von normaler Schwerkraft gab.
Am anderen Ende des Schiffs war ein riesiger Parabolspiegel
angebracht, von dem während der Antriebsphase ein schwaches,
eiskaltes, blauweisses Glimmen ausgegangen war.
In den ersten zwei Wochen hatten sie ununterbrochen mit etwa
1 g beschleunigt, während dieser Zeit hatten die acht
Segmente des Rings einfach an den Verbindungsstücken
gehangen. Jetzt, wo die Reise antriebslos weiterging, hatten
sie sich in Bewegung gesetzt, um für die Reisenden weiterhin
angenehme Schwereverhältnisse zu schaffen.
Sie hatten sich mittlerweile fast 8 Milliarden Kilometer
von der Sonne entfernt, sie waren also schon jenseits der
Bahn des Pluto; die Sonne war irgendwo weit weg, kaum noch
von den übrigen Sternen zu unterscheiden, und spendete
ein müdes Licht.
Kado hing locker in einem Sessel in der Kantine, als Oggrd
sich zu ihm setzte.
“Wir müssen uns auf den Sprung vorbereiten, es
wird nicht mehr einen Tag lang dauern.”
“Gut, ich werde Kühnhold unterrichten, damit er
unsere Leute zusammenruft und ihnen die entsprechenden Order
gibt.”
Eigentlich gab es nicht viel vorzubereiten. Alle Gegenstände
waren zu befestigen, in Schränke oder Kisten zu räumen,
nichts, vor allem keine schweren Teile durften herumfliegen.
Schliesslich musste sich jeder in sein Bett begeben und festschnallen.
Die Desis schilderten den Sprung als nicht sonderlich unangenehm,
lediglich eine leichte Benommenheit, die einen halben Tag
anhielt, war bei ihnen die Folge gewesen.
“Na ja, ein paar Leute haben auch ein zweites mal frühstücken
müssen, weil sie das erste nicht behalten wollten, aber
das waren nur ein paar”, ergänzte Oggrd, wobei
er ein schwaches Grinsen andeutete.
Kühnhold war der Leiter des “menschlichen Teils”
der Expedition; zu Kados leichtem Missfallen hatte er
diesen Posten bekommen, um, wie Präsident Scribantes
sagte, den nichtmilitärischen Charakter der Reise
zu betonen.
“Blöden Zivilisten”, hatte er vor sich hingemurmelt,
um dann nach einem Blick zur Seite verlegen hinzuzufügen:
“Außer euch natürlich!”
Paul und William, die neben ihm gestanden hatten, schmunzelten
schadenfroh. Ihr Verhältnis zu Kado war mittlerweile
eine herzliche Freundschaft geworden.
Die Zeit nach dem ersten Zusammentreffen mit Oggrd und Brzz
war rasend schnell vergangen. In großer Eile mußte
eine Mannschaft zusammengestellt werden, die möglichst
viele Wissensgebiete umfasste; auch politische und religiöse
Interessen waren zu berücksichtigen. Material musste
zusammengestellt und zum Teil unter äusserstem Zeitdruck
entwickelt und dann in den Orbit gebracht werden. In noch
größerer Hektik mußte das Material über
den Planeten, von dem die Desis unverrichteter Dinge abgezogen
waren, gesichtet und ausgewertet werden. |
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| Am Eingang wurden sie bpracDer Planet,
sie hatten ihn Terkan genannt, war wie auch Knn etwa erdengroß,
die Atmosphäre war ähnlich. Es gab weniger Stickstoff
und Sauerstoff als auf der Erde und Knn, dafür lag der
Anteil an Edelgasen bei fast drei Prozent und der Luftdruck
war etwas höher. Terkan war fast 200 Millionen Kilometer
vom Zentralgestirn entfernt, also ein Drittel weiter als die
Erde von der Sonne. Da die Terkanatmosphäre aber einen
etwas höheren Gehalt an Treibhausgasen aufwies und die
Terkansonne geringfügig größer war als die
irdische, waren die Temperaturen ähnlich wie auf der
Erde.
Die wichtigste Eigenschaft von Terkan war jedoch, daß
es dort Lebewesen gab, die den Menschen und den Knn sehr ähnlich
schienen.
“Genaueres können wir nicht sagen, da wir nur
kurz auf der Oberfläche waren, in einem Wüstengebiet,
und wir hatten keinen Kontakt zu den Einheimischen”,
hatte Brzz erläutert.
Erstaunlich war, daß keine zusammenhängenden Siedlungsgebiete
auf dem Planeten zu finden waren. Es gab neben einer Siedlung
in dem Wüstengebiet noch weitere 18 größere
Siedlungen, die weit verstreut in regelrechten Vegetationsinseln
lagen, insgesamt waren es vielleicht eine Million “Menschen”,
die über eine einfache, mittelalterliche Technologie
zu verfügen schienen. Die meisten dieser Siedlungen waren
in extrem sumpfigen, urwaldähnlichen Teilen von Terkan,
wenige lagen an Flußoasen wie der besuchte Ort, zwei
in unwegsamen Hochgebirgsgegenden. Das Problem von Terkan
war offensichtlich, daß es dort im Durchschnitt sehr
trocken war, der Boden war entsprechend unfruchtbar. Wenn
aber Wasser vorhanden war, dann meist in Form von Matsch und
Morast.
Knn dagegen war ein insgesamt sehr trockener Planet, daher
fehlten den Knn die Erfahrung über die Erforschung von
Gebieten mit großer Feuchtigkeit. Sie betrieben die
interstellare Raumfahrt zwar schon seit fast hundert Jahren,
hatten aber bisher erst 28 Expeditionen mit ihren drei Schiffen
durchgeführt. Knn verfügte weder über genügend
Menschen noch über ausreichende materielle Ressourcen,
um in größerem Umfang ins All vorzustossen. Nicht
zuletzt war der Unterhalt und die Wartung der drei Schiffe
nicht nur ein materielles, sondern auch ein zeitliches Problem.
Die bisherigen Expeditionen der Knn hatten zwar dazu geführt,
daß in fremden Planetensystemen einige automatische
Fabriken errichtet worden waren, die ein paar Rohstoffe gewannen,
die auf Knn nur unter erheblich höherem Aufwand hätten
gewonnen werden können. Die Transportkosten waren aber
gewaltig, sodaß diese Fabriken bisher nur an drei Stellen
im grossen weiten Universum standen.
“Terkan war der erste bewohnte Planet, den wir fanden.
Wir waren wirklich überrascht, daß die Bewohner
uns so ähnlich sahen. Noch überraschter waren wir,
dass ihr uns ebenfalls so ähnelt. Wir glauben, daß
dieses Bauprinzip für intelligentes Leben wohl ideal
ist”, erzählte Hrrg, der Oberbiologe der Knn.
Paul schaute kritisch.
“Mag sein, aber komisch finde ich das schon, daß
alle so gleichartig sind, das ist ja schon uniform.”
“Nun, die Bedingungen sind eben auch sehr ähnlich,
unter anderen Bedingungen würden sich vielleicht andere
Lebensformen bilden”, gab Hrrg zu bedenken. Paul war
aber nicht recht zu überzeugen.
“Irgendwas stimmt da nicht! Bei uns ist es ja fast
der gleiche Chromosomensatz, eine weitgehende genetische Übereinstimmung,
dieselben Aminosäuren, da glaubt man ja fast an die kleinen
grünen Männchen.”
“Vielleicht gibt es doch einen Schöpfer, der uns
wie auch euch geschaffen hat”, meinte Hrrg.
Paul dachte nach. Er konnte nicht an einen Schöpfer
glauben, der alles so fein eingefädelt hatte und dann
noch sämtliche Hinweise so gestaltete, daß es so
aussah, als hätte sich alles natürlich entwickelt.
Die Evolutionstheorie war zwar bisher noch nicht in allen
Einzelheiten genau nachvollzogen werden; vor allem die Entstehung
der Zellen war wegen der fehlenden Fossilien noch nicht genau
nachzuvollziehen. Der grobe Gang der Entwicklung war aber
eigentlich klar und wegen der riesigen Zeiträume von
mehreren Milliarden Jahren auch nicht so unwahrscheinlich,
wie einige religiös orientierte Denker weismachen wollten.
Noch wichtiger war aber, daß alles, was man in diesem
Zusammenhang an neuen Entdeckungen machte, in diese Theorie
hineinpasste und ihm nichts einfiel, was dieser Theorie grundlegend
widersprach.
Trotzdem, diese Ähnlichkeit zwischen ihnen und den Knn,
und das bis in den Aufbau der Zellen und der grundlegenden
Biomoleküle hinein, das war ihm einfach zuviel Zufall.
Irgend etwas war da faul.
Später sprach er mit William darüber.
“Ich bin da nicht der richtige Gesprächspartner,
aber mich machen auch einige Sachen stutzig. Wieso sind unsere
Desis nicht sofort heimgeflogen mit der Triumphmeldung: Fremdes
Leben gefunden!?”
“Deren Begründung von wegen zwei Missionen zusammen
spart Zeit, das machen wir immer so, das ist nicht überzeugend”,
bekräftigte Paul. “Ich vermute, die haben sich
einfach wieder verzielt und sind zufällig bei uns statt
in ihrem eigenen System gelandet. Dann haben sie das beste
daraus gemacht.” |
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Beiden war aufgefallen, daß
die Technologie der Knn eigentlich nicht fortgeschrittener
war als die der Menschen. Ihre Elektronik war sogar weniger
miniaturisiert als die der Erde, obwohl sie schon erheblich
länger über die Grundlagen verfügen mussten
als die Menschen. Biotechnologie war fast ein Fremdwort.
“Die wesentlich geringere Zahl von Individuen bringt
eben auch eine wesentlich langsamere Entwicklung mit sich.
Die Computerhardware, über die sie verfügen,
ist weniger leistungsstark als unsere, reichen aber für
deren Zwecke locker aus. Vermutlich haben sie auch die bessere
Software, wir haben uns da viel zu lange schwere Ausnahmefehler
geleistet, vor dem Zeitalter des Pinguins. Was sie uns voraushaben
ist eigentlich nur, daß sie den Tunneleffekt entdeckt
und auch genutzt haben.”
William zuckte mit den Achseln.
“Bedenke, mein Junge, die haben 150 Millionen Einwohner,
wir haben über 9 Milliarden, von denen über die
Hälfte eine einigermassen gute Bildung haben. Das sind
dreissig mal so viele potentielle Forscher wie auf Knn. Stell
dir vor, auf der Erde gäbe es nur Deutschland, Frankreich
und Benelux, und deren Bevölkerung wäre über
die ganze Erde verstreut!”
“Irgendwie erwartet man, daß bei dem hohen Stand
der Raumfahrttechnik auch der Rest so hochstehend ist. Ist
aber wahrscheinlich Quatsch, rein anthropozentrisches Denken!”,
schalt sich Paul.
Später an diesem Tag traf Paul Mona, die Mitglied im
Team Biologie und Medizin war. Sie unterhielten sich eine
ganze Weile über die medizinischen Probleme, die den
Knn das Leben auf Terkan so schwer gemacht hatten. Da gab
es einige Mikroorganismen, die unter der Besatzung drei Opfer
gefordert hatten.
Mona sah etwas in ihrem Kommunikator nach.
“Das war so eine Art Wundstarrkrampf, aber aggressiver
und mit einer kürzeren Inkubationszeit. Wir haben die
Leichen untersucht. Kein Wunder, daß die Knn so schnell
Terkan verlassen haben.”
Sie zeigte Paul eine Vergrößerung dieses Bakteriums
auf ihrem Bildschirm und zum Vergleich den Tetanuserreger.
Dann fuhr sie fort.
“Die Ähnlichkeiten sind nicht nur äusserlich,
auch die Zusammensetzung der Erbsubstanz ist erstaunlich ähnlich.”
“Wie erklärst du dir das?”, fragte Paul.
“Es sieht fast so, als ob alles Leben aus einer Quelle
kommt, als ob eine Kraft alles lenkt, eine Grundschwingung
des Universums alles bestimmt, das Leben eines jeden einzelnen.
Ich habe auch keine schlüssige Antwort darauf.” |
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Paul sah ihr nach, als sie ging. Wie
schon bei Andra ertappte er sich bei unerlaubten Gedanken.
Sie war groß, etwa 1,80 m, und ziemlich gebärfreudig
gebaut. Wenn sie lachte, hatte sie richtig süsse Grübchen
in der Wange und ihr süddeutscher Akzent machte sie auch
nicht unattraktiv. Paul ermahnte sich in Gedanken zur Zurückhaltung
und dachte an seine Frau und seine Kinder. Das große
Feuer aus dieser Beziehung war sicher raus, aber sie verstanden
sich immer noch gut – in jeder Beziehung. Vor allem
den Alltag bekamen sie geregelt, und das war eigentlich das
wichtigste, wenn die grosse Liebe erst einmal nachgelassen
hatte. Trotzdem, es juckte ihn immer noch, seine Anziehungskraft
bei Frauen zu testen. Er war zwar groß, aber auch etwas
übergewichtig und konnte sicher nicht als gutaussehend
bezeichnet werden; seine Stärken waren eher Charme, Humor
und gelegentliche Eloquenz. Monas Anblick, ihr lustiges Lachen,
erzeugte jedenfalls dasselbe lästige Ziehen in der unteren
Herzgegend, das er schon bei Andra gehabt hatte.
Er runzelte die Stirn und grinste dann in sich hinein. War
das normal für einen Mann in seinem Alter oder fingen
so die Wechseljahre an? Hörten sie womöglich so
auf?!
Er dachte an den Abschied von seiner Familie. Nach den Berechnungen
der Leute aus Knn mussten sie mit einer Abwesenheit von vielleicht
einem halben oder dreiviertel Jahr rechnen, je nachdem, wie
lange sie den Planeten Terkan erforschen würden. Er hatte
seine Frau und seine Kinder dazu überreden können,
ihn an der Reise teilnehmen zu lassen; diese historische Chance
wollte er sich nicht entgehen lassen. Ähnlich erging
es fast allen anderen, die an der Vorbereitung des Kontakts
mit den Knn mitgearbeitet hatten; William hatte sogar Jane,
seine Frau, dazu überreden können, mitzukommen.
Nun, Williams Kinder waren schon erwachsen, Pauls waren jünger,
sie würden nicht so lange ohne beide Eltern auskommen.
Zur Expedition waren noch eine ganze Reihe Experten gekommen:
Elektroniker, Biologen und Ärzte, Techniker, diverse
Naturwissenschaftler, Anthropologen, Ökonomen, Linguisten,
auch zwei Künstler und zwei Schriftsteller waren an Bord.
Nicht vermeiden liess sich, daß sich diverse Interessengruppen
an dieser Expedition beteiligen wollten. Ein halbes Dutzend
Politiker war dabei, das war ja noch verständlich; die
Diplomaten sassen schon mit den Linguisten und den Anthropologen
zusammen und entwarfen Strategien für eine Kontaktaufnahme
mit den Terkanern. Lästiger waren da schon die Vertreter
aus der Industrie, die sich offenbar einen regen Handel mit
anderen Welten vorstellten, ohne sich Gedanken darüber
zu machen, welche Waren denn da mit welchem Aufwand verkauft
und gekauft werden sollten. Die Krönung war allerdings
Kühnhold Lessing, ein führender Vertreter der Neuen
Allumfassenden Gemeinschaft, die seit fast 10 Jahren die größte
Religionsgemeinschaft der Erde war und an den wichtigen Schaltstellen
der Macht großen Einfluß hatten. Und ausgerechnet
der war Leiter der Delegation geworden!
Insgesamt bestand die Delegation von der Erde aus fast 300
Leuten, dazu befanden sich auf dem Schiff noch die Besatzung
aus 200 Knn. Die waren ganz schön zusammengerückt,
aber schliesslich hatte nach einigem Umräumen und Umbauen
jeder der Expeditionsteilnehmer ein kleines, gemütliches
Zimmerchen von etwa 10 Quadratmetern bekommen, in dem
es eigentlich an nichts mangelte. |
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| Sie waren gerade rechtzeitig fertiggeworden
mit der Einrichtung, denn jetzt begann der spannenste Teil der
Reise, der große Sprung. Kühnhold liess alle in
der grossen Versammlungshalle zusammenkommen.
“Meine lieben Freunde, der grosse Moment steht bevor.
Ich hoffe, daß sich alle Mitglieder der grossen Expedition
vorbereitet haben. Alles Äussere und alles Innere möge
gefestigt sein, die Kraft des allumfassenden Weltplans schwinge
in uns.”
Es folgten einige Vorschriften über das Verhalten vor,
während und nach dem Sprung. Paul hörte nicht sehr
aufmerksam zu. Er wusste, was zu tun war; ausserdem nervte
ihn Kühnholds getragener Tonfall. Am Ende der Rede Kühnholds
kam, was kommen musste.
“Wir wollen die KRAFT in uns wecken und stärken.
Ist die KRAFT in uns, so können wir alles erreichen.
Ströme in uns, KRAFT.”
Er breitete die Arme aus und führte dann die Hände
in einem weiten Bogen an die Stirn. Alle taten es ihm nach.
Die meisten Menschen waren ohnehin zumindest Sympathisanten
der Gemeinschaft, viele andere machten um des lieben Friedens
willen mit.
Obwohl er brav mitmachte, ödete Paul dieses Getue an,
er war es auch nicht gewöhnt. Ein großer Teil der
Expedition kam jedoch aus der Nordamerikanischen Föderation,
und dort war diese Gemeinschaft im Gegensatz zu Europa ausserordentlich
stark vertreten. Ihm als naturwissenschaftlich orientierten
Menschen ging dieses pseudowissenschaftliche Gerede von
irgendwelchen Lebenskräften auf die Nerven. Er erinnerte
sich an einen Spruch von Einstein:
‘Alles soll so einfach gemacht werden wie möglich,
aber nicht einfacher.’
Diese Leute brachten beides auf einmal fertig: Einerseits
wurden einfache psychosomatische Vorgänge wie eine nervöse
Magenverstimmung zu einem “Schwingungsproblem”
aufgebauscht, andererseits wehrte man sich gegen Forschungsergebnisse
aus dem Bereich der Biologie und vor allem Biochemie, weil
sie die Begründung von allem und jedem mit Hilfe der
KRAFT störten. Es war bei den NAGs wie bei jeder anderen
Religion auch, und eine kühl-rationale Sicht der Welt
war schon seit einiger Zeit nicht mehr so richtig in Mode,
zuviele Probleme hatten technische Anwendungen dieser Wissenschaften
heraufbeschworen.
Immerhin hatte die Versammlung eines bewirkt, die Zahl der
nägelkauenden und gehetzt blickenden Menschen auf höchstens
ein Zehntel zu verringern. Paul musste innerlich lachen: Religion,
Opium des Volkes. |
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| Die Versammlung war zu Ende und man
begab sich auf die Zimmer. Paul winkte noch einmal im Vorbeigehen
Mona zu, die ihn mit einem herzerwärmenden Lächeln
bedachte. Er legte sich auf sein Bett und überlegte,
ob er nervös werden sollte wegen des Sprungs. Die Desis
vertrugen das, aber gab es eine Garantie, daß es die
Menschen auch überstehen würden? Die SUN JESTER
machte einen ziemlich vertrauenserweckenden Eindruck, obwohl
sie bereits über dreissig Jahre alt war. An einigen Stellen
konnte man trotz der sorgfältigen Wartung der Knn ein
paar Abnutzungsspuren erkennen, aber die waren offensichtlich
mehr optischer als technischer Natur.
Er schaltete den an der Wand befestigte Bildschirm ein, auf
dem der Fortgang der Vorbereitungen angezeigt oder direkt
übertragen wurde. Eine Außenkamera zeigte, wie
antennenähnliche, über 100 Meter lange Gebilde seitlich
am Rumpf ausgefahren wurden. Sie dienten dazu, dem vom Pulsresonanzgenerator
erzeugten Feld die Form zu geben, die für den Sprung
nötig war. Die Desis waren ziemlich verschlossen, was
die Technik des Sprungs anging, aber immerhin hatten sie verraten,
daß die Kombination von Eintrittsgeschwindigkeit und
Form des Feldes verantwortlich dafür war, an welcher
Stelle man im Raum-Zeit-Kontinuum wieder auftauchte. Man musste
ihnen schon vertrauen, sie hatten sicher auch kein Interesse
daran, irgendwo im All zu verschwinden wie ein Hamburger in
Kados Rachen. Trotzdem, nach dem Sprung waren die Menschen
von den Knn abhängig, nur sie kannten den Weg zurück
zur Erde.
Er spürte ein leichtes Vibrieren, der Pulsresonanzgenerator
nahm also seine Arbeit auf. Es würde etwa eine Stunde
dauern, bis er seine Höchstleistung erreichen würde,
und dann sollte nach den Berechnungen der Knn auch der Sprungpunkt
erreicht sein. Zuweilen gab es auch noch kleine Stösse,
weil der Kurs der SUN JESTER noch ein wenig korrigiert werden
musste.
Paul ging noch einmal in seinem Zimmer umher, um zu kontrollieren,
ab auch alles an seinem Platz lag, dann legte er sich wieder
aufs Bett und las auf seinem Kommunikator noch ein paar Seiten
aus dem Forschungsbericht über ihr Ziel Terkan. Sie waren
mittlerweile geimpft gegen diesen aggressiven Tetanuserreger
und hofften, daß dies der einzige unbekannte einzellige
Bewohner dieser Welt war, der ihnen so gefährlich werden
konnte. Untersuchungen von Bodenproben und einigen Insekten
hatten keine Gefahr erkennen lassen, aber sie würden
einige Tests machen, bevor sie auf die Oberfläche von
Terkan heruntergehen würden. Paul wunderte sich über
den Leichtsinn der Knn, so ungeschützt den Planeten zu
betreten; war das nun Mut oder Übermut?
“Zehn Minuten bis zum Sprung!”, erinnerte eine
freundliche Stimme aus dem Lautsprecher neben dem Bildschirm.
Paul sah hoch. Die Aussenkamera zeigte ein schwaches Glimmen
um das Schiff, aber das Bild setzte sich nun in Bewegung,
die Kamera wurde ins Schiff dirigiert, und das schöne
Bild verschwand. Das Vibrieren im Schif war langsam, aber
stetig intensiver geworden; es wurde Zeit, sich auf dem Bett
festzuschnallen.
Er lag noch einige Minuten auf seinem Bett und spürte,
wie er langsam richtig nervös wurde. Das Vibrieren wurde
lauter, die Frequenz wurde größer. Dann zählte
eine anonyme Stimme.
“Eine Minute bis zum Sprung!”
“Dreissig Sekunden!”
“Zehn Sekunden!”
Das Vibrieren wurde zu einem Kreischen.
“Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. Sprung!” |
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Er hatte das Gefühl, kreiselnd
in einen Abgrund katapultiert zu werden. Er schloss die Augen,
um das aufkommende Gefühl eines besinnungslosen Schwindels
zu unterdrücken, aber es gelang ihm nicht. Vor seinen
Augen tanzten weisse Kreise, das Blut wummerte in seinen Ohren.
Dann, nach einer erstaunlich kurzen Zeit, war es plötzlich
ruhig.
“Wir sind im Terkansystem!”, meldete sich die
freundliche Stimme aus dem Lautsprecher nach einer kurzen
Verzögerung.
Paul versuchte, sich zu erheben, vergebens. Er hatte das
Gefühl, als wäre er am Bett festgebunden. Sein Kopf
schien nur zehn Prozent der sonst üblichen Gedanken zu
enthalten und so reifte nur langsam die Erkenntnis, daß
es nicht nur ein Gefühl war, sondern daß er sich
schliesslich selbst auf dem Bett festgebunden hatte. Mühsam
befreite er sich, dann gab er lallend die Meldung an den Zentralcomputer,
dass er noch lebte.
Einige Zeit später erschien Kühnhold auf dem Bildschirm.
Er wirkte wie frisch vom Galgen geschnitten.
“Keine Veluschte, scho scheins!”, stiess er mit
vorstehenden Augen hervor.
Dann erschien neben ihm Andra, die übersetzte.
“Alle Mann auf ihren Posten, wie es scheint.”
Sie war einfach besser in Form als Kühnhold, Sport war
eindeutig besser für die Kondition als heftiges Beten.
Aber er wollte nicht lästern, sicher sah er kaum besser
aus als Kühnhold.
Das Bild änderte sich, Oggrd tauchte auf dem Bildschirm
auf.
“Wir sind etwa 15 Miliarden Kilometer von Terkan entfernt.
Freunde von der Erde, sie sind offenbar alle wohlbehalten,
aber erschöpft in diesem Sytem angekommen, ruhen Sie
sich jetzt aus, wir werden es auch tun. Die nächsten
Tage laufen automatisiert ab, unsere Routinechecks werden
erst in zwei Tagen beginnen, wenn wir uns erholt haben und
wieder absolut im Vollbesitz unserer Kräfte sind. Dann
werden wir auch das Schiff drehen und mit dem Abbremsen beginnen.”
Paul hoffte, die Botschaft richtig verstanden zu haben. Irgendwie
konnte er seinen Geisteszustand nicht richtig einordnen. Sein
Denkvermögen war so hoch wie nach dem sechsten oder achten
Bier, nur daß er nicht dieses dumpfe Trunkenheitsgefühl
hatte. Es war so, als ob die Gedanken sich noch auf dem Weg
durch das unendliche Universum befanden und ihn erst noch
einholen mussten.
Paul fühlte sich schlapp und müde, er schüttelte
resigniert den Kopf und legte sich wieder aufs Bett. Das musste
die Zeitverschiebung sein, der Jetlag, wie bei einer
Reise von Europa nach Amerika. Er tadelte sich in Gedanken.
Dieser Scherz war so flach, dass er aufrecht unter dem Teppich
seiner Kabine marschieren konnte, ohne sich den Kopf zu stossen.
Er beschloss, die Augen zu schliessen und gründlich über
einen besseren Scherz nachzudenken. |
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Kurze Zeit später wachte er wieder
auf, weil er ein wenig durcheinandergerüttelt
wurde. Er sah auf die Uhr, gerade mal eine knappe Stunde hatte
er geschlafen. Dann jedoch fiel sein Blick auf die Datumsanzeige,
und sofort bekam er Hunger. Er hatte nicht eine knappe Stunde,
sondern zwei Tage und eine knappe Stunde geschlafen.
Mühsam erhob er sich aus dem Bett, er fühlte sich
um zwanzig Jahre gealtert. Sein Rücken schmerzte, kein
Wunder, nachdem er so lange im Bett gelegen hatte. Sein erster
Weg führte ihn in die Kantine. Vor seinen Augen entstand
langsam, aber deutlich das Bild einer Tasse mit dampfenden,
dunklen, duftenden Kaffee, der ihm von einer dunkeläugigen
Schönheit angeboten wurde.
Die Wirklichkeit war weniger romantisch. Der Kaffee war zwar
ganz brauchbar, kam aber in einem Kunststoffbecher aus einem
schmucklosen Automaten mit roten Lämpchen. Dafür
waren aber schon einige Leute in der Kantine, plauderten gutgelaunt
miteinander, aßen oder schlürften einen Kaffee.
An einem Tisch saß Hermfried, einer der Expeditionsärzte
und studierte, an einem Sandwich kauend, die Anzeige seines
Portablen. Er schaute hoch, als sich Paul zu ihm setzte.
“Da kann ich dich ja auch gleich mal durchchecken”,
meinte er und nahm mit seinem Medikont eine schnelle Messung
von Herzfrequenz, Blutdruck und Gehirnströmen vor. Die
Werte wurde direkt in den Kommunikator gegeben.
“OK, sieht gut aus. EKG und Blutdruck im Normbereich,
und das Muster der Gehirnströme weist keine Besonderheiten
auf, wie es scheint.”
Hermfried war nicht der Prototyp des redseligen Zeitgenossen,
deshalb hakte Paul nach.
“Wie sieht es denn insgesamt aus, sind alle gesund
rübergekommen?”
Hermfried grinste fröhlich.
“Um Oggrd zu zitieren: Einige mussten nochmal frühstücken.
Ansonsten: Die Hälfte ungefähr ist wieder fit, die
andere Hälfte pennt noch. Ich bin auch erst seit einer
guten Stunde wach.”
Auf dem grossen Bildschirm an der Stirnseite der Kantine
sah man den Weltraum, unendliche Weiten. In der Mitte des
Bildes stand ein Stern, der deutlich heller war als die anderen.
“Ich habe eben einen der Knn gefragt, was das ist”,
erläuterte Helmfried. “Die behaupten, das sei die
Sonne von Terkan.”
Paul sah ihn fragend an.
“Wieso sagst du behaupten? Es wird wohl so sein.”
“Die können uns viel erzählen. Das kann irgendwo
sein, auch in unserem Sonnensystem. Das könne doch auch
einfache Computersimulationen sein. Wer beweist uns, daß
da draussen überhaupt was ist?”
Paul grinste.
“Das Problem ist, existiert überhaupt etwas ausser
dir? Beweise mal die Existenz der Aussenwelt! Wer sagt dir,
ob überhaupt etwas ausser dir existiert? Kannst du sicher
sein, ob ich nicht nur in deinem Gehirn oder dem, was du dafür
hälst, existiere?” Er wurde ernster. “Das
lässt sich zwar wirklich nicht beweisen, ist aber äusserst
wahrscheinlich. Und zu dem Bild hier: Wir waren am Anfang
auch misstrauisch, ob das Ganze nicht nur ein Scherz ist,
unser Besuch aus den Weiten des Weltraums. Aber uns ist einfach
kein Motiv eingefallen, warum jemand einen solchen Aufwand
treiben sollte, um eine paar Leute zu verkaspern. Ne, lass
mal, das ist schon alles echt.” |
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| Dann ging die Tür der Kantine auf,
und Kado kam mit Andra herein. Man begrüßte sich
fröhlich und berichtete von den gegenseitigen Erfahrungen
mit dem Sprung. Andra lästerte über die lächerliche
körperliche Verfassung der Expedition.
“Allauord”, parodierte sie Kühnhold.
“Alle an Bord, versteht doch jeder; ich weiß
nicht, was du hast!”, meinte Paul mit gespieltem Ärger.
“Na, ernsthaft. Wir könnten die Zeit bis zu Landung
auf Terkan gut mit etwas Sport vertreiben; das würde
uns auch die Langeweile nehmen.”
“Kampfsport, was?”, fragte Paul vorsichtig.
“Warum nicht? Es kann ja ruhig eine von den defensiveren
Formen sein: Aikido, Pa Qua, Wing Tsun oder sowas. Ich muß
ja Rücksicht auf euer Alter nehmen, ins Schwitzen kommt
ihr dabei auch so.”
Paul erinnerte sich mit Schrecken an seine früheren
Versuche in Aikido, er war nicht gerade ein Konditionswunder.
Obwohl, Spaß hatte es schon gemacht. Schließlich
verabredeten sie ein tägliches Training für die
nächsten Wochen, bis die SUN JESTER in den Orbit von
Terkan eingeschwenkt war und die Vorbereitungsphase für
die Landung begann.
Die nächsten Wochen verliefen, so wie sich das für
eine ordentliche Reise durchs All gehörte, ziemlich ereignislos.
Paul versuchte vergeblich, die Theorie von Hntn zur Reise
durch die Sprungstellen zu verstehen, er war halt ein Generalist,
kein Spezialist. Selbst die Physiker und Mathematiker im Expeditionsteam
hatten große Mühe, die Theorie ansatzweise nachzuvollziehen.
Irgendwann auf dem Weg zum Sportraum traf er Gregory Ginlew,
einen ruhigen, ernsten Mathematiker.
“Wir kommen auch nicht so richtig dahinter. An mathematischen
Inhalten finden wir Funktionentheorie und Differentialgeometrie,
das hat uns nicht überrascht. Das Ganze ist dann kombiniert
mit Topologie, und die Querverbindungen sind wirklich sehr
kompliziert und originell. Wir müssten eigentlich mal
mit diesem Hntn sprechen.”
Er hatte das ganz ernst gesagt, aber bevor Paul zu einer
seiner beliebten langatmigen Erklärungen ansetzen konnte,
fuhr Ginlew mit einer kleinen abwehrenden Handbewegung fort.
“Ich weiß, er ist längst tot. Das Problem
ist nur, die Knn hier auf dem Schiff sind mathematisch nicht
so auf der Höhe und können uns nicht weiterhelfen.
Na ja”, schloß er dann resignierend, “warum
soll es uns hier besser ergehen als auf der Erde, da werden
viele Artikel in Fachzeitschriften auch nur von einem halben
Dutzend Kollegen einigermassen verstanden - einem halben Dutzend
auf der ganzen Erde, wohlgemerkt.”
“Ich erinnere mich”, sagte Paul, “das erste
Drittel eines Vortrages auf einem Mathematikerkongress sollen
alle Anwesenden verstehen, das zweite Drittel die Fachleute
des entsprechenden Teilgebiets, das letzte Drittel noch fünf
Leute auf der Welt – allerhöchstens.”
Sie zuckten beide mit den Schultern.
“Vielleicht kriegen wir das auf der Erde geregelt”,
fuhr Paul fort. “Oder wir fahren mal mit nach Knn und
unterhalten uns mal mit den Koryphäen dort. Es wird sich
ja wohl noch jemand finden, der sich mit dieser Theorie auskennt.”
Paul ging weiter zu “Training”. Andra hatte sich
als Expertin in vielen Varianten erwiesen und ihr Versprechen
wahrgemacht, einen Stil zu wählen, der auch von alten
Männern wie ihm noch ausgeübt werden konnte. Es
war eine sehr defensiv ausgerichtete Form, die Elemente
diverser Kung Fu – Stile, Wing Tsun und Aikido beinhaltete.
Schon nach kurzer Zeit war Paul mit Eifer bei der Sache, und
das nicht nur, um Andra zu imponieren. Mit Freude bemerkte
er, dass er von Training zu Training weniger früh ausser
Atem kam und dass ihm auch das Treppensteigen wieder Spaß
machte. Erstaunlicherweise machte sich auch seine lange Zeit,
die er mit Tai-Chi verbracht hatte, positiv bemerkbar; das
Bewegungsrepertoire war ausgesprochen ähnlich.
Während dieser positiven Veränderungen näherten
sie sich Terkan. Intensiv versuchte man, Spuren von elektronischen
Signalen zu empfangen, aber die Technologie der Terkaner war
offenbar noch nicht so weit fortgeschritten. Was wollte man
auch verlangen, die Desis waren schliesslich vor wenigen Monaten
zum letzten mal hiergewesen. Nur ein schwaches regelmässiges
Signal in einem sehr kurzwelligen Bereich wurde empfangen,
aber das könnte auch natürlichen Ursprungs sein. |
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Die Knn wählten bei der Annäherung
an Terkan eine andere Strategie als bei ihrem ersten Besuch.
Damals waren sie verfahren wie bei ihrem Besuch im Sonnensystem:
Die SUN JESTER wurde relativ langsam abgebremst, um sie in
eine kometenähnliche Umlaufbahn um das Zentralgestirn
zu bringen, eines der beiden großen Landungsschiffe
hatte sich dem Planeten schnell genähert, um ihn kurz
zu erforschen, bei Bedarf hätte die SUN JESTER dann auch
in eine Bahn um den Planeten gebracht werden können.
Bei diesem Besuch wurde die SUN JESTER direkt auf eine Bahn
um Terkan gebracht.
Die Zeit bis dahin verging wie im Flug - wie auch sonst.
Auch wenn sich weiter nichts ereignete, so mussten doch Geräte
vorbereitet und die Aufzweichnungen über Terkan weiter
vervollständigt werden. Beim Vorbeiflug an den 12 äusseren
Planeten wurden grobe Untersuchungen der chemischen und physikalischen
Eigenschaften durchgeführt, eben alles das, was unbemannte
Raumsonden im Sonnensystem auch oft durchgeführt hatten.
Die Zeit der Annäherung war für Paul allerdings
sehr unterhaltsam. Mit Erstaunen stellte er fest, dass die
von ihm so bewunderte Mona seinen dezenten Flirtandeutungen
nicht widerstand. Sie war verheiratet wie er und hatte einen
fünfzehnjährigen Sohn, schien aber wie er selbst
einem Test ihres eigenen Anziehungsvermögens nicht abgeneigt
zu sein. Sie verbrachten also einen grossen Teil der Zeit
miteinander, die neben dem Sichten der gesammelten Daten von
Terkan, dem Entwerfen einer Expeditionsstrategie und dem Fitnessprogramm
von Andra noch blieb. Zwar unterhielten sie sich hin und wieder
auch über ernsthafte Themen, aber irgendwann, als sie
William trafen, meinte der süffisant:
“Da hätten wir ja eine Kabine weniger herrichten
müssen; ihr braucht ja nur noch eine.”
Jane stand neben William und hatte einen sehr tadelnden Gesichtsausdruck.
Paul plagte nun sein schlechtes Gewissen etwas heftiger als
sonst. Jane würde seine Frau nach der Rückkehr zur
Erde sicher kaum im Unklaren lassen über sein Verhältnis
zu Mona.
Er beschloss, einfach abzuwarten, was passieren würde
und dachte an die Worte des grossen rheinischen Denkers Tünne
Mann: “Et kütt wie et kütt.” Ungeschehen
machen konnte er ohnehin nichts mehr.
Die Tage plätscherten ruhig dahin. Langsam wurde der
künstliche Rythmus von Tag und Nacht auf die vorgesehene
Landestelle abgestimmt. Lästig war dabei, dass die Tage
auf Terkan gut zwei Stunden länger waren als auf der
Erde, sodass sich bei allen ein Zustand dauernder Müdigkeit
einstellte. Nun, auch das würde sich geben. Man begann,
eine der beiden Landefähren mit dem Material zu beladen,
was für die erste Erforschung von Terkan benötigt
wurde. Die beiden baugleichen Fähren waren gut sechzig
Meter lang, hatten eine Spannweite von mehr als fünfzig
Metern und das Leitwerk war imposante achtzehn Meter hoch.
Die Menschen hatten ihnen wie schon dem Raumschiff eigene
Namen gegeben, da die knnschen allzu unaussprechlich waren.
So diente die BLUE ÖYSTER als Ersatzfähre und die
SHOOTING SHARK wurde beladen. Das Timing war perfekt, denn
als die SUN JESTER die Umlaufbahn um Terkan erreicht hatte,
war die Beladung zu einem grossen Teil abgeschlossen. Was
noch fehlte, sollte erst nach einem ersten Kurzbesuch mit
einem der beiden kleinen Landefähren ausgewählt
und eingeladen werden.
Am Morgen des ersten Tages im Orbit von Terkan trafen sich
alle Expeditionsteilnehmer in der grossen Versammlungshalle
der SUN JESTER direkt neben dem Kommandoraum, wo Kado Einzelheiten
zum Verlauf der nächsten zwei Tage bekanntgab. Teams
wurden zusammengestellt, der vorgesehene Landeplatz beschrieben,
die Zeit- und Einsatzpläne verteilt, und schlieslich
der unvermeidliche Segen der Allgewaltigen Gemeinschaft beschworen.
Während sich Mona und Paul in ihr Zimmerchen zurückzogen,
traurig darüber, daß sie in den nächsten Wochen
weniger Zeit füreinander haben würden, dachte Paul
darüber nach, daß Monas glühende Bewunderung
für Kühnhold wohl die einzige Sache war, die ihn
an ihr störte. Bisher hatte er glücklicherweise
dieses Thema als Gegenstand ihrer Gespräche stets umschiffen
können, obwohl er bemerkt hatte, dass Mona über
ihn offenbar dasselbe dachte wie er über sie und gern
mit ihm darüber diskutieren würde.
Sie lagen gemütlich zusammen auf dem Bett, als die beschauliche
Atmosphäre durch eine Erschütterung unterbrochen
wurde, die sie unsanft auf dem Boden landen liess. |
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