Angriff     

Paul erwachte und erschrak zunächst, als er in die neugierigen Augen eines der riesigen Rinder schaute. Es hatte ihn mit dem Horn angeschubst, davon war er wach geworden.

Sein Schreck wandelte sich schnell in gute Laune, diese Tiere hatten ihn immer schon fasziniert.

“Da staunst du, ein neuer Stallgefährte”, sprach er das Tier an, ein leises Muhen kam zurück. Es schien, als würde er verstanden.

Paul reckte sich, dann erhob er sich von seinem Nachtlager. Er grinste noch einmal das Rind an, klopfte ihm gegen den Hals und sog die angenehme Luft im Stall ein. Es stank überhaupt nicht, hatten die Negser den Kühen den Geruch abgezüchtet? Nun, nicht sein Problem. Obwohl, das gehörte auch zu den Ungereimtheiten von Terkan.

Er trat aus dem Stall und schaute in den sonnigen Morgen. Der Hof befand sich umgeben von kleinen Bäumen auf einer kleinen Anhöhe, gegenüber dem Stall befand sich das Wohnhaus, vor dem sich Roguli und Herdo die Sonne ins Gesicht scheinen liessen. Links konnte er über Weiden und Felder sehen, weiter entfernt bewegte sich der Fluss träge durch die Ebene. Rechts lag Negs, einige hundert Meter höher als der Hof, weiter entfernt sah er einige grosse Gebäude und Windmühlen, die sich im sanften Wind drehten.

Roguli winkte ihm und er ging zu den beiden Männern hinüber.

“Ausgeschlafen?”, fragte ihn Herdo.

“Danke, zum ersten mal seit Tagen habe ich wieder ruhig geschlafen.”

“Drinnen gibt es Frühstück.”

Er grüsste Herg, Eld und Adala, die Frau von Herdo, die am Tisch sassen. Sie deuteten auf den leeren Platz, auf dem etwas Obst, Getreideflocken, Brot und eine Tasse Tee standen.

'Erstklassiger Service‘, dachte Paul und bedankte sich.

Während er ass, unterhielten sich die anderen über die Arbeiten, die am bevorstehenden Tag anlagen.

Der Weizen stand gut, er war reif zur Ernte. Die anderen fragten ihn, ob er nicht Lust hätte, die Ernte zu übernehmen. Die mechanischen Mäher wurden von den grossen Rindern gezogen; da er die Tiere ausgesprochen sympathisch fand, nahm er das Angebot gern an.

Zunächst arbeitete Herdo noch kurze Zeit mit ihm, um die Anfangsschwierigkeiten zu überbrücken, aber er kam schnell allein mit der Technik und seinen pelzigen Helfern zurecht.

Die Technik der Negser war einfach, aber gemessen am technischen Entwicklungsstand optimal. Eisen war selten auf Terkan – genauer gesagt waren die sicher vorhandenen Lagerstätten den Bewohnern nicht zugänglich, das meistverwendete Metall war daher Messing, da sowohl Kupfer wie auch Zink in ausreichender Menge im Gebirge gewonnen wurde. Die Arbeit dort war nicht beliebt, da sie anstrengend und relativ gefährlich war, häufig wurde sie deshalb bei Verstössen gegen die negser Rechtsordnung zugewiesen.

Die Arbeit auf dem Feld war trotz dieser beeindruckenden Tiere – sie wechselten sich sogar selbständig bei der Arbeit ab - ziemlich eintönig. Mähen mit der ersten Maschine, sammeln und binden der Halme mit einer zweiten, dann das Verladen auf die grossen Karren. Trotzdem begann er sich wohlzufühlen. Erstaunlicherweise hatten die Negser, die ihn hier aufgenommen hatten, keine Vorbehalte gegen ihn; offensichtlich waren sie davon überzeugt, dass er nicht zu Kühnholds Gruppe gehörte.

   

Kühnhold! Der machte ihm allerdings grosse Sorgen. Der Angriff, mit dem er eigentlich stündlich rechnete, liess schon drei Tage auf sich warten. Während er auf dem Bock hinter den Rindern herzockelte, hatte er genügend Zeit, sich über die möglichen Strategien von Kühnhold Gedanken zu machen.

Je länger Kühnhold wartete, desto besser vorbereitet würden sie angreifen. Kanonen würden sie sicher nicht bauen, aber Sprengstoff? Bisher lebten sie in dieser Beziehung offenbar von geringen Mengen, die beim Absturz übriggeblieben waren und mit den hier vorhandenen einfachen Mitteln würden sie sicher keine wirklich brisanten Explosivstoffe herstellen können. Fast alle erforderten als Grundstoff konzentrierte Salpetersäure, und die war hier nicht in ausreichenden Mengen herzustellen, zumindest nicht in kurzer Zeit.

Ansonsten blieb nur Schwarzpulver: Holzkohle, Schwefel und Salpeter. Holzkohle war kein Problem. Beim Schwefel musste er schon nachdenken, gesehen hatte er noch keinen, was sollten die Negser auch damit. Dann fiel ihm ein, dass ihm Eld einmal von einem verwunschenen Ort erzählt hatte, an dem Gase aus dem Boden kamen, giftiges Gelb den Boden überziehe und das Atmen schwerfiele. Das hörte sich nach vulkanischer Tätigkeit an und war immerhin eine Chance.

Aber Salpeter, also Kaliumnitrat! Auch Calciumnitrat würde funktionieren, aber woher sollte er das beschaffen. Er grübelte eine Zeitlang, wobei er sich bei den Tieren bedanken konnte, dass er weder einen Strauch noch einen Zaun ummähte. Dann fiel ihm ein, dass die Negser zwar mit Salz würzten, aber sich gelegentlich auch schon beschwert hatten, dass aus den Bergwerken auch schon mal verdorbenes, bitter schmeckendes Salz geliefert wurde. Das konnte natürlich genauso gut Magnesiumsulfat oder irgendein anderes für seine Zwecke unbrauchbares Salz sein, aber ein Versuch konnte ja nicht schaden.

Beim Mittagessen auf dem Hof fragte er Herg, ob er mit diesem schlechten Salz ein paar Versuche anstellen könne und wo er diesen gelben Stoff finden würde.

Herg grinste.

“Dagolesian hat bei sich zu Hause eine ganze Reihe von Stoffen gesammelt, mit denen wir nichts anfangen können, frag den mal.”

Am Abend fuhr er unter einem Haufen Stroh verborgen in die Stadt. Die Transporte wurden luxuriöser, das musste man sagen!

Dagolesian nahm ihn mit in einen grossen Kellerraum, in dem auf einer ganzen Reihe von Regalen Glasgefässe standen mit Pulvern, Flüssigkeiten und kristallinen Substanzen. Auf einem Tisch befand sich eine einfache Destillationsapparatur, ein paar Mörser, einige leere Glasbecher und weitere Geräte aus der Alchimistenküche.

Paul ging an den Regalen entlang. Der Schwefel war schnell gefunden, auch Holzkohle war vorhanden.

Er untersuchte die Substanzen am Tisch; die Holzkohle pulverte er in dem Mörser, dann machte er dasselbe mit dem Schwefel.

Er untersuchte weiter die Gefässe in den Regalen. Wie schon einmal vor einigen Tagen verfluchte er die Tatsache, dass seine Analysegeräte in der Umlaufbahn um Terkan kreisten, und zwar in Form einzelner Atome. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als einige der Salze auszuprobieren und zu hoffen, dass sich ein geeignetes Salz darunter befand.

Er wählte acht Gefässe nach Farbe und Konsistenz des Inhalts aus und begab sich wieder zum Tisch.
Zunächst machte er einen vorsichtigen Geschmackstest, indem er vorsichtig ein paar Kristalle auf der Zunge zergehen liess. Kaliumnitrat schmeckte bitter, daran erinnerte er sich noch, und das schloss die Hälfte der Kandidaten schon einmal aus. Dann löste er ein wenig Substanz in Wasser. Drei der vier übriggebliebenen Salze lösten sich gut, mit diesen dreien musste er es versuchen.
Vorsichtig zerrieb er einen gestrichenen Teelöffel von jedem Stoff in einem Mörser, dann mischte er sie etwa im Verhältnis vier zu eins zu eins mit Kohle und Schwefel – die genauen Verhältnisse hatte er nicht im Kopf.

   

Dagolesian hatte in der Zwischenzeit eine Kerze besorgt, nun kam der grosse Moment.

Paul entzündete einen Holzspan und hielt ihn in den ersten Mörser.

Ein leichtes Flackern war zu sehen, der Schwefel brannte ein wenig, der scharfe Geruch von Schwefeloxiden lag in der Luft. Aber mehr passierte nicht, das wäre ja zu schön gewesen.

Dann näherte er sich mit der Flamme dem zweite Mörser, schon etwas weniger vorsichtig.

Ein heftiges Zischen, eine Stichflamme loderte auf und Funken sprühten umher. Paul sprang erschrocken zurück.

Auch Dagolesian war zwei Meter hinter sich gesprungen und schaute verdutzt auf Paul.

Der grinste und stiess die Faust in die Luft.

“Damit können wir Kühnhold einen fröhlichen Empfang bereiten.”

“Fröhlich?” fragte Dagolesian verwirrt.

“Nun ja, fröhlich für uns, nicht für ihn. Sag, können wir von diesem Salz mehr bekommen? Wir brauchen so viel wie möglich, ausserdem Schwefel, das ist dieses gelbe Zeug. Holzkohle werdet ihr ja genug haben.”

Dagolesian las die Beschriftung des Gefässes, aus dem das erfolgversprechende Salz stammte, dann nickte er.

“Soviel, wie auf eine grossen Wagen passt, kein Problem.”
“Und wie schnell?”

“Ein Tag, wenn es sein muss.”

   

 

Die nächsten zwei Tage war Paul damit beschäftigt, Holzkohle, Schwefel und das Salz, von dem er annahm, dass es wirklich Salpeter war, in Pulverform zu bringen.

Verschiedene Methoden der Nutzung wurden ausprobiert, schliesslich entschieden sich Paul und Dagolesian, der die Versuche mit ihm durchführte, die Geschosse der grossen Armbrüste zu verlängern und sie vorn mit Papphülsen zu versehen, welche mit fest gepresstem Schwarzpulver gefüllt waren. Diese wurden mit einer teerähnlichen Substanz bestrichen, angezündet und sollten zwischen die Angreifer geschossen werden.

Sie probierten ein wenig und erreichten, dass die Explosion so etwa fünf bis zwanzig Sekunden nach dem Aufprall erfolgte. Es war sicher riskant, eine der Versuchsladungen explodierte schon während des Fluges, aber was blieb ihnen übrig.

Die Produktion lief auf Hochtouren, Paul, Dagolesian, Hedolg und Olami – Bruder und Schwägerin von Eld, wenn Paul das richtig verstanden hatte – schafften zwölf bis fünfzehn Geschosse pro Stunde. Die Eliteeinheit der Armbrustschützen aus Negs wurde mit den Geschossen versorgt; nach zwei bis drei Tagen hektischer Arbeit würden alle achtzig mit mindestens vier Geschossen ausgerüstet sein.

   

Ein regelmässiges, ganz schwaches Geräusc

   

Weiter drinnen im Wald war ein kleiner Tümp

   

Irgendwann am Morgen wurde er wach, weil ihen

   
 

Er musste wieder eingeschlafen sein. Das n

   

“Werden deine Freunde angreifhl d

   

Aha! Davon hatte Kühnhold nichts E

   
 
hier sonst was
   
 
Quelle: terkan.aabdahl.de