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| Auseinander |
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| Es dauerte einige Tage, bis Paul
nach dem Besuch bei der abgestürzten „Blue Öyster“
wieder völlig ansprechbar war.
Den Rückweg nach Negs hatte er nur unter Drogen geschafft,
was seine Gesundung zusätzlich erschwerte.
Nach einer Woche waren seine Freunde auf dem Hof am Fluss
über die abenteuerliche Reise von der Erde nach Terkan
informiert.
„Einige Dinge sind uns an eurer Geschichte damals
eigenartig vorgekommen,“ erinnerte Dagolesian an das
erste Zusammentreffen der Raumschiffbesatzung mit den Negsern.
„Aber du weißt ja, wir haben nur wenig Kontakt
zu den anderen Städten auf unserer Welt. So haben wir
gedacht, dass wir von eurer Stadt noch nichts gehört
haben.“
Nachdenklich meldete sich Eld zu Wort.
„Ich verstehe nicht, wieso die Leute, die du zu deinen
Freunden zählst, nicht die Macht im Wald übernehmen
und euren Anführer ruhigstellen. In unseren Bergwerken
ist noch Platz für solche Leute.“
Paul runzelte etwas die Stirn. Negser, die den Stadtfrieden
nachhaltig störten, wurden zu einer bestimmten Zeit Zwangsarbeit
verurteilt, das hatte er irgendwann einmal herausgefunden.
Nicht gerade humaner Strafvollzug nach irdischen Masstäben,
aber den Negsern blieb wohl weder Zeit noch Mittel, sich um
eine aufwändigere Form der Resozialisierung zu kümmern.
Nun, Kühnhold würde sicher einen prächtigen
Bergarbeiter abgeben.
Und zur Untätigkeit seiner Freunde hatte er eigentlich
auch nur eine Erklärung.
„Die Fanatiker sind eine große und geschlossene
Gruppe von Menschen, die zu allem entschlossen scheinen. Schon
eine kleinere Gruppe könnte den Rest unterdrücken,
wenn sie nur konsequent genug vorginge. Stellt euch einfach
nur vor, die Knn würden hier eine Diktatur einrichten
wollen, also eine richtige Diktatur, ihr hättet kaum
eine Chance.“
Er sah in Gesichter, die Ratlosigkeit und Unverständnis
ausdrückten.
Der große Angriff der Menschen auf Negs war mittlerweile
ein halbes Jahr her. Die Negser waren aber weiterhin wachsam.
Vor allem seitdem Paul wieder aus dem Wald zurück war,
hatte Redala, die für das Militär zuständig
war, die Wachen wieder etwas intensivieren lassen. Jetzt verfügte
sie, dass die Informationen, die Paul ihnen über seine
Herkunft gemacht hatte zunächst nur einem kleinen Kreis
der Führung von Negs zugänglich werden sollte. Gleichzeitig
wollte man mit den Knn Kontakt aufnehmen, um mit ihnen gemeinsam
die ständig vorhandene Gefahr von Angriffen oder womöglich
Sabotageakten aus dem Wald besser begegnen zu können.
Die Verhandlungen mit den Knn waren sehr langwierig und
kompliziert. Im Prinzip schienen sie einer Zusammenarbeit
nicht abgeneigt zu sein, aber es ging dann natürlich
um Fragen der Kompetenz, der Führung, der Zuständigkeit
und natürlich um die Ehre von Knn. |
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| Das Leben am Fluss ging seinen gewohnten
Gang. Wiesen mussten gemäht, Felder gepflügt, Gemüsekulturen
gepflegt und Vorräte angelegt werden. Die vegetationsarme
Jahreszeit stand bevor.
Abends saßen sie oft im Hof und diskutierten Möglichkeiten
eines Angriffs auf den Wald, von Verhandlungen mit den Knn,
aber man fand keine wirklich befriedigenden Möglichkeiten.
Oft war Dagolesian bei ihnen, half bei der Arbeit, aß,
trank, sang und diskutierte mit ihnen.
Paul fragte sich an solchen Tagen oft, wie diese Gesellschaft
funktionierte.
Dagolesian war Wissenschaftler, aber auch in der politischen
Führung von Negs tätig. Da seine Frau Redala ebenfalls
in der obersten Führung von Negs mitwirkte, gehörte
er sicher zu den zwei oder drei wichtigsten Personen in dieser
Stadt. Trotzdem half er hier auf dem Hof, der eigentlich von
Olami, Eld, Hedolg und Roguli bewirtschaftet wurde. Beiden
Paaren gehörte jeweils noch ein Haus in der Stadt, in
denen sich die Kinder auch dann aufhielten, wenn die Eltern
auf dem Hof arbeiteten.
Alle waren weitläufig miteinander verwandt. Sie sprachen,
warum auch immer, nur ungern darüber, aber wenn Paul
es richtig verstanden hatte waren Olami und Hedolg Cousins
dritten Grades und Dagolesian ein Onkel zweiten Grades von
Roguli. Wenn man die völlig gegensätzlichen Staturen
der beiden sah, musste man zu dem Schluss kommen, dass die
Vererbung auf Terkan anders funktionierte als auf der Erde. |
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Pauls Arbeit umfasste unter anderem
die Aufgabe, einmal pro Woche in den Forst flussaufwärts
zu fahren um Holz zu besorgen. Es gab zwei Arten von Wald
dort. Die erste war eine traditionelle Anpflanzung aus vier
oder fünf unterschiedlichen Baumarten mit geraden Stämmen
zur Gewinnung von Bauholz, die bis zu hundert Jahre alt waren.
Die zweite Art Wald war niedriger. Alle zwanzig Jahre wurden
die Bäume gefällt. Die meisten Stämme wurden
zu Holzkohle verarbeitet, aus der Rinde gewann man Gerbmittel
und einfache Arzneien, die dünnen Äste und die Zweige
wurden gebündelt und beispielsweise zur Beheizung der
großen Backöfen genutzt. Die Wurzelstöcke
trieben nach dem Fällen der Bäume schnell wieder
aus, so dass auf diesen Flächen eine ausgesprochen hohe
Holzproduktion erreicht wurde.
Diese Wälder waren licht, es gab viele Büsche, Kräuter,
Gräser. Paul legte sich gern ins Unterholz, genoss den
Duft der Pflanzen, das Gewusel im Gras und das angenehm frische
Klima, das auch an heißen Tagen herrschte.
Eines Tages war er eingenickt, wie es ihm oft passierte.
Normalerweise weckten ihn die Rinder, wenn es ihnen zu langweilig
wurde, aber an diesem Tag war das Wecken anders als sonst.
Er hörte eine Frauenstimme und dreht sich in die Richtung
des Busches, aus der sie kam.
Er brauchte nur eine Sekunde um richtig wach zu werden.
„Andra,“ flüsterte er. „Wie kommst
du hierher?“
„Kann ich rauskommen oder laufen hier Leute rum, die
ich übersehen habe?“ war die Antwort.
Auf sein Zeichen kam sie aus dem Busch. Paul hätte sie
am liebsten umarmt und geküsst, aber dann bewahrte er
doch die Contenance.
„Wie kommst du hierher? was willst du? bist du allein?“
Viele Fragen auf einmal!
Andra berichtete, dass im Talwald kein rechter Frieden mehr
herrschte. Seitdem Jonas von Paul getötet worden war,
machte sich Misstrauen breit. Kühnhold neigte mehr und
mehr zu einer gewissen Paranoia und begann ein immer autoritäreres
System zu errichten. Es gab sicher noch eine große Anzahl
von Leuten, die fest zu ihm standen, aber den meisten anderen
wurde sein religiöser Fanatismus unheimlich und bedrohlich.
So hatten sich einige entschlossen, zu Negs Kontakt aufzunehmen
und sich der dortigen Bevölkerung anzuschließen
und sie war als Kundschafterin ausgewählt worden.
„Eine gute Wahl. Und eine erfreuliche Wahl.“ meinte
Paul.
Sie hatten sich einiges zu erzählen, schließlich
versteckte Paul Andra unter dem Holz und sie bewegten sich
Richtung Hof. |
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Als sie ankamen, trafen sie nur Hedolg
an. Der schaute ausgesprochen misstrauisch auf Andra, allen
Beteuerungen von Paul zum Trotz, dass es sich um einen freundlich
gesinnten Menschen handelte.
Auf dem Weg zum Hof hatte Andra Paul ihre Pläne beschrieben.
Der Teil der Menschen, die mit Kühnhold nichts mehr zu
tun haben wollten sollten nach Negs kommen, sich in die Gesellschaft
soweit wie möglich eingliedern. Der Rest sollte im Wald
bleiben und ein Verbot erhalten, sich Negs zu nähern.
Paul spielte den Übersetzer. Andra war zwar auch mit
den Grundlagen der negser Sprache vertraut, aber die Feinheiten
beherrschte sie natürlich nicht.
Hedolg schwang sich auf den Karren vor dem Haus und fuhr in
die Stadt mit dem Versprechen, in einer Stunde mit Dagolesian
und Redala zurückzusein.
In der Zwischenzeit richteten Andra und Paul im Stall ein
Nachtlager her. Paul hatte Andra großherzig sein Bett
überlassen, er blieb gern bei den großen Rindern.
Sie unterhielten sich über die Leute, die mit ihr nach
Negs kommen wollten.
„Kado wird nicht dabeisein?“ fragte Paul ungläubig.
Andra wiegte den Kopf.
„Er ist der Religion verfallen. Kühnhold hat ihn
zum Chef der Schutztruppe gemacht, das hat ihm wohl den Kopf
verdreht.“
Paul schwieg. Kado ein religiöser Fanatiker, von Kühnhold
gekauft. Er konnte es nicht glauben. Andererseits wollte er
auch Andra nicht misstrauen. Sie hatte ihm damals nach seinem
Zusammenstoß mit Jonas aus seiner misslichen Lage geholfen
und dabei auch ihr eigenes Leben riskiert. Damals hatte er
aber das Gefühl gehabt, dass Kado auch eingeweiht war.
Und wieso hatte Andra so lange gezögert sich aus dem
Wald abzusetzen?
Als hätte sie seine Gedanken gelesen, setzte Andra zu
einer Erklärung an.
„Es sind seit deiner Abreise noch einige unschöne
Dinge im Wald passiert. Zwei weitere Leute werden vermisst
und ich bin sicher, die wird auch keiner mehr finden. Ich
musste noch eine Zeit lang dableiben, um eine Liste mit zuverlässigen
Leuten zu erstellen, die ich mit nach Negs bringen wollte.
Außerdem habe ich versucht, weiteres Verschwinden zu
verhindern, das ist mir in einem Fall auch gelungen, da gibt
es einige eifrige jugendliche Fanatiker, die man bremsen muss.“
Paul grinste.
„Leben die noch?“
Andra schüttelte unwillig den Kopf.
„Glaubst du ich würde jetzt mit dir plaudern, wenn
ich einen von Kühnholds jungen Leuten so aus dem Verkehr
gezogen hätte?“
Ein Schatten verfinsterte das Scheunentor und Paul erlebte
das erste mal, dass Andra eine leichte Schreckreaktion zeigte.
Es war aber nur sein Lieblingsrind, das von der Weide zum
Stall kam.
Er begrüßte es mit dem üblichen Tätscheln.
„Heute Nacht hast du Gesellschaft, ich schlafe bei dir.“
Das Tier grunzte zufrieden. Manchmal hatte Paul das Gefühl,
die Rinder verstanden alles, was man ihnen sagte.
Andra sah ihn belustigt an.
„Du wirst zum perfekten Landmann. Dein Umgang mit diesen
Tieren ist bemerkenswert.“
„Die Tiere sind bemerkenswert! Das ist eine der großen
Rätsel von Terkan: die Tiere, die Pflanzen, das ist alles
so erdähnlich. Und eine Geschichte scheint Negs auch
nicht zu haben.“
„Wahrscheinlich ist Negs noch nicht so lange besiedelt.
Das ist hier ganz schön abgeschieden. Du hast mal erzählt,
dass die Negser nur zur Schneeschmelze Kontakt mit der nächsten
Stadt hat, Sera oder so ähnlich. Die fahren dann schnell
den Fluss herunter und kommen so schnell wie möglich
zurück. Trotzdem ist es schon mehrfach passiert, dass
sie den Weg zurück nicht mehr geschafft haben, weil der
Fluss vorher ausgetrocknet ist.“
Ein gutes Argument. Die Reise nach Sera war gefahrvoll. Irgendwann
vor einigen hundert Jahren vielleicht waren ein paar mutige
Entdecker von dort gekommen, hatten die Flussoase entdeckt
und sich dort angesiedelt. Aber ungereimt blieb da trotzdem
so einiges.
Nachdem sie das Tier mit Wasser und einigen Möhren erfreut
hatten, traten sie vor die Scheune.
Der Fluss war hinter dem langsam aufziehenden abendlichen
Nebel nur noch zu erahnen, ein gedämpftes Glitzern im
weichen Sonnenlicht. Vor ihnen lag der grün, gelb und
braun gefleckte Teppich der Oase. In ihrem Rücken lag
Negs über ihnen, eine braungelbe Burg. Flussaufwärts
wie flussabwärts konnte man die Wälder erkennen,
die von den Negsern sorgsam gepflegt wurden; weiter oben am
Fluss lagen einige Mühlen. Paul setzte sich am Rand der
kleinen Anhöhe, auf der der Hof lag, ins Gras. Es war
ruhig und friedlich, so wie man sich das Mittelalter romantisierend
vorgestellt hatte. Er würde sich an das Leben hier gewöhnen,
nur eines riss ihm ein tiefes Loch ins Herz: seine Frau und
seine Kinder würde er nie wiedersehen. |
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Andra hatte sich neben Paul gesetzt.
„Du denkst an deine Familie“, stellte sie fest.
Er sah sie an. Er mochte diese Frau, er bewunderte sie auch.
Fast immer war sie ruhig und gelassen. Und Gedanken lesen konnte
sie auch.
Er zuckte mit den Schultern. „Hast du niemanden zurückgelassen?“
„Doch. Meine Eltern, meine Geschwister, Freunde. Auch
einen besonderen Freund.“ Dann, nach einer Pause. „Ich
werde mir auch etwas neues aufbauen müssen, hier, in einer
unsicheren und undurchschaubaren Situation.“ Nach einem
weiteren Zögern. „Was bedeutet hier schon Zukunft?
Wie kann es eine Zukunft geben ohne Vergangenheit? Und es gibt
so wenig Leute, denen man wirklich vertrauen kann.“
Sie wirkte traurig, fast schon verletzlich. Diesen Zustand kannte
Paul bei ihr nicht, er spürte das Verlangen, sie zu umarmen.
Dann dachte er an seine Frau in einem fernen Universum, an seine
unsägliche Verbindung mit Mona und daran, dass Andra mehr
als zehn Jahre jünger war als er. Er war ein wenig durcheinander
und verzichtete darauf, sich wieder zum Narren zu machen.
Rechts tauchte aus dem Nebel ein Wagen auf der Hauptstraße
auf. „Da kommen die Leute, denen du vertrauen kannst.
Sie haben mich aufgenommen ohne viel zu fragen,“ sagte
er auf den sich nähernden Wagen weisend. „Und ich
hoffe, dass du mir so vertraust wie ich dir.“
Sie nahm seine Hand und sah ihn melancholisch an.
Der Wagen rumpelte die kleine Steigung hoch, dann sprangen Hedolg,
Roguli, Dagolesian und einige andere mit lautem Hallo vom Wagen.
Den ganzen Abend sass man in der großen Stube zusammen
und diskutierte. Tee wurde in Mengen getrunken, später
auch eine Art Terkan-Cidre. Schließlich wurde man sich
aber einig. Die Menschen erhofften ein sicheres Asyl in Negs,
die Negser wiederum hofften zumindest auf das Prinzip „Teile
und herrsche“. Sie wussten auch schon vorher darum, dass
die Menschen eine wesentlich heterogenere Gruppe bildeten als
die Knn, aber so konnten sie ziemlich sicher sein, dass nur
noch wenige potenzielle Gegner im Wald blieben. |
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| Die Verhandlungen zogen sich natürlich
noch einige Tage hin. Die Knn mussten einbezogen werden, die
Bevölkerung von Negs wurde einer kontrolliert stichprobenartigen
Befragung unterzogen, aber dann war es so weit.
Erstaunlich glatt ging der Auszug der 185 vonstatten. Paul
erkannte Hermfried, William und Jane, Rodion; auch Gregory
Ginlew war dabei, mit dem er auf der SunJester über die
Theorien von Hntn bezüglich der Sprungpunkte diskutiert
hatte. Überhaupt schienen sich vor allem die Naturwissenschaftler
und Techniker auf ihre Seite zu schlagen.
Mona fehlte, natürlich, aber er vermisste sie nicht.
Kado fehlte auch, ihn vermisste er schon.
In den ersten Wochen gab es eine Menge Unruhe. Viele Negser
waren verständlicherweise misstrauisch, die Knn erst
recht. Die Menschen wurden aus Sicherheitsgründen zunächst
über Negs verteilt, in keinem der Grüppchen waren
mehr als vier Leute. Einige der Techniker begannen, sich in
den Bergwerken umzusehen, um eventuell ein paar Tipps und
Hilfen zu geben. Andere arbeiteten in den Mühlen. Neben
den Windmühlen, die unübersehbar das Tal der Negs
beherrschten, gab es einige Wassermühlen hinter dem Wald
flussaufwärts. Dort befanden sich auch Anlagen zur Herstellung
von Papier, Keramikgrundstoff und Glas, Hammerwerke, große
wasserbetriebene Sägen, also der grobe, laute und schmutzige
Teil der Produktion von Negs. Die Rohstoffe wurden nach Negs
transportiert und dort weiterverarbeitet.
Immer, wenn sich ein paar der Menschen trafen, waren sie voller
Bewunderung darüber, wie perfekt die Technologie und
Organisation der Negser war. Einige der Technikexperten waren
regelrecht frustriert, da sie eher von den Negsern lernten
als umgekehrt. Der ein oder andere Hinweis konnte schon gegeben
werden, so hatten die Negser begonnen, richtiges Porzellan
herzustellen, da die Rohstoffe zwar nicht im Übermaß,
immerhin aber vorhanden waren.
In der beginnenden Trockenzeit wurde das Leben etwas ruhiger.
Die Ernte war eingebracht und verarbeitet und man konnte sich
häufiger der reinen Muße hingeben.
In dieser Zeit traf Paul auch wieder einmal mit Andra zusammen,
erhatte sie mehr als einen Monat lang nicht zu Gesicht bekommen.
Sie brachte einige der neu hergestellten Porzellantassen mit,
die auf dem Hof ausgiebig bewundert wurden. Sie ließen
Eld und Roguli auf dem Hof zurück und gingen Richtung
Fluss. Andra hatte sich ein paar Angeln ausgeliehen, sie wollte
versuchen, etwas Abwechslung in den Speisezettel zu bringen.
Die einzige große Brücke über den Fluss führte
über eine Insel, an deren flussabwärtsgewandten
Seite sie sich niederließen.
Sie plauderten über ihre Beobachtungen der Zeit seit
dem Auszug der Menschen aus dem Wald. Eigentlich war das Zusammenleben
der drei verschiedenen Völker problemlos, die religiösen
Fanatiker waren schließlich im Wald geblieben.
Der Kontakt zu den Knn war nach einer Pase des Misstrauens
wieder intensiver geworden. Sie hatten mittlerweile nicht
nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen verstanden,
dass die Gruppe der Menschen viel unterschiedlicher in ihren
Auffassungen waren als sie selbst.
Paul hatte auch schon zwei Abende mit Oggrd und Brzz verbracht,
wobei sich Oggrd ungewöhnlich wort- und gestenreich für
die Behandlung mit dem Wahrheitstrank entschuldigt hatte.
Paul hatte ihn beruhigt, da er im Rückblick gut nachvollziehen
konnte, dass die Knn keinem der Menschen mehr getraut hatten.
Und die Behandlung hatte er schließlich überlebt. |
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„Seit eurer Ankunft hier in
Negs ist alles richtig gut gelaufen,“ meinte Paul zu
Andra. „Was mich immer noch erstaunt ist, dass der Auszug
unserer Leute von den Mannen Kühnholds so problemlos
akzeptiert wurde.“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Tja, da hat die stille Post gut funktioniert.“
„Da hätte Kühnhold doch Wind von bekommen
müssen. So viele Leute halten doch nicht die Klappe.
Oder funktioniert der Geheimdienst nicht mehr?“
Andra blieb einsilbig, was Paul nachdenklich machte. Kühnhold
hätte es merken müssen, Kado hätte es sicher
merken müssen. Überhaupt Kado!
„Mit Kado, das will mir nicht in den Kopf. Der ist doch
nicht ernsthaft zum Religionsfritzen geworden. Da steckt doch
was anderes hinter.“
Paul sah Andra kritisch an. Die schaute grübelnd auf
den Fluss hinaus.
„Heute beisst aber auch nichts an.“
„Du lenkst ab. Mädel, hier ist was oberfaul, du
verheimlichst mir was.“
Andra schwieg und sah etwas unglücklich aus.
„Kado ist so eine Art Spion im feindlichen Lager. Er
soll uns warnen, falls sich da was zusammenbraut. Aber behalt
das für dich.“
Paul schüttelte den Kopf.
„Du wirst es nicht glauben, das habe ich auch schon
in Erwägung gezogen, aber das würde nicht solche
Heimlichtuerei zur Folge haben.“
Andra sah weiter stumm auf ihre Angel. Paul setzte nach.
„Ich habe dich offenbar in einem der höchst seltenen
Momente erwischt, wo deine Beherrschtheit leichte Risse zeigt.
Du wirkst sonst ruhig, überlegen, der Fels in jeder beliebigen
Brandung – ich bewundere dich deshalb, nebenbei gesagt,
ich wünschte, ich hätte etwas davon. Aber jetzt
wankst du.“
Schweigen.
„Es muss etwas sein, was mir Angst machen würde.“
Paul dachte einen Moment lang nach. „Der ganze Planet
hier stinkt zum Himmel, irgendetwas stimmt nicht damit. Hängt
es damit zusammen?“
Endlich setzte Andra zu einer Antwort an.
„Jaja, du hast schon recht, da stinkt einiges. Ich will
dir erzählen, warum Kado im Wald bleibt und bleiben muss.
Wir haben ausgelost, wer welche Gruppe begleitet.“
„Ach so, jetzt ist es mir klar!“
Andra runzelte die Stirn.
„Keine Scherze, das ist ernster als du vielleicht denkst.
Und du musst es unbedingt für dich behalten.“
Paul nickte und Andra fuhr fort.
„Erinnerst du dich daran, dass ziemlich kurz nach unserer
Landung einer von uns gestorben ist?“
„Ja, Morten Dingsbums, den haben doch Kühnholds
Leute verschwinden lassen.“
Andra widersprach.
„Nein, früher. Rastach Sunsi, erinnerst du dich?“
Das hatte er schon vergessen, er hatte es damals auch nur
am Rande mitbekommen. Jetzt fiel es ihm aber wieder ein. Sunsi
hatte sich bei der Landung etwas verletzt und war dann im
Wald ernsthaft erkrankt. In dieser unruhigen Zeit hatte Paul
sein Schicksal nicht weiter verfolgt.
„Nun gut, er ist tot, aber das kann doch nicht das entsetzliche
sein.“
„Nein, sein Tod an sich nicht, aber lausche gut, mein
lieber Paul. Kurz bevor er starb, verschwand er im Wald und
zwar in der Richtung, in der du auch verschwunden bist, nachdem
dich Kühnholds junge Leute fast erschlagen haben. William
hat mir die Geschichte erzählt.“
„Ich fürchte mich immer noch nicht! Hast du ihn
gefunden und begraben?“
„Gefunden ja, begraben nein. Als Kado sein Verschwinden
bemerkt hatte, sind wir seinen Spuren gefolgt. Er hat zwei
oder drei Kilometer auf dem Trampelpfad zurückgelegt,
dann ist er Richtung Waldinneres abgebogen. Nach weiteren
drei Kilometern haben wir ihn gefunden.“
Sie schüttelte sich, ihr Gesicht war etwas blass geworden.
Paul sah sie erstaunt an.
„Und dann? Du hast doch sicher auch vorher schon mal
einen Toten gesehen.“
Andra sah ihn an, ernst, nachdenklich.
„So einen noch nicht. Es war Rastach Sunsi, aber er
war es auch wieder nicht. Da lag ein etwa menschengroßer
tonnenförmiger Körper mit kurzen, vielleicht 30
Zentimeter langen Extremitäten. Einen Kopf gab es nicht,
von den vier Augen waren zwei oben auf dem Deckel der Tonne,
zwei weitere in der Nähe des oberen Randes. An den, nennen
wir es mal Arme, hatte er gut ausgebildete Hände mit
acht Fingern, die Füße waren dafür einfach
nur blockförmig. Die Tonne war schon von Tieren, vermutlich
diesen Ratten im Wald angefressen worden. Blut war herausgeflossen,
aber ein Skelett oder Organe in unserer Art haben wir nicht
gefunden.“
Andra schüttelte sich. Paul hatte zunächst ungläubig
zugehört, ein leichtes Kribbeln lief über seinen
Rücken. Dann fasste er sich wieder.
„Eine fremde Lebensform aus dem Wald, ihr habt Sunsi
verfehlt!“
Andra sah ihn etwas unwirsch an.
„Wir sind nicht blöde, die Spuren von Sunsi führten
an diese Stelle, kein Zweifel, weder Kado noch ich. Und wir
können sowas beide sehr gut, verlass dich drauf.“
Paul machte eine entschuldigende Geste und Andra fuhr fort.
„Ausserdem: die Tonne hatte noch die Reste von Sunsis
Kleidung an, wenn man das so sagen kann. Es war Sunsi. Oder
etwas, in das sich Sunsi nach seinem Tod zurückverwandelt
hat.“
Sie schauten eine Zeitlang schweigend auf den Fluss. Paul
fragte sich, wieso er nicht erschrockener war über das
Erscheinen einer weiteren Lebensform. Vermutlich hatte er
im Unterbewusstsein schon eine solche Möglichkeit für
wahrscheinlich gehalten, nachdem er diese große Metallplatte
im Wald entdeckt hatte.
Ein Fisch biss an, eine Forelle in Hechtgrösse. Beiläufig
zogen sie das Tier an Land, töteten es mit einem kleinen
Hammer und warfen die Angel wieder aus.
Paul hatte nachgedacht.
„Wieviel Leute wissen davon?“
„Drei.“
„Wer denn alles?“
Andra sah ihn gespielt mitleidig an, dann zählte sie
ihm an den Fingern vor wie einem kleinen Kind.
„Also der Daumen, das ist Kado, der Zeigefinger bin
ich und der Mittelfinger, na? Na??? Das bist du!“
Paul schlug sich leicht auf die Stirn. Wenigstens schien sie
ihren Humor wiedergefunden zu haben.
„Gut, in meinem Alter dauert das alles ein wenig länger.
Nur wir drei?“
Sie nickte.
„Und Kado wird mich wahrscheinlich erschlagen wenn er
erfährt, dass ich dich eingeweiht habe.“
„Warum denn die Geheimniskrämerei?“
„Wir wollen sehen, ob, oder besser wo sich noch mehr
dieser fremden Lebensformen befinden. Und die sollen auf keinen
Fall etwas davon merken, dass wir sie überhaupt entdeckt
haben. Kado passt im Wald auf, ich passe hier auf. Deshalb
auch die Trennung, die Kontrolle von Kühnhold ist nur
ein Nebeneffekt.“
Paul fiel noch etwas ein.
„Habt ihr eigentlich eine Autopsie gemacht?“
Andra schaute erstaunt, dann gab sie ihm ernst Antwort.
„Natürlich. Kado hatte den Koffer mit dem Besteck
gleich mitgenommen und ich hatte das kleine Lehrbuch bei mir.“
„Welches Lehrbuch?“
„Na, 'Werde Exopathologe in 5 Minuten', welches denn
sonst!“
Jetzt übertrieb es Andra aber. Gut, die Frage war wirklich
zu dumm gewesen. Dann ergänzte Andra noch etwas.
„Wir sind zwei Tage später noch einmal zu der Stelle
gegangen. Und da haben wir nichts mehr gefunden. Garnichts
mehr, nicht mal Spuren! Wir vermuten natürlich, dass
irgendwo noch weitere getarnte Tonnen rumlaufen.“
Paul saß eine ganze Weile da, grübelte und versuchte,
die Informationen zu verarbeiten.
„Jeder könnte doch so eine Tonne sein! Wie komme
ich eigentlich zu der Ehre, dass du es mir erzählt?“
„Ich habe mich mit Kado schon direkt nach dem Fund im
Wald darüber unterhalten, wen wir im Notfall einweihen
könnten, und dabei ist dein Name ganz weit vorn auf unserer
gedachten Liste gewesen. Also wirklich ganz weit vorn. Neben
persönlichen Erwägungen bist du wie auch William
einer der bestdurchleuchteten Expeditionsteilnehmer, weil
du auf eine so erstaunliche Art von der SUNJESTER erfahren
hast.“
Paul lachte.
„Ja ja, Paul Aabdahl, der erste im Alfabet. Aber was
war mit Sunsi? Hatte der eine astreine Biografie?“
„Da gab es nicht viel, der gehörte zu den Wirtschaftsleuten,
deren Lebenslauf hatten wir nur unvollständig.“
Dann fiel Paul die große Metallplatte wieder ein.
„Du hast mir was erzählt, jetzt erzähle ich
dir was. Wenn ich recht überlege, steht das vielleicht
in einem engen Zusammenhang mit deiner Geschichte.“
Dann berichtete er von seiner ersten Flucht, von Manfreds
Verfolgung und seinem schnellen Ableben.
Andra war gespannt.
„Ist der auch zur Tonne geworden?“
Paul musste sie enttäuschen. Er schilderte die Beerdigung
und dann die Entdeckung der riesigen Metallplatte auf der
Lichtung.
„Und in die Richtung ist Sunsi offensichtlich gelaufen,“
schloss er seinen Bericht.
Andra war wieder hellwach, ihre alte Dynamik war wieder zu
spüren.
„Was, über 20000 Quadratmeter?“
Sie rechnete kurz nach.
„Schwerer als der Eiffelturm? Das gibt's doch nicht!
Das hat was mit Sunsi zu tun, das muss was damit zu tun haben!
Genauer gesagt nicht mit Sunsi persönlich, sondern mit
den Tonnen.“ |
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Paul nickte, dann fuhr er fort.
„Mit diesem Planeten stimmt auch was nicht. Es gibt
keine Geschichtsschreibung in Negs, das ist schon eigenartig
genug, Tiere und Pflanzen sind auf eine unglaubliche Art den
irdischen ähnlich. Und: es gibt keine Fossilien. Es müsste
doch welche geben. Eine versteinerte Muschel, ein Blatt, ein
kleiner Dinosaurier. Und dann überleg doch mal: wir durchkreuzen
das halbe Weltall, nur um hier dann Apfelsaft, Hühnereintopf
und Forelle Müllerin zu essen. Da fehlt doch nur noch
ein Alphorn.“
Andra wiegte den Kopf.
„Vielleicht hat man noch nicht genau genug nach fossilen
Spuren gesucht, vielleicht ist diese Flussoase wirklich erst
seit wenigen hundert Jahren besiedelt. Aber der Rest, das
ist schon komisch. Die Frage ist nur, gibt es eine Verbindung?“
„Sunsi und die Metallplatte im Wald? Sicher, würde
ich sagen. Aber die Ungereimtheiten hier? Ich weiss nicht.“
Inzwischen waren ihre Bemühungen in der Nahrungsbeschaffung
von weiterem Erfolg gekrönt. Sie waren einige Minuten
damit beschäftigt, drei weitere Fische in den Korb zu
der grossen Forelle zu legen. Sie sahen sehr appetitlich aus
und Paul freute sich schon auf das, was Hedolg daraus zaubern
würde.
Dann saßen sie aneinander gelehnt da und schauten auf
den Fluss, dem die abendliche Sonne wie immer einen warmen
goldbraunen Glanz gab. Schwalben jagten flach übers Wasser,
um die dort schwebenden Insekten zu dezimieren.
Abendessen!
Sie nahmen den Korb und machten sich auf den Weg zurück
zum Hof. Unterwegs sammelten sie noch zwei bestimmte Sorten
Kräuter vom Wegesrand, die aus dem Fisch eine Delikatesse
machen würden.
„Wir brauchen mehr Leute, die die Augen aufhalten,“
sagte Paul. „Wir müssen mehr Leute einweihen. Das
kann doch eine gefährliche und aggressive Spezies sein,
diese Tonnen. Die Erde ist womöglich in Gefahr.“
Andra sah ihn schon wieder so mitleidig an.
„Soll ich dir den Korb abnehmen? Dann klappts mit dem
Denken vielleicht besser.“
„Sag mal, woher hast du das mit den Sprüchen? Das
ist doch meine Rolle, eigentlich!“
Andra grinste.
„Ganz ehrlich, das gefällt mir an dir, in jeder
Situation ein lockerer Spruch, sogar dann, wenns kritisch
wird. Das hab ich bei dir kopiert.“
Paul wurde nachdenklich. Ihm imponierte bei Andra doch etwas
wesentlich Substanzielleres als ihr bei ihm. Damit musste
er sich wohl abfinden.
Dann dachte er nach, trotz des Korbs mit den Fischen. Sicher,
die Erde war in Gefahr. Ausserdem brannte die Sonne schon
seit geraumer Zeit und keiner flog hin zum Löschen.
Wie tief musste man wohl graben, um jemanden zu finden, den
das interessierte - zumindest hier auf Terkan. Er würde
sicher nicht mehr zur Erde kommen und die Tonnen, die hier
womöglich noch unter ihnen waren gewiss auch nicht.
Doch ihm kamen Zweifel.
„Vielleicht hast du mit deinem Spruch doch nicht so
recht, Andra. Klar, im Moment sieht es so aus, als würden
wir die Erde nie wieder sehen. Aber diese Platte! Das waren
die Tonnen, davon gehen wir mal aus. Wozu das Ding? Um aller
Welt zu zeigen, wie grossartig sie in der Bearbeitung von
Metallen sind? Dann hätten sie das sicher nicht so schön
vergraben. Und bedenke, diese Lämpchen, die blinken immer
noch, seit wann wohl? Das ist irgendetwas funktionsfähiges,
nur wozu? Ich sag dir, das ist noch nicht raus, dass wir hier
unsere Rente kriegen!“
Andra ging nachdenklich neben ihm her.
„Diesmal scheinst du etwas weiter gedacht zu haben.
Ich verstehe was du meinst und ich glaube, da ist was dran.
Und ich glaube, wir müssen wirklich noch zwei oder drei
Leute mit einweihen, die mit aufpassen.“
Sie diskutierten einige Möglichkeiten. Andra hatte ein
phantastisches Gedächtnis für die Sicherheitsdaten
der Expeditionsteilnehmer von der Erde, gut, es war natürlich
ihr Job. Paul hätte natürlich gern William dabeigehabt,
aber Andra lehnte ab.
„William selbst wäre ohne Frage ein geeigneter
Kandidat, aber seine Frau spinnt so ein wenig, religiös
meine ich. Das ist immer ein bischen unkalkulierbar.“
Einig waren sie sich über Rodion, Andra fragte Paul nach
seiner Meinung übr Gregory Ginlew.
„Trocken, aber nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen.
Ich habe ihn bei der Evakuierung und auch bei unserem Fastabsturz
nach Terkan einige male gesehen. Ein Stoiker.“
Weder die Terkaner noch die Knn sollten zunächst eingeweiht
werden, aber sie einigten sich, Oggrd, Brrz, Roguli und Olami
ein paar mal auf den Zahn zu fühlen.
„Das wären glaube ich gute Leute, die kenne ich
auch ziemlich genau,“ meinte Paul.
Gut gelaunt kamen sie auf dem Hof an. Paul zog noch eine Zwiebel
aus einem Beet in der Nähe des Hauses, dann traten sie
ins Haus und freuten sich auf ein fröhliches Abendessen. |
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In den folgenden, relativ ruhigen Wochen
trafen sich Knn, Menschen und Terkaner häufig abends in
kleinen Gruppen, mal in der Stadt, mal auf den Höfen, an
schönen Tagen auch in einem Park auf der Insel im Fluss.
Geschichten wurden erzählt, es wurde auch gesungen. Die
Terkaner waren leidenschaftliche Kartenspieler, sie kannten
auch eine ganze Reihe von Brettspielen. Auch die Knn entpuppten
sich als Spielernaturen und so fanden auch Turniere statt, wobei
Korr, ein pokerähnliches Kartenspiel und Transmitter, ein
Strategie-Brettspiel die Favoriten waren.
Diese Abende genoss Paul. Nach einigen Wochen Praxis stellte
er sich als ausgezeichneter Transmitterspieler heraus, allerdings
hatte er gegen Eld kaum einmal eine Chance. Immerhin erreichte
er in der offiziellen Rangliste hinter 6 Negsern und einem Knn
den achten Platz.
Gleichzeitig wurden die Abende aber dazu genutzt, mit den möglichen
Verbündeten bei der Suche nach weiteren Tonnen zu sprechen
und ihre Reaktion auf eigenartige Fragen zu testen.
Eines Abends war es dann so weit. Olami, Brzz, Rodion und Gregory
Ginlew sassen mit Andra und Paul zusammen, auf eine solche Kombination
hatten sie lange gewartet.
Andra wollte beobachten und Paul brachte das Gespräch langsam
in eine Richtung, die Andra einen Bericht ihrer Entdeckung ermöglichte.
„Mich wundert immer, dass ihr gar keine Geschichten über
die Entstehung von Negs kennt,“ wandte er sich an Olami.
„Negs war schon immer hier, seit Urzeiten,“ sagte
sie und lächelte. „Um die Wahrheit zu sagen, wir
fragen uns auch manchmal, wie das hier angefangen hat, aber
die ältesten Aufzeichnungen aus der Geschichte sind zwischen
zweihundert und zweihundertfünfzig Jahre alt, von der Zeit
davor wissen wir nichts. Ich stimme da mit der Erklärung
von Herg überein, er ist unser Vordenker, wie ihr wisst.
Er zweifelt nicht daran, dass die frühen Negser aus Sera
herkamen, vielleicht sogar flohen und zu wenig Zeit hatten,
ausführliche Berichte über die täglichen Geschichten
aufzuschreiben. Es gibt einige offenbar sehr alte Erntelisten,
aber das wars auch schon. Man erzählt auch von einem Brand,
der alte Dokumente vernichtet hat, aber das muss auch schon
sehr lang her sein.“
„Wie erklärt ihr euch eigentlich die Entstehung eurer
Welt, der Pflanzen, Tiere und Menschen?“ fragte Paul weiter.
„Ihr kennt unser heiliges Zeichen: Der Kreis steht für
die äußere Welt mit Sonne und Sternen, das Sechseck
für unsere Welt Terkan, das Fünfeck für die belebte
Welt, das Viereck für die Tiere und das Dreieck für
die Menschen. Eins lebt im anderen, nichts ist ohne das andere,
das Innere entsteht aus dem Äußeren, die Gesamtheit
steht höher als die Teile.“ Olami machte eine kurze
Pause. „Ich weiss, das erklärt nicht das Wie der
Entstehung. Vielleicht findet ihr es simpel und naiv, ihr wisst
schliesslich viel mehr, ihr herrscht über den Raum.“
„Und wir sind in unserer unendlichen Weisheit hier gelandet
und herrschen jetzt vom Boden aus,“ warf Greg trocken
ein.
Oggrd schaute auf den Boden, ein Zeichen für Betroffenheit.
Greg stiess ihn aufmunternd an.
„Jetzt fang nicht wieder damit an, dass es den Knn peinlich
ist. Ihr seid auf einem technischen Stand, der dem unseren überlegen
ist, obwohl unsere Erde fruchtbarer ist, obwohl dort mehr Leute
leben. Und ihr habt uns gerettet trotz dieses Unglücks,
für das ihr wahrlich keine Schuld tragt. Wir sind euch
dankbar, dankbar, dankbar.“
Die Benutzung dieser typischen verstärkenden Sprachfigur
aus Knn schien Oggrd wieder ein wenig aufzumuntern. Er griff
den gedanklichen Faden des Gesprächs wieder auf.
„Es ist eigentlich eigenartig, wir haben auch nur geringe
geschichtliche Quellen. Unsere Theorie von der Entstehung des
Universums und der Planetensysteme entspricht bis auf winzige
Unterschiede der euren, aber für die Entstehung des Lebens
haben wir keine vernünftige Erklärung. Ihr findet
auf der Erde viele versteinerte Zeugen der Vergangenheit, aber
das gibt nicht viel mehr als hier auf Terkan. Wir haben da eigentlich
nur ein paar alte Märchen, die wir schon mal unseren Kindern
erzählen.“
Dann rückte Olami mit einer erstaunlichen Geschichte heraus.
„Mit Märchen können wir auch aufwarten. Wir
haben einen uralten Mythos über die Entstehung unserer
Welt. Vor Urzeiten war unsere Welt glatt und leer, es gab nur
eine endlose Sandwüste. Eines Tages stürzte aus dem
Himmel ein riesiger Stern in die Mitte der Welt und aus dem
Inneren erwuchsen zwei wunderschöne Wesen, Lik, das helle
lichte Tagwesen und Nik, das dunkle edle Nachtwesen. Sie lebten
einträchtig zusammen. Am Tage schuf Lik liebliche Blumen
und Feen, in der Nacht schuf Nik gewaltige Berge und Täler.
Doch dann begann der Streit zwischen ihnen, wer die schöneren
Dinge erschaffen hatte. Lik neidete Nik die Berge, Nik neidete
Lik die Blumen. Und sie begannen, die Werke des anderen zu zerstören.
Lik vertilgte alle Berge, Nik frass in seiner unbändigen
Wut alle Blumen und Feen. Sie fraßen und rasten über
Terkan, bis sie sich in riesige Walzen verwandelt hatten; alle
Schönheit war von ihnen abgefallen. Schließlich standen
sie sich auf den beiden letzten Berggipfeln gegenüber.
Sie stießen Schreie aus, die ganz Terkan zum Zittern brachten,
dann rollten sie mit immer grösserer Geschwindigkeit den
Berg herab. Als sie zusammenstießen, verwandelten sie
sich in ein grässliches Monster mit vier Augen. Lik und
Nik kämpften im Inneren des Monsters gegeneinander, bis
es explodierte. Aus seinem Blut wurden Meere und Flüsse,
aus der Haut und dem Fleisch die Berge, Pflanzen und Tiere.
Die Augen des Monsters aber vereinigten sich mit Lik und Nik
und daraus entstanden Mann und Frau. Und seitdem sorgt der Mensch
für Terkan.“ |
Hier müssen noch ein paar Actionelemente
rein:
Versuchter Angriff von Kühnhold,
Überlegungen zur Zukunft. |
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Paul versuchte mühsam die Fassung
zu bewahren. Er schaute zu Andra, die aber kühl und gelassen
die Anwesenden beobachtete. Die wiederum fanden auch nichts
Erstaunliches daran, ähnliche Geschichten gab es auf
der Erde und offenbar auch auf Knn.
Andra sah mit einer Mischung aus Belustigung und Überraschung
zu Paul herüber. Sie fasste sich an die Nase, ihr Zeichen
dafür, dass sie ihre Geschichte jetzt auftischen wollte
und Paul wiederholte die Geste.
„In solchen alten Geschichten steckt oftmals ein Kern
Wahrheit,“ fing Andra an, dann erzählte sie, wie
sie mit Kado den toten Rastach Sunsi gefunden hatte. Pauls
Entdeckung im Wald ergänzte ihren Bericht.
„Wir wissen nicht, was das genau bedeutet, aber wir
wollen versuchen, die Augen offenzuhalten. Und ihr müsst
schweigen zu jedermann,“ beendete sie den Bericht.
Eine Zeitlang schwiegen alle, dann fand Rodion als erster
die Sprache wieder.
„Wie war das noch? Vier Augen und tonnenförmig?
Das hast du nicht gerade erfunden?“
Paul winkte ab.
„Ich weiß das schon seit ein paar Wochen.“
Weiteres Schweigen, dann Oggrd.
„Das heißt doch wohl, dass sowohl auf Terkan wie
auf der Erde solche Tonnen leben oder gelebt haben.“
Rodion widersprach.
„Das muss nicht unbedingt so sein. Vielleicht ist Sunsi
ja mit Euch gekommen. Die können ja offenbar ihre Gestalt
verändern.“
„Kann nicht sein, wir haben unsere Leute genau gezählt!
Das waren 199 und über deren Verbleib wissen wir genau
Bescheid. Der hat sich in eure Expeditionsmannschaft geschlichen.
Und zwar von der Erde aus, der war schon da.“
Eine Zeit lang herrschte wieder Ruhe, alle grübelten
vor sich hin.
Nach einer Zeit fragte Rodion. „Ihr habt doch auch Erbgutuntersuchungen
gemacht von den Knn. Was ist denn dabei rausgekommen?“
„Das ist schon sehr ähnlich,“ antwortete
Paul. „Die zwanzig Aminosäuren, aus denen das Eiweiß
auf der Erde besteht, sind die selben wie auf Knn. Die Zusammensetzung
ist der irdischen so ähnlich, dass wir mit der hiesigen
Nahrung keine Schwierigkeiten haben. Auch die Erbsubstanz
sind sehr ähnlich, der Unterschied ist wesentlich geringer
als der zwischen Mensch und Gorilla.“
„Und wenn die Tonnen dahinterstecken? Stellen wir uns
doch einfach mal vor, dass vor vielen Millionen Jahren Tonnen
auf die Erde kamen, einige Exemplare des homo habilis oder
homo erectus geklaut haben und damit andere Planeten besiedelt
haben. Die Knn haben das Wissen über das Reisen im Raum,
warum nicht auch die Tonnen? Und die ausgesetzten Frühmenschen
haben sich dann zu den Knn und Terkanern entwickelt.“
„Und die Tonnen? Und diese Metallplatte? Meinst du,
die kontrollieren ihr Experiment noch, zumindest zeitweise?“
„Also wenn ich das richtig verstehe,“ fragte Olami
nach, „haben fremde Lebewesen, also ich meine ganz andere
Lebewesen, vor langer Zeit einige Vorfahren der Menschen entführt
und auf Knn und Terkan ausgesetzt? Und was ist mit den Pflanzen
und Tieren?“
„Die müssen die auch mitgebracht haben.“
Oggrd widersprach.
„Bei uns aber nicht, unsere Pflanzen und Tiere sehen
ganz anders aus, nur die Aminosäuren und das Erbgut ist
den irdischen und terkanschen ähnlich.“
Greg hatte die ganze Zeit nur zugehört, aber jetzt fasste
er zusammen.
„Ich finde auch nur eine Erklärung: Die haben ein
Experiment gemacht. Die Frage für die Tonnen war, wie
die höchstentwickelte Lebensform der Erde unter anderen
Bedingungen zurechtkommt. Also haben sie ein paar auf Terkan
ausgesetzt und die Tiere und Pflanzen direkt mitgeliefert.
Auf Knn gab es schon Tiere und Pflanzen, also wurden die Menschen
dazwischen gesetzt. Nun gut, überlebt haben sie und über
den Zeitpunkt dieses Experiments kann man nur Vermutungen
anstellen. Aber eine Frage bleibt unbeantwortet: Warum? Spieltrieb?
Die müssen so hochentwickelt sein, dass die über
ein solches Stadium hinweg sind, zumindest als Rasse, Volk
oder wie immer man die Gesamtheit der Tonnen bezeichnen mag.
Oder sind die so hochentwickelt, dass es sich eine kleine
Gruppe als Zeitvertreib leisten konnte, mit fremden Lebensformen
rumzuexperimentieren? Oder ist es ein lange zurückliegendes
wissenschaftliches Experiment? Aber welchen Zweck könnte
das gehabt haben und warum solten die das jetzt noch beobachten,
vor allem warum auf der Erde? Als Vergleich? Denn die Erde
wäre sicher der Ausgangspunkt eines solchen Experiments
wegen der präzise nachvollziehbaren Entwicklung von der
Bakterie bis zum Blauwal. Egal, welche Möglichkeit man
annimmt, kein angenehmer Gedanke, dass man eigentlich nur
eine bessere Laborratte ist. Für Tonnen mit vier Augen
auch noch!“
Alle saßen angespannt um den Tisch und grübelten
vor sich hin. Irgendwann schaute Paul in die starr dasitzende
Gruppe, dann schnippste mit den Fingern wie ein Hypnotiseur,
der ein Medium aufweckt.
„Leute, entspannt euch mal. Wir sind hier und die Erde
und Knn sind weit weg. Weit weit weg. Ich mach uns mal nen
Tee.“
Die Runde wurde wieder lebendig, man begann wieder zu plaudern,
zu lachen, Tee wurde getrunken und schließlich stimmte
Rodion das Lied von lachenden Ochsen an. |
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Später am Abend unterhielt sich
Rodion noch einmal mit Paul.
„Die Tonnen werden sehr alt.“
Paul sah ihn überrascht an.
„Hast du mit einer gesprochen?“
„Ja, auf Jamaika, bei einem Forschungsaufenthalt.“
Paul schaute wie ein neugeborenes Kalb, während Rodion
fortfuhr.
„Dann stellte sich aber nur heraus, dass ich einfach zu
viel Rum mit Cola getrunken hatte und mich mit einer Steel-Drum
unterhalten hatte.“
„Ungemein humorvoll!“
„Nein, mein Junge, im Ernst, würdest du Jahre deines
Lebens damit verbringen, Laborratten bei der Arbeit zu beobachten?
Das ist auch nicht viel spannender als Beton beim Hartwerden
zuzusehen. Die müssen sehr alt werden. Wenn die vielleicht
einige Jahre auf der Erde bleiben – und ich glaube nicht,
dass die ihr Personal öfter auswechseln, das wäre
doch irgendwem aufgefallen – dann ist das für die
wie für uns ein paar Wochen.“
Paul dachte einen Moment nach und widersprach dann.
„Mag sein, das ist aber sehr nach deinen Wertmassstäben
gedacht. Vielleicht haben die ganz andere Werte und machen das
aus Überzeugung. Bedenke, was auf der Erde alles aus religiösem
Wahn passiert ist.“
Erst spät, nachdem Andra noch einmal zur Aufmerksamkeit
und zum Stillschweigen aufgefordert hatte, gingen sie auseinander.
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